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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.11.2012

Untergang einer Kaufhaus-Dynastie

Marthalers Händel-Projekt "Sale" im Opernhaus Zürich

Von Frieder Reininghaus

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Christoph Marthaler inszeniert das Händel-Projekt "Sale" am Opernhaus Zürich. (AP)
Christoph Marthaler inszeniert das Händel-Projekt "Sale" am Opernhaus Zürich. (AP)

Ausgerechnet am Bankenplatz Zürich bringt Theatermacher Christoph Marthaler mit "Sale" ein Stück über die Dekadenz einer Kapitalisten-Familie auf die Bühne - mit Suiten und Sonaten von Georg Friedrich Händel. Ein starker Abend.

Dem aus Zürich stammenden Theatermacher Christoph Marthaler ist die Musik und das Musiktheater des 16. und 17. Jahrhunderts vertraut. Er wurde zunächst als Musiker mit Schwerpunkt Alte Musik ausgebildet und legte als Regisseur gelegentlich schon ein emphatisches Verhältnis zur älteren Musik an den Tag. Nun hat er sich mit Laurence Cummings verbunden, der 2012 die musikalische Leitung der Händel-Festspiele In Göttingen übernommen hat. Er ist ein ausgewiesener Kenner und britisch-geschäftstüchtiger Animator der historisch definierten Musizierpraxis.

Cummings verwies im Vorfeld des Projekts "Sale" (was so viel wie Ausverkauf meint) auf den "human spirit" der Händel'schen Musik. Marthaler und seine Ausstatterin Anna Viebrock zielten mit der experimentell konzipierten Züricher Kreation offensichtlich auf ganz bestimmte Aspekte des "human spirit" – nämlich die merkantilen – und führten die Dekadenz einer Kapitalisten-Familie vor. Dazu zimmerten sie sich aus Suiten und Sonaten von Georg Friedrich Händel, mit Arien aus Opern wie "Alcina" und "Agrippina", "Giulio Cesare" und "Orlando" sowie aus Oratorien wie "Messiah" und "Israel in Egypt", "Saul" oder "Solomon" ein Pasticcio, das sich für die Nutzung mit einer neuen Geschichte eignete.

Der Titel "Sale" riecht (zumal am Bankenplatz Zürich) wenigstens ein bisschen nach Provokation. Ein relevanter Teil der Operngeher dürfte in der Bahnhofstraße einkaufen, mag indirekt oder sogar unmittelbar von ökonomischen Nöten der Mitbürger, von den oft keineswegs freiwillig anberaumten Schlussverkäufen oder dem Ruin der Konkurrenz profitieren. Aber im Kontext der erfrischenden, liebeskundigen oder traurig-tröstlichen Musik aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts will man an die Untiefen des ökonomischen Alltags nicht unbedingt erinnert werden.

Viebrock ließ einen Raum bauen, der nichts anderes im Sinn hatte: Eine Verkaufsfläche, deren Regale mit Kosmetika, Geschenkartikeln, Textilien und Spielwaren, halb leeren Krabbelkörben und bereits entkleideten Schaufensterpuppen offensichtlich schon mehrere Tage Abverkauf über sich ergehen lassen mussten. In der Mitte eine Rolltreppe von bzw. nach oben und eine nach bzw. von unten. Davor ein Aufsichtsareal mit Mikrofon für An- und Absagen.

Um das herum entwickelt Marthaler die keineswegs konfliktfreie Familien-Saga – nonverbal. Die gestischen Details erscheinen ebenso perfekt ausgefeilt wie die Kostüme sitzen (kein Stäubchen auf dem allzu glatt gebügelten Anzug, der in Pose der Katalog-Dressmen getragen wird). Die Mitglieder der um Anne Sophie von Otter sich scharenden Familie rotten sich zusammen und setzen sich auseinander, arbeiten sich mit zum Teil in heftigen Tempoverläufen aneinander ab – vornan der mit einer energisch strahlenden Counterstimme begabte Großneffe Christophe Dumaux.

Alle Familienangehörigen haben soziale und Kommunikationsprobleme, Ticks oder zumindest stark individuell ausgeprägte (und erheblich milieubedingte) Eigenheiten. Raphael Clamer, unehelicher Sohn der Direktorin, bewährt sich im Niedergang als ein um äußere Ruhe und innere Ordnung bemühter Filialleiter. Bis zur bitteren Neige des "Mega Sales" mit "silly" und "crazy prices", auf dem in einer Slapstick-Einlage alles und jedes gesegnet wird, was sich aus der Kaufhalle wegtragen lässt. Vor allem auch in den ausgiebigen Phasen des besonders ruhigen Geschäfts – Episoden der familiären Ereignislosigkeit – entfaltet das Marthaler-Theater sein subtiles kritisches Potential vor der Folie der von Laurence Cummings angekurbelten und dann auch wieder exzessiv ruhig gestellten Musik. Das Orchestra La Scintilla, zusammengestellt im wesentlichen aus Mitgliedern des Züricher Opernorchesters und speziell "historisch informiert", leistet vorzügliche Zulieferarbeit.

In mehreren Schüben wird vom Aufsichtstisch aus Edgar Allan Poes Short story "Die Maske des Roten Todes" vorgetragen: Die Geschichte eines Prinzen Prospero, der sich in Zeiten einer besonders heimtückischen und zum großen Massensterben führenden Seuche mit einer tausendköpfigen Elite seines Reichs in ein stark befestigtes Kloster zurückzieht und dort von der gefahrenvollen Welt abschottet. Aber der Rote Tod verschafft sich auf rätselhaft bleibende Weise zu dieser Festung der Reichen und Schönen Zutritt und leistet ganze Arbeit.

"Sale" ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der Dekadenz von einst florierenden Branchen bzw. gesellschaftlichen Segmenten – und mit dem Tod. Insgesamt: Ein starker Abend, hoch differenziert, ohne schrille Kapitalismuskritik. Eine Produktion, die an Marthalers große Momente in Basel - "The unanswered question" und "20th Century Blues" - anknüpft.

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