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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 20.05.2011

Unrecht verjährt nicht

Kulturstaatsminister Neumann sagt weitere Mittel für die Provenienzrecherche zu

Von Detlef David Kauschke

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Die Neue Synagoge in Berlin, Oranienburger Straße (AP Archiv)
Die Neue Synagoge in Berlin, Oranienburger Straße (AP Archiv)

Die Suche nach jüdischen Kulturgütern, die in der Zeit des Nationalsozialismus geraubt wurden, bleibt weiter aktuell. Erst Mitte April erhielt die Jüdische Gemeinde zu Berlin geraubte Literatur zurück. Die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche hat es möglich gemacht.

Das Büchlein umfasst 128 Seiten, hat einen beigefarben Einband, zeigt auf der Titelseite in orangebrauner Farbe gezeichnet die Konturen des Kopfes eines Jünglings, eingerahmt von einem Davidsstern, und den Schriftzug "Jüdischer Jugendkalender 5691". Nach dem weltlichen Kalender stammt das Büchlein also aus dem Jahr 1930/31. Wer einmal darin las und blätterte, kann nur vermutet werden. Auf der Innenseite ist ein blauer Stempel erkennbar, der es als Eigentum der Religionsschule der Jüdischen Gemeinde Berlins ausweist. Allerdings war diese Markierung Jahrzehnte lang überklebt.
 
Wahrscheinlich 1943 kam ein roter Stempel dazu, mit dem Schriftzug der Berliner Stadtbibliothek. Allem Anschein nach kam der Jugendkalender über die Pfandleihanstalt, in der Juden und jüdischen Institutionen geraubte Bücher kurzzeitig verwahrt wurden, in die Bibliothek. Hier wurde er – damals wohl mit mehr als 40.000 Bänden aus jüdischem Besitz- registriert, erzählt Annette Gerlach, Leiterin des Referats Bestandserhaltung bei der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.
 
"Die Bücher, die aus dieser städtischen Pfandleihanstalt in die Berliner Stadtbibliothek gebracht worden sind, die sind zunächst als sogenannte J-Bücher eingearbeitet worden. Das heißt, man hat hier J, Jahreszahl und eine laufende Nummer."
 
Der fein säuberlich mit Bleistift eingetragene Buchstabe »J« für die jüdische Herkunft wurde später in »G« geändert, »G« wie Geschenk.
 
"Man hat nämlich gleich nach dem Krieg weitergemacht, und sie als Geschenk eingearbeitet."
           
Registriert, eingearbeitet, in den Bestand übergegangen, mit anderen – wie es heißt - "NS-verfolgungsbedingt entzogenen Büchern".
 
"Und wir gehen wirklich systematisch diese einzelnen Zugangsbücher, die verdächtige, unklare Zugänge enthalten, schauen wir durch, Buch für Buch, durch, und schauen, gibt es irgendwelche Indizien."
 
Und Indizien sind ganz klar überklebte Stempel. Sie können in der Buchbinderei vorsichtig gelöst werden, wie im Fall des "Jüdischen Jugendkalenders", der sich unter dem Stichwort Kinderliteratur im Magazin der Zentral- und Landesbibliothek befand. Er wurde jetzt – mit den anderen Büchern - wieder an die Jüdische Gemeinde zu Berlin übergegeben. Die 2008 gegründete Arbeitsstelle für Provenienzrecherche hat das Projekt möglich gemacht.
 
Kulturstaatsminister Bernd Neumann stellt klar, dass nicht unbedingt immer der künstlerische oder materielle Wert der geraubten Güter von Bedeutung ist. Gerade die Alltäglichkeit dieser Bücher sei es, die an die schreckliche Realität der Judenverfolgung in der Nazidiktatur erinnert.
 
"Bei den Büchern geht mir einmal noch dies ganze Schicksal und Leid, das  unsere jüdischen Mitbürger aufgrund der Nazidiktatur erlebt haben, durch den Kopf. Das ist für mich immer wieder berührend."
 
Und berührend sei dies für ihn auch deshalb, weil seine gegen manche Widerstände realisierte Initiative Erfolg zeige.

"Damals waren vielfach die Verantwortlichen in Defensivhaltung. Sie hatten Angst um ihre Bestände. Und das es doch gelungen ist, hier eine Veränderung in der Gesinnung und dem Verhalten hinzubekommen. Das man heute in einem Wettbewerb steht, wer möglichst viel restituiert. Und das wir das mit unseren Mitteln angestoßen haben und nun auch konkret ein Ergebnis vorliegen haben, das tut gut und das motiviert. Und das ist das, was mich immer wieder bewegt."
 
Die Herkunftsforschung soll fortgesetzt werden. Erst einmal bis 2013 verspricht Kulturstaatsminister Neumann weitere finanzielle Förderung. Eine wichtige Aufgabe, denn Unrecht verjährt nicht, auch nicht nach so viele Jahre, meint die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind. Für die Gemeinde sei die Restitution ein außerordentlich positives Zeichen und eine Genugtuung.
 
"Ja, das ist eine Genugtuung für uns, das zurückzubekommen. Denn wenn man die Bücher aufschlägt, dort sind ja die Stempel drin: Jüdische Mädchenschule, jüdische Knabenschule, neue Synagoge oder Gemeindebibliothek. Das sind wirklich Sachen, die uns gehören. Und jetzt sind sie an dem Ort, wo sie hingehören. Das finde ich einfach herrlich."

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