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Im Gespräch | Beitrag vom 12.03.2021

Unternehmer und Thriller-Autor Dirk Roßmann"Ich habe dieses Buch geträumt"

Moderation: Ulrike Timm

Porträt des Unternehmers Dirk Roßmann (Amin Akhtar)
Bereits mit 13 Jahren hat Dirk Roßmann Drogerieartikel verkauft, später wuchs und wuchs das Familienunternehmen. (Amin Akhtar)

Mit Hauptschulabschluss und Lehre brachte er es zum Milliardär: Dirk Roßmanns Familienunternehmen betreibt mehr als 4000 Drogeriemärkte. Roßmann ist Geschäftsmann, will die Welt verbessern und hat mit seinem neuen Thriller einen Bestseller gelandet.

Dirk Roßmann hat den Einzelhandel revolutioniert. Aus einem kleinen Drogeriegeschäft in Hannover machte er ein Imperium mit über 50.000 Mitarbeitern. Seine Frau und seine Söhne sind in das Unternehmen involviert. Roßmann kommt aus einem Familienunternehmen und ist immer Familienunternehmer geblieben. Der Milliardär gilt als bodenständig, zurückhaltend und engagiert: In seinem Thriller thematisiert er die Gefahren der Erderwärmung. Und bietet einen fiktiven Ausweg.

Ein beinharter Wettbewerb

Als erster Unternehmer in Deutschland führt Dirk Roßmann 1972 die Selbstbedienung in Drogerien ein. Eine radikale Neuerung. Bis dahin sah eine Drogerie ungefähr so aus wie eine Apotheke, erinnert sich der Firmenchef: "Also mit einem Tresen und man sagte: Guten Tag, ich möchte eine Tube Zahncreme haben! – Das können sich junge Menschen heute gar nicht mehr vorstellen."

Seine Geschäftsidee sorgt für ein großes Ladensterben. Von den vielen kleinen Drogerien in Deutschland überlebt kaum eine. Mittlerweile gibt es nur noch zwei Marktführer.

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"Es ist tatsächlich so", gibt Roßmann zu, "dass sich da ein Stück Oligarchie entwickelt hat." Doch, um es mit einem Unternehmen an die Spitze zu schaffen, sei "ein beinharter Wettbewerb" nötig. "Und da bleiben immer nur wenige übrig."

Höhen und Tiefen

Heute steht sein Unternehmen glänzend da. Im Corona-Jahr konnte sogar ein kleines Plus verbucht werden. Die legendären Hamsterkäufe sind aber nicht der Grund: "Nein, überhaupt nicht! Also Klopapier verwenden die Menschen nicht mehr als sonst auch, die haben nur gehortet. Nein, wir haben ein Plus gemacht in den Bereichen Spielwaren und Schreibwaren, Fieberthermometer und solche Produkte. Die sind enorm gestiegen im Absatz."

Doch Dirk Roßmann kennt auch ganz andere Zeiten: Mitte der 90er-Jahre entgeht er um Haaresbreite der Pleite. Er hatte versucht, mit wenig Eigenkapital zu expandieren. Doch die Bankschulden werden immer höher, er verspekuliert sich an der Börse und – bekommt einen Herzinfarkt. Das, sagt er, sei der Cut gewesen:

"Ich habe alles verkauft, die Aktien, alles. Vorher war ich auch an anderen Firmen beteiligt, weil ich so ein Hans Springinsfeld war. Aber dann habe ich mir gesagt, ich kann nur eine Sache machen: Drogeriemärkte. Da muss ich mich hundert Prozent drauf konzentrieren. Und dann bin ich langsam aus dem Loch rausgekommen."

Das Unternehmer-Gen

Dirk Roßmann wird 1946 in Hannover geboren und wächst in einer Drogisten-Familie auf. Seine Erinnerung an die Kinderzeit nennt er "durchwachsen": Der Vater stirbt früh, die Familie hat ständig mit Geldsorgen zu kämpfen.

"Meine Mutter wurde sehr laut, wenn wir als Kinder das Licht anließen, weil das ja Strom kostet! Und, hatte ich mir ein Loch in die Hose gerissen, dann brach die Welt zusammen. Als Kind habe ich immer gefühlt: Ich muss mich sehr anstrengen im Leben. Denn ich wollte unbedingt aus dieser finanziellen Not raus."

Dirk Roßmann ist kein guter Schüler aber fantasievoll, wenn es ums Geschäft geht. Schon als 13-Jähriger baut er sich einen "kleinen Betrieb" auf, indem er die Nachbarn mit Zahncremes und Mundwasser beliefert: "Ich klapperte 50 Häuser ab. Mit dem Fahrrad, jeden Freitag."

Sturheit siegt

Als er mit 18 Jahren zur Bundeswehr eingezogen wird, wehrt er sich vehement. Sein Vater ist tot, die Mutter krank, der ältere Bruder studiert, auch die Großeltern sind auf ihn als Versorger angewiesen. Um weiter in der Familien-Drogerie arbeiten zu können, klagt er gegen den Einberufungsbescheid. In der Kaserne erklärt er immer wieder: "Ich prozessiere gegen die Bundesrepublik Deutschland und aufgrund des Wehrdienstgesetzes muss ich hier gar nicht sein, weil ich meine große Familie ernähren muss."

Die Bundeswehr weist ihn für vier Wochen in eine Nervenklinik ein. Nach der Entlassung verweigert er jeden Befehl und sattelt noch eins drauf: Klettert in Uniform auf einen hohen Baum und bleibt dort, bis ihn die Feuerwehr herunterholt.  

Am nächsten Tag, sagt Roßmann, kam der Brief: "‘Der Kanonier Dirk Roßmann ist mit sofortiger Wirkung von der Bundeswehr zu befreien.‘ Und so hatte ich nach fünf Monaten den Kampf gewonnen. Das klingt heute alles sehr einfach, aber damals war das für mich existenziell."

Ein Thriller über die Klimaerwärmung

Um Geld muss sich der Drogerie-Unternehmer heute keine Sorgen mehr machen. Dirk Roßmann ist als Unternehmer bekannt und wohlhabend geworden, doch das reicht ihm nicht. Mit seinen über 70 Jahren ist er unter die Thriller-Autoren gegangen.

"Der neunte Arm des Oktopus" heißt sein Bestseller, den er auch über die Rossmann-Filialen bewirbt. Er sei sehr besorgt, wenn er die Wissenschaftler von "Kipppunkten in der Klimaentwicklung" sprechen höre. Und überlege, was gegen die Erderwärmung getan werden könne. Die Frage habe ihn bis in den Schlaf verfolgt:  

"Ich bin 14 Tage lang jede Nacht um vier Uhr wach geworden: Ich hatte geträumt. Die Handlung war, dass die drei Großmächte USA, China und Russland zur Besinnung kommen, sich zusammentun und versuchen, das Klima irgendwie noch zu retten. Und als ich das so geträumt habe, hatte ich plötzlich einen unglaublichen Druck, daraus ein Buch zu machen."

(tif)

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