Unseld: Keel war ein "großartiger Verleger"

Joachim Unseld im Gespräch mit Anke Schaefer |
Joachim Unseld würdigt Daniel Keel, den verstorbenen Gründer des Diogenes-Verlags. Keel habe Witz, Charme und Durchhaltevermögen gehabt.
Katrin Heise: Da Regisseur Simon Verhoeven momentan leider nicht zu erreichen ist – wir holen das Gespräch hoffentlich nach –, können wir ausführlicher auf den Tod des Verlegers Daniel Keel eingehen. Daniel Keel hat 1952 den Diogenes-Verlag gegründet, der nach eigenen Angaben der größte rein belletristische Verlag Europas ist. Keel hat den Status einer Legende im Verlagswesen, er handelte immer nach dem von Anton Tschechow entlehnten Credo "Entweder es gefällt, oder es gefällt mir nicht!", und damit hatte er großen Erfolg.

Zu den vielen Bestseller-Autoren des Diogenes-Verlages gehören zum Beispiel Patrick Süskind, Bernhard Schlink, aber auch Donna Leon und Paulo Coelho. Als er begann, setzte Keel vor allem auf Humor: Paul Flora wurde als erster Hausautor verpflichtet, hinzu kamen Loriot, Tomi Ungerer. Meine Kollegin Anke Schaefer sprach mit Joachim Unseld über die Reaktionen im literarischen Betrieb.

Joachim Unseld: Ja, zunächst einmal sind wir ja alle in der Verlagswelt, in der deutschsprachigen, sehr betroffen über den Tod dieses wirklich sehr großen und großartigen Verlegers, muss man dazu sagen, der es geschafft hat, über, ja, gut, ich glaube 60 Jahre fast, einen Verlag aufzubauen und zu halten über schwierige Zeiten, der seinesgleichen sucht. Und dieser Verlag wurde so derart auch geprägt durch seine Verlegergestalt, dass man ablesen konnte an der Produktion des Diogenes-Verlages den Charakter dieses Verlegers. Der Lieblingsslogan von Daniel Keel war "Diogenes-Bücher sind weniger langweilig", und dieser Witz und dieser Charme und dieser Humor und dieses Durchhaltevermögen, das zeigt sich in diesen Büchern Daniel Keels.

Anke Schaefer: Als er begonnen hat, Daniel Keel, da hat er vor allem auf Humor tatsächlich gesetzt. Paul Flora war der erste Hausautor, dann kam bald Loriot dazu und Tomi Ungerer – auch das war damals eine gute Wahl.

Unseld: Man sagt immer so – ja, wir mögen ihn ja auch sehr, das werden Sie in den Nachrufen wahrscheinlich auch spüren, als Person und als Mensch –, er ist eigentlich eher zufällig in die Verlegerei gestolpert. Er war Kunstliebhaber, er hat auch lebenslang eine Galerie geführt, hat auch in den ersten Verlagsräumen immer eine Galerie schon gehabt, und kam jetzt – das allererste Buch war über Ronald Searle – eben an das Verlegen, und hat anspruchsvolle Cartoons und Zeichnungen veröffentlicht, also Tomi Ungerer beispielsweise, Paul Flora, (…) , Roland Topor, und hat damit auch sehr, sehr große Erfolge sehr früh gehabt. Sehr früh, also Mitte der Fünfziger, kam Loriot zu ihm mit seinem ersten Buch, und damit kam sozusagen, wie Daniel Keel immer sagte, damit kam er auf den Hund, das Buch heißt nämlich "Auf den Hund gekommen", und das war der erste große Bestseller. Danach kam mit F. K. Waechter "Es sieht wieder kein Schwein" oder "Kein Schwein sieht mich wieder", das war ein zweiter großer Bestseller, und erst danach kam langsam die Belletristik.

Schaefer: War denn auch eine seiner großen Fähigkeiten, eben Autoren die Treue zu halten und sie aufzubauen?

