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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.09.2019

Unternehmensstrategien Reines Profitstreben ist ein Auslaufmodell

Ein Standpunkt von Christian Uhle

Collage aus Wolkenkratzern und einem Geschäftsmann im Anzug und weißem Hemd. (imago / Panthermedia / kasto)
Gerade junge Menschen wollen häufig nicht in Unternehmen arbeiten, denen es nur um Gewinnmaximierung geht. (imago / Panthermedia / kasto)

Gewinn allein reicht nicht mehr: Immer mehr Unternehmen versprechen, ethisch und nachhaltig zu wirtschaften. Dieses Umdenken ist notwendig, meint Christian Uhle. Allein schon, um Mitarbeiter halten zu können. Denn viele verlangen heute sinnvolle Arbeit.

Wozu das alles? – Die Frage nach dem Sinn des Daseins bewegt Menschen seit Jahrtausenden. Auslöser sind nicht nur Gedanken an Vergänglichkeit oder an die Weiten des Kosmos, sondern immer öfter: Zweifel am Wert ihrer Arbeit.

Rund 35 Prozent der Angestellten in Deutschland sind der Überzeugung, ihre Arbeit leiste keinen sinnvollen Beitrag zur Welt. In manchen Ländern sind es sogar noch mehr. Zu diesem Ergebnis kommen repräsentative Studien des britischen Meinungsforschungsinstituts YouGov. Eine solche Verbreitung von "Bullshit-Jobs", wie sie der Ethnologe David Graeber nennt, ist ein latenter Skandal, wird häufig aber unter den Teppich gekehrt. Zu groß ist die Angst der Betroffenen, überflüssig und insofern kündbar zu wirken. Aufgrund drohender ökonomischer Konsequenzen wird das Thema also tabuisiert. So entsteht für viele Menschen eine Sinnkrise. Doch nun scheint Rettung in Sicht.

Unternehmen auf Sinnsuche

Wozu das alles? – Diese Frage stellen sich derzeit Manager vom Silicon Valley bis nach Berlin-Mitte. Sie versuchen den so genannten Purpose ihrer Unternehmen herauszustellen, also den Sinn und Zweck für Gesellschaft und Umwelt.

Lange reichte das Streben nach Profit als Unternehmenszweck. Doch die Geschichte, genau dieses Streben sei zum Wohle aller – schließlich würden Arbeitsplätze geschaffen, für erschwingliche Produkte, Wirtschaftswachstum und Sozialleistungen gesorgt – diese Geschichte ist gescheitert. Immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt, gleichzeitig werden die ökologischen Grundlagen unserer Gesellschaften zerstört.

Dass neue Erzählungen nun das Vertrauen in Unternehmen wiederherstellen müssen, erkennt auch Larry Fink. In einem offenen Brief drohte der Chef von BlackRock, dem weltweit größten Vermögensverwalter, Investitionen aus Unternehmen ohne glaubwürdigen Purpose abzuziehen. Diese Ansage zeigt Wirkung.

Geht es am Ende doch nur ums Geld?

Der Lebensmittelkonzern Danone beispielsweise hat den selbst erklärten Purpose, "durch Lebensmittel so vielen Menschen wie möglich ein gesundes Leben zu ermöglichen". Auch die Slogans vieler anderer Unternehmen erinnern mittlerweile beinah an humanitäre Organisationen. Aber sind sie auch glaubwürdig?

Hintergrund der großen Sinnsuche ist meist: die Sicherung langfristiger Profite durch motiviertere Mitarbeiter und zahlungsbereitere Kunden. So drohen die neuen Zielsetzungen jedoch unterlaufen zu werden. Denn ein überzeugender Purpose ist zwar prinzipiell mit Gewinnen vereinbar, aber eben nicht mit höchstmöglichen Gewinnen. Manchmal entstehen Zielkonflikte zwischen Umsatz und Umwelt oder sozialer Gerechtigkeit. Und dann wird die Frage, ob Purpose eigentlich dem Profit dienen soll oder umgekehrt, zum Lackmustest.

Ein Weg aus der Wachstumsfalle

Was fürs einzelne Unternehmen gilt, betrifft auch die Wirtschaft insgesamt. Langfristig würde der Übergang zu einer echten Purpose Economy weniger Wachstum bedeuten – und das wäre gut so. Denn der Fokus aufs Wachstum ist selbst in einer Sinnkrise. Statt Wohlstand für alle werden Ungleichheiten gefördert und der Planet belastet. Irgendwo muss das Mehr, Mehr, Mehr ja herkommen. So kämpfen Menschen zunehmend mit der Ahnung, dass das, was sie täglich tun, keinen Mehrwert leistet und letztlich sinnlos ist.

Die Suche nach nachhaltigeren Unternehmenszwecken ist daher ein wichtiger Ansatzpunkt. Dabei sollte nicht allein gefragt werden, was produziert wird, warum und auf welche Weise, sondern auch: wie viel? An unserer Vergänglichkeit und den stummen Weiten des Kosmos können wir nichts ändern – an unserem Arbeitsleben und den damit verbundenen Konsequenzen für Mensch und Umwelt schon.

Porträtaufnahme des Philosophen Christian Uhle. (Alexander Hoffmann)Christian Uhle (Alexander Hoffmann)Christian Uhle (*1988) ist Philosoph und lebt in Berlin. Zu seinen Themen gehören Fragen nach dem Sinn des Lebens, der digitale Wandel und die Zukunft von Mobilität. Hierzu hat er in öffentlich geförderten Projekten geforscht und entwickelt seine philosophischen Perspektiven in Publikationen und Vorträgen. Weitere Infos auf christian-uhle.de.
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