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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.04.2011

Unsere Wahrnehmung macht, was sie will

Christopher Chabris/Daniel Simons: "Der unsichtbare Gorilla - Wie unser Gehirn sich täuschen lässt", Piper Verlag, München 2011, 400 Seiten

Dem Auge entgeht so manches. Der Mensch sieht nur das, worauf er sich konzentriert. (Stock.XCHNG / Nic Kilby)
Dem Auge entgeht so manches. Der Mensch sieht nur das, worauf er sich konzentriert. (Stock.XCHNG / Nic Kilby)

Dass Ärzte auf Röntgenbildern schon mal einen Draht übersehen oder Kapitäne einen Fischkutter vor ihren Augen nicht bemerken, wundert die Autoren dieses Buches nicht.

Manche Dinge hat man direkt vor der Nase und sieht sie trotzdem nicht. Psychologen nennen dieses Phänomen Aufmerksamkeitsillusion. Im Alltag findet man es etwa bei Autofahrern, die glauben, das Telefonieren beeinträchtige nicht ihre Achtsamkeit im Straßenverkehr.

Doch wer sich auf eine Sache konzentriert – das haben die beiden Autoren Christopher Chabris und Daniel Simons mit einem einfachen Experiment vor einigen Jahren nachgewiesen –, der übersieht selbst einen großen, brüllenden Gorilla. Chabris’ und Simons’ Gorilla-Experiment gehört zu den Klassikern der psychologischen Forschung und demonstriert eindrucksvoll die Begrenztheit unseres Geistes. Und so steht dieses Experiment auch gleich am Anfang von 400 unterhaltsam geschriebenen Seiten über Wahrnehmung, Erinnerung, Entscheidungsprozesse und Meinungsbildung.

In dem berühmten Experiment sehen sich Freiwillige ein Video an, in dem sechs Studenten eine Minuten lang Basketball spielen. Drei Studenten tragen weiße T-Shirts, die anderen drei tragen schwarze T-Shirts. Die Versuchspersonen sollen zählen, wie oft die Spieler in den weißen T-Shirts sich den Ball zuwerfen. Nach etwa der Hälfte des Films tritt eine Studentin in einem Gorillakostüm mitten in den Raum, klopft sich auf die Brust und verschwindet wieder. Der Auftritt im Gorillakostüm dauert acht Sekunden – doch mehr als die Hälfte der Versuchsteilnehmer sieht den Gorilla nicht. Weil sie damit beschäftigt sind, die Pässe zu zählen.

Konzentration macht blind, erläutern die Autoren und zeigen anhand zahlreicher Beispiele, wie oft das im Alltag vorkommt. Da übersieht ein U-Boot-Kapitän einen großen Fischkutter, ein Polizist sieht nicht die grobe Schlägerei vor seinen Augen, ein Arzt erkennt nicht einen Draht auf der Röntgenaufnahme. Spätestens jetzt wird klar, wie gefährlich die "Aufmerksamkeitsblindheit" sein kann, und man beginnt sich zu fragen, was man selber so alles im Alltag übersieht.

Das ist ganz im Sinne der Autoren, die die Mechanismen der Wahrnehmung offenlegen, um den Leser für dieses Problem zu sensibilisieren. Der Blick hinter die Kulissen der Forschung offenbart dabei, wie genau die Psychologen zu ihren Ergebnissen kommen und erklärt sehr anschaulich, wie sich komplexe Vorgänge unserer Wahrnehmung durch einfache Versuche beweisen lassen. So sollten sich zum Beispiel Studenten am Tresen ihres Sekretariats ein Formular abholen und bemerkten nicht, dass die Person, die ihnen das Papier gab, nicht dieselbe war, die sie eine Sekunde zuvor begrüßt hatte. Die Frau am Ausgabeschalter hatte sich nur kurz gebückt, an ihrer Stelle tauchte eine andere Frau auf.

Die Experimente zeigen auch, wie einfach sich Erinnerungen manipulieren lassen, wie beeinflussbar Entscheidungen sind. Das sind enorm wichtige Faktoren bei Zeugenaussagen oder Patientenverfügungen, betonen Chabris und Simons, weshalb wir uns der Fehlbarkeit unseres Denkapparates bewusst sein sollten. Damit kommen sie zum vermutlich größten Problem der menschlichen Wahrnehmung. Die meisten Menschen behaupten nämlich von sich, nicht auf solche Täuschungen hereinzufallen. Die Experimente beweisen alle das Gegenteil.

Besprochen von Susanne Nessler

Christopher Chabris/Daniel Simons: Der unsichtbare Gorilla - Wie unser Gehirn sich täuschen lässt
Aus dem Amerikanischen von Dagmar Mallett
Piper Verlag, München 2011
400 Seiten, 19,95 Euro

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