Unseld: Ja, das ist ganz unbedingt der Fall. Es ist so, dass er es geschafft hat, eben einen Autorenstamm aufzubauen über die Jahre hinweg über die Kriminalliteratur, über die Weltliteratur. Also er hat dann Patricia Highsmith, später Donna Leon, (…) gemacht, er hat große Werke gemacht, (…) in einer Riesenausgabe, und kam dann erst zur Literatur und hat dann aber sehr schnell über Alfred Andersch und (…) Martin Suter, also ich ... Pardon, Verleger sind auch so Namen, Autoren, aber das ist ja auch die Leistung, und vor allen Dingen den Dürrenmatt dem Verlag ein unverwechselbares Bild verschafft.

Schaefer: Er hat natürlich auch gewagte Dinge manchmal getan, er hat etwa die gesammelten Essays von Michel de Montaigne, dem französischen Philosophen, herausgegeben in einer dreibändigen Ausgabe in Leinen in einem Schuber für über 120 Euro. Damals sagte man wohl intern im Verlag, das geht schief, das will keiner kaufen - insgesamt hat sich die Montaigne-Box dann aber mehr als 13.000 Mal verkauft. Ist das nicht fast unglaublich?

Unseld: Nein, es ist faszinierend, er war, Daniel Keel, immer ein Mann, der etwas gewagt hat. Aber man muss natürlich auch dazu sagen - deswegen hatte ich eingangs sein Durchhaltevermögen erwähnt: Dieses Durchhaltevermögen führte durch mehrere Fast-Insolvenzen, das darf man auch nicht vergessen, durch Lektoratsstreiks bis hin eben auch zu Erfolgen. Also ich kann mich noch erinnern, dass Anfang der Achtzigerjahre es dem Diogenes-Verlag gar nicht gut ging, und als ich dann Mitte der Achtziger, also 1985 im Frühjahr, damals arbeitete ich im Suhrkamp-Verlag, in das Zimmer einer Mitarbeiterin kam und sie während der Arbeitszeit ein Diogenes-Leseexemplar lesen sah, wusste ich, da passiert etwas. Und sie sagte mir, Herr Unseld, das ist hervorragend – das war dann der Süskind, "Das Parfum", und das wurde ja zu dem größten Bestseller, also ich glaube Deutschlands seit Langem. Also es war ja wirklich unglaublich, wie da 1985 dieser Verlag aus einer schwierigen finanziellen Situation sich hochkatapultierte durch diesen Autor und sich deswegen auch erlauben durfte, etwas Anspruchsvolleres zu machen.

Schaefer: Aber vielleicht hat der Erfolg ja auch damit zu tun, dass die Struktur so klar geregelt war: Daniel Keel hielt 50 Prozent am Diogenes-Verlag, 1 Prozent hält seine Frau, die restlichen 49 Prozent hält sein Freund und Partner Rudolf C. Bettschart. Die beiden haben sich ja schon als kleine Kinder gekannt. Bettschart ist für die Finanzen verantwortlich, und er soll den Verlag ja vor dem Ruin auch gerettet haben durch sein finanzielles Geschick. Vielleicht ist das gut, das so aufzuteilen.

Unseld: Man muss natürlich, wenn man Daniel Keel, Diogenes sagt, auch den Rudolf Bettschart erwähnen. Die beiden sind auf den Tag und fast auf die Stunde genau gleich alt, sind Freunde seit immer, und der Bettschart hat in den ersten zehn Jahren, glaube ich, des Verlages die Buchhaltung des Diogenes-Verlages nur in seiner Freizeit gemacht und ist erst später da eingetreten, hat natürlich durch sein Können diesen Verlag vorm Schlimmsten bewahrt und in die besten Sachen hineingesteuert.

Schaefer: Daniel Keel hat zwei Söhne, die leben in den USA, die machen offenbar keine Anstalten, jetzt das Erbe anzutreten. Was meinen Sie, wer wird neuer Chef bei Diogenes?

Unseld: Gut, da möchte ich jetzt nicht eingreifen in Diskussionen. Man muss wissen, dass die Mannschaft bei Diogenes hervorragend aufgestellt ist, da gibt es wirklich tolle Leute, die da arbeiten, also langjährig, also beispielsweise der Winfried, Stephan, der Cheflektor dort, der durchaus in der Lage sein kann, eben auch so einen Verlag weiterzuführen. Nur sehen Sie, das sind jetzt nicht meine Entscheidungen oder so etwas, das muss man dann schon den Erben überlassen.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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