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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.02.2010

Unterdrückte Erinnerung

Buch der Woche: Magdaléna Platzová: "Aarons Sprung", Edition Büchergilde, Frankfurt/M. 2009, 254 Seiten

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Die Enkelin verliebt sich in Kameramann Aaron. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)
Die Enkelin verliebt sich in Kameramann Aaron. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

Die tschechische Autorin Magdaléna Platzová, Jahrgang 1970, beschreibt in ihrem Roman "Aarons Sprung" eine junge Frau und ihre Großmutter Kristýna. Die Malerin wird mit einem israelischen Filmteam konfrontiert - und schließlich auch mit ihrer eigenen Geschichte.

Großeltern und ihre Enkel – das ist eine in der Literatur zuletzt häufig angetroffene Figuren-Konstellation. Über die Erinnerungen der Großeltern machen die Enkel ihre Erfahrungen mit der in immer weitere Ferne rückenden Geschichte des Holocaust. Anders als in der Generation der 68er, die sich konfrontativ mit den eigenen Eltern auseinandersetzten, ist das Verhältnis der Enkel zu den Großeltern durch Verständnis und Wissbegier geprägt. Das ist eine bessere Voraussetzung, damit Geschichten überhaupt erzählt werden können, zumal dann, wenn sie sich der schlichten moralischen Einordnung in Opfer- oder Tätermuster entziehen.

Auch die tschechische Autorin Magdaléna Platzová, Jahrgang 1970, gehört mit ihrem Roman "Aarons Sprung" zu dieser Kategorie. Großmutter Kristýna und Enkelin Milena werden da mit einem israelischen Filmteam konfrontiert, das einen Dokumentarfilm über die jüdische Künstlerin Berta Altmann drehen möchte – eine Freundin Kristýnas aus den 30er-Jahren. Kristýna, selbst Malerin, reagiert unwillig: Sie wehrt sich dagegen, in einem Film als sentimentale Zutat die Rolle der Zeitzeugin übernehmen zu müssen. Ihr Widerstand hat aber auch biografische Gründe, denn allmählich kommen auch ihre eigenen Versäumnisse zur Sprache. Für die Enkelin Milena ist das ganze Thema dagegen Neuland. In der CSSR wurde die Erinnerung an die Deportation und Ermordung der Juden aus ideologischen Gründen unterdrückt, weil Israel als imperialistischer Staat galt. In der Schule kam das Thema deshalb vor 1989 nicht vor. Nun begleitet Milena das Filmteam als Dolmetscherin nach Theresienstadt und verliebt sich dabei in den Kameramann Aaron – einen Israeli mit eher unversöhnlicher Haltung, der Tschechen und Deutsche pauschal als Täter verurteilt.

Im Zentrum des Buches steht jedoch die Geschichte der Berta Altmann, die Platzová der realen Lebensgeschichte der Malerin Friedl Dicker-Brandeis nachempfunden hat, die 1898 in Wien geboren und 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Sie studierte Kunst am Weimarer Bauhaus, unter anderem bei Johannes Itten, Paul Klee und Walter Gropius und war eine Vertreterin der Reformpädagogik. Berühmt wurde sie, weil sie nach der Deportation nach Theresienstadt Kindern dort das Malen beibrachte. Über 4000 Kinderzeichnungen, die erhalten geblieben sind, legen davon Zeugnis ab.

Kristýnas Erinnerungen drehen sich um die schwierige Freundschaft mit dieser durch ihre Vitalität beeindruckenden Künstlerin. Dabei hat sie, die in der erzählten Gegenwart 88 Jahre alt ist, sich nicht nur ein heimliches Liebesverhältnis mit deren Ehemann vorzuwerfen, sondern vor allem ihr Versagen in der Nacht vor der Deportation: Während die Freundin weinend im Bett lag, versäumte sie es, sie zu trösten, denn sie sehnte sich nach dem Geliebten und wünschte, die Freundin wäre endlich weg.

Platzová ist eine zurückhaltende, einfühlsame Erzählerin, die weder moralisiert, noch beurteilt. "Aarons Sprung" ist auch deshalb ein besonderer Roman, weil mit Berta Altmann alias Friedl Dicker-Brandeis eine Frau in Erinnerung gerufen wird, die mitten in den künstlerischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit stand. Viel Raum widmet Platzová den Weimarer Jahren am Bauhaus und den Konflikten dort: Da stand auf der einen Seite der guruhafte Itten, der atemtechnikgestützte Ganzheitlichkeit predigte und auf der Suche nach dem "Urgrund" und der "einigenden Form" aller Dinge war, und auf der anderen Seite die eher wie Ingenieure denkenden Architekten um Walter Gropius, für die allein der Zweck einer Sache entscheidend war und nicht ihr Kunstcharakter. Platzová schildert auch die Lebensexperimente mit unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens und die Liebeskonflikte, die sich draus ergaben. "Aarons Sprung" ist dadurch viel mehr als nur Dokumentarliteratur des Holocaust: ein vielschichtiger, spannender und auch stilistisch überzeugender Roman.

Besprochen von Jörg Magenau

Magdaléna Platzová: Aarons Sprung. Roman.
Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka
Edition Büchergilde, Frankfurt/Main 2009
254 Seiten, 17,90 Euro

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