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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.11.2008

Universelle Architektursprache für ein Weltgericht

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag erhält ein neues Gebäude

Christoph Ingenhoven im Gespräch mit Susanne Führer

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Das hohe Gericht soll ein neues Gebäude erhalten. (AP Archiv)
Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Das hohe Gericht soll ein neues Gebäude erhalten. (AP Archiv)

Der deutsche Architekt Christoph Ingenhoven hat bei einem internationalen Architektenwettbewerb den ersten Platz belegt mit seinem Entwurf für einen Neubau des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag. Es sei ihm um "einfache Verständlichkeit und Orientierung in einer globalisierten Welt" gegangen, so Ingenhoven. Da Angeklagte, Richter und Zeugen aus der ganzen Welt kommen, sollten alle Abläufe im Gebäude klar erkennbar sein und alles auf wenige Zeichen reduziert werden.

Susanne Führer: Und um einen anderen bedeutenden zeitgenössischen Gerichtsbau geht es jetzt. Der internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag soll ein neues Gebäude bekommen. Im internationalen Architektenwettbewerb hat der Entwurf des deutschen Architekten Christoph Ingenhoven den ersten Platz belegt. Guten Morgen, Herr Ingenhoven! Hallo?

Christoph Ingenhoven: Hallo, ja! Hier bin ich.

Führer: Ah, Sie sind da. Das ist schön! Herr Ingenhoven, der internationale Strafgerichtshof wird ja auch als das höchste Gericht der Welt bezeichnet. Dort werden Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verhandelt. Das Gebäude dafür zu entwerfen, ist, so stelle ich mir das zumindest vor, wohl eine Riesenaufgabe. Wie haben Sie sie gelöst?

Ingenhoven: Ja, es ist eine Riesenaufgabe. Es hat uns sehr interessiert, es ist eine große Herausforderung, weil wir uns natürlich an all das nicht richtig halten wollten, was dort eben in der Vorbemerkung geschildert wurde. Wir wollten weder beeindrucken, jedenfalls nicht mit machtvollen Gesten, und erst recht keine Angst einflößen. Man muss sich vorstellen, es geht nicht nur um das Rechtsprechen, es geht hier auch darum, dass natürlich oft eine Unmenge von Zeugen vernommen wird, die wohlmöglich aus der ganzen Welt anreist und sich dementsprechend wohlmöglich auch nicht gut orientiert fühlt, viel Öffentlichkeit, viele Journalisten, natürlich Fernsehbilder etc.

Insofern ging es auch um einfache Verständlichkeit, Orientierbarkeit, Verständlichkeit auch in einer globalen Welt. Was wir getan haben, ist natürlich ein sehr spezifischer Ort. Es ist nicht nur eben Den Haag, sondern auf dem Weg nach Scheveningen, zum Meer, da direkt in den Dünen. Und dort ist die Landschaft eh schon fast horizontal, kann man sagen, sehr flach, wird dann leicht wellig in den Dünen, sodass wir uns dadurch auch angeregt und eben durch den Wunsch, universell zu sprechen oder eine universelle Sprache zu sprechen, eigentlich auf sehr, sehr wenige Zeichen verständigt haben, einen flachen Boden kann man eigentlich sagen, ein Plateau sozusagen, das flach über den Dünen schwebt, dann sehr schlanke Stützen und ein absolut horizontales Lamellen- und Glasdach über der ganzen Anlage.

Führer: Was ziemlich weit überkragt, wenn ich die Bilder des Entwurfs richtig gesehen habe?

Ingenhoven: Ja, um diese Horizontalität noch zu stärken. Und dann sind eben sowohl die Gerichtssäle, die in elliptischen, vom Grundriss her elliptischen Formen untergebracht sind mit maximal vier Stück in der Erweiterung dann, als eben auch die Verwaltungs- und Büroeinheiten und alles andere, Medienzentrum usw. zwischen diesen beiden Scheiben, kann man sagen, zwischen diesen beiden horizontalen Elementen untergebracht.

Führer: Nun haben Sie gesagt, Herr Ingenhoven, Sie wollten mit Ihrem Entwurf nicht beeindrucken. Trotzdem ist ja so ein Gerichtsbau, zumindest auch für so ein internationales Gericht, ja immer ein Symbol. Dem kann man ja wahrscheinlich kaum entgehen. Welchen Symbolgehalt würden Sie denn Ihrem Entwurf zumessen?

