Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 20.11.2019
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.05.2015

Unmenschliche AußenpolitikDie afrikanische Apokalypse wird ignoriert

Von Hans Christoph Buch

Podcast abonnieren
Vor der Insel Lampedusa warten Flüchtlinge in einem Schlauchboot darauf, in Sicherheit gebracht zu werden. (dpa / picture alliance / Darrin Zammit Lupi)
Vor der Insel Lampedusa warten Flüchtlinge in einem Schlauchboot darauf, in Sicherheit gebracht zu werden. (dpa / picture alliance / Darrin Zammit Lupi)

Die Nachrichten aus Afrika über den Terror gegen ganze Bevölkerungsgruppen und über die Not der Flüchtlinge haben nur eine geringe Halbwertzeit. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch warnt: Europa verschließt seine Augen vor dem Ausmaß des Elends. Und wir alle verweigern ein Minimum an Mitgefühl.

148 Studenten ermordet, 300 Schülerinnen verschleppt, 800 Bootsflüchtlinge ertrunken, dazu Dürre und Hungersnot, Ebola und Aids – so lauten die täglichen Schlagzeilen aus und über Afrika. Ich kann bezeugen, dass diese Schreckensmeldungen nicht übertrieben sind, denn ich habe den Kontinent vom Mittelmeer bis zum Indischen Ozean, vom Kongo bis zum Niger bereist. Dabei war ich stets aufs Neue mit Flüchtlingen konfrontiert, Armutsemigranten und Wirtschaftsimmigranten, Binnenvertriebenen und Kriegsopfern, deren Elend mein Vorstellungsvermögen überstieg.

"Unstet und flüchtig sollst Du sein", sagt der zornige Gott des Alten Testaments zu Kain, der seinen Bruder Abel erschlug. Dieses Gottesurteil ist heute traurige Realität in Syrien und Yemen sowie in weiten Teilen Afrikas, von Eritrea bis Mali und Senegal. Die Gründe für den Massenexodus der Afrikaner liegen auf der Hand, und der Beschluss europäischer Innenminister, die Ursachen durch verstärkte Entwicklungshilfe vor Ort zu bekämpfen, ist genauso ein frommer Wunsch wie die Idee, die Warlords in Libyen mit Geld und guten Worten zu besänftigen.

Politiker auf der Suche nach guten Nachrichten

Erschwerend kommt hinzu, dass außer einer Handvoll Experten niemand die Wahrheit über Afrika genau wissen will. Die Staatstrauer für 150 Tote des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen war umgekehrt proportional zu dem Achselzucken, mit dem Schiffsuntergänge im Mittelmeer abgehakt werden, die keine Europäer, sondern Afrikaner betreffen.

Vor ein paar Jahren begleitete ich einen hochrangigen deutschen Politiker auf einer Goodwill-Tour durch mehrere Länder Afrikas. Was abseits des roten Teppichs geschah, drang nur gerüchteweise an sein Ohr, und als ich ihm von einem Massaker in Ruanda erzählte, das ich aus nächster Nähe erlebt hatte und bei dem keine Tutsi, sondern Tausende Hutu ermordet wurden, sah er mich ungläubig an.

Ich nenne seinen Namen nicht, weil es um Grundsätzliches geht. Viel zu viele Politiker sind vor allem an guten Nachrichten interessiert: Dass der afrikanische Kontinent aus dem Ruder läuft und wie ein mit Flüchtlingen überladenes Boot steuerlos auf den Wellen treibt, kommt in ihren Reden nicht vor. Statt dessen suchen Diplomaten und Entwicklungshelfer nach positiven Ausnahmen wie Ghana oder Ruanda: Dass letzteres ein Militärregime ist, das die Hutu-Mehrheit entmündigt und die Ressourcen des Nachbarlands Kongo ausplündert, bleibt ebenso unerwähnt wie die Verhältnisse in Ghana, wo Ausreisewillige vor westlichen Botschaften Schlange stehen. Ganz zu schweigen von Südafrika, wo die Kriminalität bürgerkriegsartige Ausmaße erreicht.

Auf der Flucht sind Lehrer, Ärzte, Ingenieure

Korruption und Brutalität sind in allen Staaten Afrikas anzutreffen und machen jeden Hoffnungsschimmer zunichte: Kein Wunder, dass immer mehr Menschen ihre Bündel schnüren und den Exodus durch die Sahara und übers Mittelmeer dem Elend im eigenen Land vorziehen – mit dem Risiko, auf hoher See ums Leben zu kommen. Dabei sind es nicht die Ärmsten der Armen, die sich auf den Weg machen, sondern Lehrer, Ärzte und Ingenieure, die zu Hause keine Berufsperspektiven haben. Dass mehr und mehr Kinder und Jugendliche die gefährliche Reise antreten, zeigt, wie schwierig das Überleben der Großfamilien in Afrika heute ist. Auch wenn es kein Patentrezept gibt: Ein Minimum an Empathie ist gefragt, doch selbst die verweigern wir.

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch (picture alliance / dpa / Klaus Franke)Der Schriftsteller Hans Christoph Buch (picture alliance / dpa / Klaus Franke)Hans Christoph Buch lebt, wenn er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Sein Roman "Apokalpyse Afrika" erschien in der Anderen Bibliothek, der Essay "Boat People – Literatur als Geisterschiff" in der Frankfurter Verlagsanstalt.





 

 

 

 

Mehr zum Thema:

Flüchtlinge in Italien - Willkommen in Riace
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 14.05.2015)

Flüchtlingsproblematik - Wie Abwanderung den Herkunftsländern helfen kann
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 13.05.2015)

Massengrab Mittelmeer - Die Bundesregierung muss endlich handeln
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 08.05.2015)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

Loblied auf einen schwierigen BerufWerdet Lehrer!
Eine Lehrerin steht vor einer Klasse mir einem Lehrbuch. (picture alliance/ JOKER / Gudrun Petersen)

Viele Arbeitnehmer sitzen Monitoren gegenüber, im Klassenzimmer hingegen gehe es vor allem um Menschen - Lehrer sei ein harter Beruf, aber auch ein wunderbarer, meint der Pädagoge Michael Felten. Die Frage nach dem Sinn der Arbeit stelle sich da nur selten.Mehr

EmpathieberufeDas outgesourcte Mitgefühl
Nahaufnahme zweier sich haltender Hände im Wasser (picture alliance / ZUMA Press / Paul Bersebach)

In Zukunft werden Maschinen den Großteil unserer Arbeit erledigen. Übrig bleiben Empathieberufe wie Krankenpfleger oder Psychologin, so Prognosen. Erwartet uns ein neues Jobwunder? Der Publizist Uwe Bork bezweifelt das.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur