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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.01.2013

Unternehmen und Mitarbeiter müssen "präventiv aktiv werden"

Gesundheitsmanager Allmann über wachsende psychische Belastungen am Arbeitsplatz

Bernhard Allmann im Gespräch mit Hanns Ostermann

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Bei bestimmten Dienstleistungen sind die Belastungen für die Beschäftigten besonders hoch, erläutert Allmann. (Stock.XCHNG )
Bei bestimmten Dienstleistungen sind die Belastungen für die Beschäftigten besonders hoch, erläutert Allmann. (Stock.XCHNG )

Die Bedeutung der Arbeit bei der Bewertung der eigenen Persönlichkeit sei enorm gestiegen, sagt Bernhard Allmann von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement: Auch deshalb würden immer mehr Menschen als Folge ihrer Berufstätigkeit psychisch krank.

Hanns Ostermann: Hand aufs Herz! Wann haben Sie das letzte Mal Ihrem Chef gesagt, das schaffe ich nicht mehr, ich will übrigens auch nicht mehr? – Viele scheuen das Risiko, sie wollen nicht als wenig belastbar gelten, als unflexibel. Dabei nehmen sie enormen Stress in Kauf, der nicht selten krank macht. Bundesarbeitsministerin von der Leyen scheint, das Problem erkannt zu haben; sie trifft sich heute mit Arbeitgebern und Gewerkschaften, um über die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zu sprechen.

Professor Bernhard Allmann arbeitet an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken, er ist jetzt am Telefon von Deutschlandradio Kultur. Schönen guten Morgen, Herr Allmann.

Bernhard Allmann: Guten Morgen, Herr Ostermann!

Ostermann: Hat Sie die Arbeit schon einmal krank gemacht?

Allmann: Nein, noch nicht.

Ostermann: Warum nicht? Wussten Sie, was Sie tun sollten?

Allmann: Ich denke, dass ich über Techniken und Fähigkeiten verfüge, das Maß der Arbeit einschätzen zu können. Aber ich habe, denke ich, auch ein gesundes Maß an Einschätzungsvermögen, was den Stellenwert der Arbeit angeht, weil zum Leben gehört noch mehr wie Arbeiten.

Ostermann: Das sind ja zugleich Ratschläge, die Sie geben?

Allmann: Das ist richtig. Ich denke, von der Entwicklung her haben wir nicht ein Problem, aber was man beobachten kann, dass sich in den letzten 20 Jahren der Stellenwert der Arbeit und auch dann, wie sich Personen persönlich in ihrer Persönlichkeit definieren, enorm zugenommen hat.

Ostermann: Aber ist das nicht verständlich, denn die Zahl der Arbeitsplätze nimmt ja nicht zu und der Kampf um den Arbeitsplatz wird zum Teil härter?

Allmann: Das ist richtig. Aber wenn Sie mal schauen: Sie müssen auch da mal differenzieren. Wenn Sie mal die Daten vom Robert-Koch-Institut genauer betrachten: Die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren in der Gesamtbevölkerung nicht geändert. Was sich natürlich geändert hat, ist der Anstieg der psychischen Erkrankungen von Beschäftigten, und da stellt sich dann die Frage, woran liegt es. Zum einen sicherlich dann auch im Bereich der Diagnostik, das heißt, dass ein Arzt eine Diagnose gestellt hat und es war sozial erwünscht und war auch akzeptiert, war vor 20 Jahren weitaus geringer wie heute, wo die Bereitschaft auch dann da ist, über das Thema zu reden – sowohl vonseiten der Ärzte als auch vonseiten der Mitarbeiterschaft.

Ostermann: Wir reden jetzt relativ allgemein. An welchen Arbeitsplätzen ist denn die Gefahr generell sehr groß, psychisch zu erkranken? Lassen Sie uns mal schwere körperliche Tätigkeiten ausblenden.

Allmann: Immer dort, wo es im Bereich der Dienstleistung zu, ich sage mal, vielen gleichzeitigen Arbeiten kommt. Man weiß zum Beispiel, dass ein Callcenter-Job ein enorm anstrengender Job ist. Dort haben Sie dann auch entsprechend hohe Ausfallzeiten. Und immer dort, wo der Handlungsspielraum ganz gering ist und die Anforderungen hoch, dort haben Sie dementsprechend auch eine enorm große Gefahr, dass es zu Ausfällen kommen kann.

Ostermann: War das eben mit den Callcentern ein Beispiel dafür, dass jemand unter Hochdruck arbeitet, Umsatz machen muss und zugleich bei den Gesprächen möglicherweise kontrolliert wird?

Allmann: Und er muss natürlich auch freundlich sein. Das ist korrekt.

Ostermann: Sind Depressionen und andere Krankheiten auch ein Hinweis darauf, was können Sie da wissenschaftlich sagen, dass das Management, dass Vorgesetzte ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben?

Allmann: Wir wissen natürlich heute, dass es nicht nur an persönlichen Faktoren liegt der Mitarbeiter, dass auch in der Form den Arbeitgebern im Sinne des Arbeitsschutzes eine Funktion zukommt, hier aktiv zu werden. Aber da steht man auch noch am Anfang und da ist zunächst mal im allerersten Schritt wichtig die Bereitschaft dazu, das zu erkennen, und da sind die Unfallversicherungen und die Berufsgenossenschaften schon dabei, ich nenne es mal, eine Kampagne zu entwickeln beziehungsweise Werkzeuge zu entwickeln, um sowohl die Mitarbeiter als auch die Unternehmen zu qualifizieren, präventiv dann aktiv zu werden.

Ostermann: Welche Rolle spielt die ständige Erreichbarkeit etwa durch Smartphones?

Allmann: Ich denke, dass dieses Aufbrechen von Grenzen zwischen Privatem und Berufen in der Form auch sicherlich dazu beiträgt, weil Menschen brauchen in der Form Strukturen, um sich daran zu orientieren, und jeder ist nicht unbedingt in der Lage, das zu erkennen, sodass es sicher in dem einen oder anderen Fall absolut notwendig ist. Das zeigen ja auch Beispiele von großen Konzernen in Deutschland, die das erkannt haben und deswegen dann auch die Server runterfahren, dass am Wochenende die Erreichbarkeit dann auch null ist.

Ostermann: Bundesarbeitsministerin von der Leyen trifft sich heute mit Arbeitgebern und Gewerkschaften, um über die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zu reden. Ich sprach mit Professor Bernhard Allmann von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement. Danke Ihnen für das Gespräch.

Allmann: Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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