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Im Gespräch | Beitrag vom 27.11.2020

Unternehmer Hamid DjaddaZweimal Pleite, dreimal Millionär

Moderation: Susanne Führer

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Hamid Djadda (Tanja Brueckner)
Sorgt sich um die Verdrängung von Mietern und Kleingewerbe: Unternehmer Hamid Djadda. (Tanja Brueckner)

Seine erste Million verdiente Hamid Djadda Jahre mit Glasfiguren. Zwei Pleiten später ist er wieder Millionär: mit Immobiliengeschäften. Zugleich engagiert er sich in Berlin gegen zu hohe Mieten.

Hamid Djadda ist in der Welt herumgekommen: Geboren in Teheran, aufgewachsen in Hamburg, studiert in San Francisco, gründet er in den 1980er-Jahren mit Mitte 20 sein erstes Unternehmen im Allgäu. Aus Kristallglas werden Figuren gebastelt, "Katzen, Hunde, Schwäne", erzählt Djadda. Anfangs klebt er die Figuren noch selbst zusammen, später übernehmen das Mitarbeiter. Denn das Unternehmen wächst schnell, "die Glasfiguren waren damals der Renner". Mit diesen Glasfiguren wird Djadda zum ersten Mal Millionär. Wie hat sich das angefühlt? "Sehr gut. Sehr gut!"

Doch der Konkurrent Swarovski strengt eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung an. Nach mehreren Jahren und Instanzen gewinnt Swarovski schließlich vor dem Bundesgerichtshof. Und Hamid Djadda muss Insolvenz anmelden. "Als ich mit meinem Geschäft anfing, hatte ich gar keine Erfahrung. Ich wusste gar nicht, dass es solche Gesetze gibt. Das musste ich alles hart lernen."

Nach der Pleite Neuanfang in Thailand

Nächste Station: Thailand. Djadda wollte die Glasmanufaktur nach Fernost verlagern, hatte allerdings keine Ahnung von der Region. Ein Freund hatte ihm erzählt, dass man in Thailand billig fertigen lassen kann und ein Freund des Freundes war schon in Thailand, "der mir dann geholfen hat, die Fabrik aufzubauen. Sie brauchen schon lokale Personen, denn ich sprach damals kein Thai und konnte keine Gesetze lesen".

Und so ging es kurz entschlossen von Kaufbeuren nach Bangkok. "Vielleicht bin ich manchmal zu spontan. Aber manchmal hilft es natürlich auch!"

Zu Spitzenzeiten beschäftigt die thailändische Fabrik 250 Menschen, Djadda wird zum zweiten Mal Millionär. Und geht zum zweiten Mal pleite. Der Geschmack ändert sich, niemand kauft mehr Glasfiguren. Anders als nach der ersten Pleite kann Djaddas Vater ihm diesmal finanziell nicht helfen, denn auch er ist mit seinem Orientteppich-Handel pleitegegangen.

Die dritte Million

Nach 22 Jahren in Thailand kehrt Djadda nach Deutschland zurück, die ersten Jahre pendelt er regelmäßig zwischen Iran und Deutschland, und handelt mit Immobilien, die Gewinne aus Iran steckt er in den Berliner Immobilienmarkt. Djadda wird zum dritten Mal Millionär, schneller und leichter als bei den ersten Malen.

"Ich kann das wirklich gut vergleichen, weil ich verschiedene Arten von Geschäften gemacht habe: Nirgends kann man so schnell und so risikolos und so bequem Geld verdienen wie mit Immobilien."

Doch die Entwicklung in Berlin macht ihm Sorgen: "Die Verdrängung der Menschen aus ihren Wohnungen. Und, genauso schlimm, was aber nicht so häufig erwähnt wird, die Verdrängung des Kleingewerbes, kleine Geschäfte wie Hutmacher, Glaser. Sie tragen zum Witz und Charme der Stadt bei und sie verschwinden zu Tausenden aus der Stadt."

Mit Erste Sahne e.V. gegen zu hohe Mieten

Daher hat Hamid Djadda eine Stiftung gegründet, die Ohde-Stiftung, und den Verein Erste Sahne e.V., um die Mietentwicklung zumindest "punktuell zu lindern". Das ist bisher einmal gelungen, die Ohde-Stiftung kaufte die Immobilie, in der ein Berliner Glaser seit 42 Jahren sein Geschäft betrieb und von Rauswurf bedroht war. Die Miete bleibt nun stabil, der Glaser kann bleiben.

"Wir haben es zum ersten Mal geschafft, eine Verdrängung zu verhindern. Und Erste Sahne haben wir als Verein gegründet, um dieses Modell zu vervielfältigen. Das kann man ja nochmal machen. Und nochmal." Aber passiert ist das bisher nicht, "denn so reich bin ich nun auch nicht, dass ich flächendeckend Immobilien kaufen kann und sie unter Marktwert vermieten". Bisher machten aber weder Politik noch genügend andere Leute mit.

Gutes tun mit Marzipan

Jüngster Coup: Marzipan. Unter der Marke "Ohde Berlin. Marzipan aus Neukölln" verkauft Djadda Marzipan-Konfekt, die Hälfte des Gewinns geht an die Ohde Stiftung, die eine Schule in Berlin Neukölln unterstützt. Die andere Hälfte geht in Djaddas Tasche.

"Allerdings ist die Firma Ohde bis heute nicht profitabel. Aber da habe ich mir wieder einen Trick einfallen lassen." Djadda kreierte den "Rixdorfer Glückswürfel", ebenfalls Marzipan, pro verkauften Würfel gehen 30 Cent an die Stiftung. Inzwischen sind mehrere tausend Euro zusammengekommen, mit denen Coaches für die Schüler bezahlt werden.

Gut zu sich und zu anderen

Was macht nun glücklicher: Erfolgreich sein oder anderen helfen? Beides, sagt Djadda. Man müsse ja erstmal in die Lage kommen, anderen zu helfen.

"Ich habe mir selbst etwas Gutes getan, indem ich etwas Gutes getan habe. Der Glaser freut sich jeden Tag, und seine Familie auch. Und das ist ein gutes Gefühl."

Hamid Djaddas unternehmerische Tätigkeiten sind damit noch nicht erschöpft. Er besitzt auch eine Blechschildmanufaktur, und die Tribünen an der Berliner Stadtautobahn Avus wandelt er gerade in Büros um, und und und. Aber Schluss jetzt: "Wir wollen die Zuhörer nicht verwirren und lassen die anderen Unternehmen erstmal außer Betracht."

(sf)

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