Seit 11:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 19.09.2019
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 22.06.2011

"Unternehmen Barbarossa" - Der deutsche Marsch in den Abgrund

Vor 70 Jahren überfiel die deutsch Wehrmacht die Sowjetunion

Von Bernd Ulrich

Am 22.6.1941 begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion der Deutsch-Sowjetische Krieg. (picture alliance / dpa)
Am 22.6.1941 begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion der Deutsch-Sowjetische Krieg. (picture alliance / dpa)

Mit dem "Unternehmen Barbarossa" überfielen Millionen deutsche Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion. Der Angriff entwickelte sich schnell zum Vernichtungskrieg, der tagtäglich Verbrechen produzierte.

Die Drohung, ausgesprochen an jenem regnerischen 21. Juni 1941, war ernst gemeint: Angesichts neuer Seitensprünge ihres Ehemannes hatte Magda Goebbels vor, am darauffolgenden Tag Hitler aufzusuchen und ihn um die Scheidung zu bitten.
Doch der "Führer" hatte zu diesem Zeitpunkt ganz andere Sorgen als sich um die Eheprobleme seines Propagandaministers zu kümmern. Der wiederum war nach langen Monaten, in denen seine Bedeutung innerhalb der NS-Hierarchie stetig abgenommen hatte, wieder obenauf. Es galt, "alles auf das eine große Ziel" zu konzentrieren, wie er am 16. Juni 1941 im Tagebuch vermerkte: nämlich auf den unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion. Goebbels ganzes Streben und das seines Apparates diente in jenen Tagen der Geheimhaltung des Überfalls. "Es ist notwendig", notierte er,

" unentwegt weiter Gerüchte zu verbreiten: Frieden mit Moskau, Stalin kommt nach Berlin, Invasion steht unmittelbar bevor, um die ganze Situation, wie sie wirklich ist, zu verschleiern. Hoffentlich lässt sich das noch eine gewisse Zeit durchhalten."

Es ließ sich durchhalten. Unter den im Osten aufmarschierten Truppen kursierten, wie ein Leutnant Ende Mai 1941 nach Hause schrieb, "die tollsten Gerüchte":

"Die einen sagen, wir hätten die Ukraine für 90 Jahre gepachtet und die Durchmarschgenehmigung zur Türkei und dem Irak erhalten. Die anderen behaupten, dass die Kriegsgefahr durch die Haltung Stalins gebannt sei."

Auch die fast 800.000 Flugblätter, auf denen die deutschen Soldaten am Vorabend des Angriffs über dessen vermeintliche Notwendigkeit unterrichtet werden sollen, lässt der Propagandaminister unter größter Geheimhaltung drucken, worüber er voller Stolz berichtet:

"Die Druckerei wird von der Gestapo verriegelt, die Arbeiter kommen bis zum X-Tag nicht mehr heraus, wir verpflegen sie und geben ihnen Betten. Die Flugblätter werden fertig verpackt der Wehrmacht übergeben und an die Front transportiert. Dort werden sie am Morgen der Aktion an jede Kompanie erst verteilt."

Der Inhalt der dort verbreiteten Botschaft deckte sich mit jener der Hitler-Proklamation, die - von Goebbels verlesen - am Morgen des 22. Juni 1941 ab 5 Uhr 30 über alle deutschen Rundfunksender verkündet wurde.

"Damit aber ist nunmehr die Stunde gekommen, in der es notwendig wird, diesem Komplott der jüdisch-angelsächsischen Kriegsanstifter und der ebenso jüdischen Machthaber der bolschewistischen Moskauer Zentrale entgegenzutreten."

Kein Wort mehr über den Nichtangriffspakt, den das nationalsozialistische Deutschland mit der Sowjetunion im August 1939 geschlossen hatte. Kein Wort mehr auch über den nun drohenden Zweifrontenkrieg, der seit dem Ersten Weltkrieg als Trauma durch alle militärischen Planungen geisterte. Denn schließlich war England, das seit der raschen Niederlage Frankreichs im Mai und Juni 1940 ganz allein stand, nicht besiegt und von der Bildfläche verschwunden. Und damit auch nicht die Möglichkeit einer anglo-amerikanischen Koalition. Hitler redete sich ein, England würde aufgeben, wenn die Sowjetunion besiegt wäre. Er täuschte sich restlos. Der britische Premierminister Winston Churchill verdeutlichte ihm dies in einer Rundfunkansprache am Tag des Überfalls:

"Hitler ist ein Ungeheuer des Bösen, unersättlich in seiner Gier nach Blut und Raub. Seine Invasion Russlands ist nicht weniger als ein Vorspiel für die beabsichtigte Eroberung der britischen Inseln. Er hofft zweifellos, dass all dies vollendet ist, bevor der Winter kommt und er Großbritannien überwinden kann, bevor die Flotte und Luftstreitmacht der Vereinigten Staaten eingreifen wird. Die Gefahr für Russland bedroht daher auch uns. Und die Vereinigten Staaten."

Aber Hitlers Interesse richtete sich nicht nach rationalen Erwägungen. Ihm ging es um neuen "Lebensraum im Osten". Laut "Generalplan Ost", der mit der Eroberung der Sowjetunion verwirklicht werden sollte, waren davon über 45 Millionen "Fremdvölkische" betroffen, von denen man über 30 Millionen Menschen deportieren oder ermorden wollte. Goebbels immerhin war das Monströse dieses Verbrechens in Umrissen bewusst. "Wir müssen siegen", schreibt er im Tagebuch,

"Das ist der einzige Weg. Und haben wir gesiegt, wer fragt uns nach der Methode. Wir haben sowieso soviel auf dem Kerbholz, dass wir siegen müssen, weil sonst unser ganzes Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert werden."

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur