Unternehmerin Fränzi Kühne

    "Die Frauenquote fand ich Quatsch"

    35:22 Minuten
    Porträt von Fränzi Kühne mit wachem Blick, in blauer Jeansjacke
    "Ich möchte von Wirtschaftsbossen wissen, was für ein Familienbild sie haben", sagt Fränzi Kühne. In ihrem Buch sind die Antworten zu lesen. © Tom Wagner
    Moderation: Britta Bürger · 26.05.2021
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    Gründerin der ersten Social-Media-Agentur Deutschlands und jüngste Aufsichtsrätin eines Dax-Unternehmens: Fränzi Kühne hat feministischen Schwung in die Digital-Branche gebracht. Jetzt erscheint ihr Buch "Was Männer nie gefragt werden".
    Als Aufsichtsrätin beim Telekommunikationsunternehmen Freenet stellte Fränzi Kühne sich auf Fragen nach Bilanzen, Unternehmensplänen und Marketingstrategien ein. Doch dann kreisten die meisten Interviews um das richtige Outfit, Frisuren oder Kinder und Beruf.
    Das "Projekt Familie", so Kühne, spiele bei Männern in Führungspositionen praktisch nie eine Rolle. "Das wird bei einer Frau immer thematisiert, immer mitgedacht in Bewerbungsgesprächen, aber eben auch in Interviewsituationen", sagt die Unternehmerin.

    "Wollen sie die Firma ruinieren?"

    Also hat die Aufsichtsrätin den Spieß umgedreht und für ihr Buch "Was Männer nie gefragt werden. Ich frage trotzdem mal" mit 22 Männern gesprochen. Darunter sind Prominente wie Heiko Maas, Gregor Gysi und Joe Kaeser. Die Digitalunternehmerin fragte nach Karrieretipps, Vorbildern und auch danach, wie auf eine Vaterschaft reagiert wurde:
    "Das war eine Frage, die Männer zum Teil gar nicht verstanden haben. Aber das war eine der Fragen, die ich immer wieder beantworten musste in meinen Interviews. Und bei mir haben meine Geschäftspartner gefragt, ob ich die Firma ruinieren möchte, als ich gesagt habe: Ich bin schwanger."
    Die Reaktionen auf Kühnes Fragen reichten von "total fröhlich" bis zu Schweigen, "weil es niemanden was angeht", erzählt die Autorin. Mit ihrem Buch möchte sie eine Debatte darüber anstoßen, "dass die weichen Fragen nicht immer nur an Männer gestellt werden, wenn es mal so ein bisschen menscheln soll", sagt Kühne:
    "Ich will wissen, wenn wir jetzt eine neue Regierung wählen: Welche Person stehen dahinter? Welche Personen wähle ich eigentlich? Welches Familienbild haben die? Das sind durchaus berechtigte Fragen. Und genau das möchte ich auch von Wirtschaftsbossen wissen."

    Mit 34 in den Aufsichtsrat

    Fränzi Kühne ist selbst Mutter zweier Kinder. 2017 wurde sie bei Freenet Aufsichtsrätin. Mit ihren 34 Jahren war sie damals die jüngste Frau auf diesem Posten. Was man im Aufsichtsrat wirklich macht, die Digitalunternehmerin wusste es damals nicht. Aber sie wusste: "Wir haben da dieses Frauenproblem in Deutschland. Das heißt, ich kann da jetzt nicht Nein sagen."
    Vor 600 Aktionären musste sie eine Bewerbungsrede halten. Eine besondere Herausforderung. Also sprach Kühne über Digitalisierung, ihr Thema. 99 Prozent der Aktionäre muss das überzeugt haben.

    Deutschlands erste Social-Media-Agentur

    2008, noch während des Juraststudiums, gründete Fränzi Kühne mit zwei Partnern Deutschlands erste Social-Media-Agentur. Die Lufthansa und auch die Deutsche Bahn zählten zu ihren Kunden:
    "Wir haben damals Marken erklärt, wie sie mit Facebook umgehen sollen, haben Postings geschrieben, Inhalte erzeugt, uns Kampagnen überlegt. Das waren die Anfänge. Und später haben wir die Vorstände von verschiedensten Unternehmen gefragt, wie eigentlich ihr Unternehmen in fünf bis zehn Jahren aussehen soll, und haben zusammen eine digitale Vision entwickelt."
    2014 kürte das Magazin "Edition F" Fränzi Kühne zu einer der wichtigsten 25 Frauen der digitalen Zukunft. Ein Jahr später verkaufte sie das Unternehmen. Seit drei Jahren engagiert sich Kühne bei der AllBright Stiftung für mehr Frauen in Führungspositionen.

    "Ich wollte Kriminalkommissarin werden"

    Seitdem hat sich auch ihre Einstellung zur Frauenquote verändert. "So ein Quatsch", dachte sie damals nach der Gründung ihrer Firma.
    "Aber jetzt habe ich gesehen, da gibt es Unternehmen, die sehen das gar nicht so selbstverständlich an wie ich. Es befördern sich eigentlich immer nur die dieselben, das sind leider nun mal Männer. Das ist so ein ewiger Kreislauf. Daher brauchen wir leider die Quote."
    Im letzten Jahr zog Fränzi Kühne sich ganz aus ihrem Digitalunternehmen zurück. Mit der Familie wollte sie auf Weltreise gehen, sich neue berufliche Wege überlegen. Aus der Weltreise wurde nichts. Wie alle anderen musste Fränzi Kühne zu Hause bleiben. Also schrieb sie an ihrem Buch, sitzt nun im Beirat einer Unternehmensberatung und schaut noch immer regelmäßig den "Tatort". Denn eigentlich wollte sie mal Kriminalkommissarin werden: "Ich war immer die Erste, die den Täter erraten hat. Deswegen dachte ich, ich habe so ein Talent und gehe in diese Richtung."
    (ful)
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