Internationaler Gerichtshof in Den Haag (AP)Internationaler Gerichtshof in Den Haag (AP)Ingenhoven: Wir haben gesagt "form follows fairness". Das sollte bedeuten, wir wollen, dass alle Abläufe in diesem Bau klar erkenntlich sind, dass Leute sich beim Betreten des Gebäudes eigentlich schon sicher sind, wie das funktioniert. Sie haben einen Blick hinten in die Dünenlandschaft. Sie sehen sofort links diese vier Volumen, in denen die Gerichtssäle untergebracht sind, die relativ hell sind und auch tagesbelichtet. Man kann aus den Gerichtsälen rausgucken, dass man nicht vollständig die Orientierung und den Bezug auch zur Tageszeit verliert. Man sieht eben auch rechter Hand die drei Gebäudeteile, die dann sowohl die Verwaltung de Gerichtes als vor allen Dingen eben die Anklage und die Richter beherbergt. Etwas, zumindest symbolisch und teilweise auch funktional, voneinander so getrennt, dass man das ganz gut verfolgen kann.

Es ging eben auch um Orientierbarkeit, Verständlichkeit, ohne dass man jetzt, man muss sicher Schilder aufstellen, aber ich sage mal, wir wollten natürlich so weit wie möglich kommen mit der Verständlichkeit, ohne dass mit Schildern hantiert werden muss.

Führer: In der "Süddeutschen" war ja zu lese, Ihre Gerichtssäle, die ja so oval, linsen-, ellipsenförmig sind, würden sich am Amphitheater orientieren und das ovale Rund sei "ein Zeichen festgefügter, absoluter Ordnung". Ihrer Interpretation habe ich jetzt etwas anders verstanden.

Ingenhoven: Ja, die Interpretation war jetzt die der "Süddeutschen".

Führer: Okay.

Ingenhoven: Nein, ich würde sagen, wir haben eine sehr einfache eindringliche Form gesucht, die das Zusammenwirken von Anklage, von Richtern und von Verteidigung, natürlich aber auf der anderen Seite eben auch von Zeugen und von Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen soll. Dieses zusammen an dem Verfahren Wirken sind eben diese vier, fünf Parteien, wenn man so will, jetzt nicht offizielle Parteien, aber tatsächlich ja vorhandene Parteien, die an diesem Verfahren beteiligt sind.

Dazu kommen sehr, sehr strikte, funktionale Vorgaben. Man darf nicht ganz vergessen, ich habe immer ein bisschen flapsig gesagt, eigentlich bauen wir Stammheim und es darf auf keinen Fall so aussehen und es darf auf keinen Fall diese Wirkung haben. Wenn man sich kurz an Stammheim erinnert ...

Führer: Das Gericht?

Der Hochsicherheitsgerichtssaal des Oberlandesgerichts Stuttgart bei der JVA Stuttgart-Stammheim (AP Archiv)Der Hochsicherheitsgerichts- saal des Oberlandesgerichts Stuttgart bei der JVA Stuttgart-Stammheim (AP Archiv)Ingenhoven: Ja, dann ist Stammheim eben ja nicht nur ein Gefängnis, sondern eben auch das Gericht gesehen, dieser Hochsicherheitstrakt. Und unsere Bilder aus unserer, was ist das dann, Kindheit, Jugend, sind ja von Stammheim insofern im Fernsehen geprägt, als dass man sich schlechterdings kaum vorstellen konnte, dass das ein so vollständig transparentes Verfahren war, obwohl es das sicherlich bemühterweise war, weil die Bilder dieses Verfahrens und die Bilder alleine schon des Gerichtes von außen und des Gefängnisses von außen natürlich diese Transparenz vermissen ließen. Und das ist das, was wir in jedem Fall verhindern und vermeiden wollten.

Führer: Aber die Sicherheitsanforderungen müssen doch auch Sie beachten?

Ingenhoven: Sind enorm. Sind enorm, sind genauso hoch, eben, ist Stammheim letztendlich. Nur wir versuchen das eben durch andere Maßnahmen, zum Beispiel durch größere Distanzen zu lösen. Sie müssen sich mal vorstellen, dass man zwischen den kontrollierten, gecheckten Autos und Menschen usw., da handelt es sich ja um einen Hochsicherheitscheck, der da gemacht wird, zwischen denen und den nicht gecheckten muss eben entsprechende Distanz gewahrt werden.

Wenn man ein gläsernes Gebäude bauen will, wie wir das hier tun, muss man dafür Sorge tragen, dass eben auch eine Explosion, zum Beispiel eines Autos oder irgend eines anderen Sprengsatzes, in einiger Entfernung stattfindet, um dann, ich sage mal, letzten Endes das Gericht als solches nicht zu erreichen und nicht zu gefährden, jedenfalls nicht übermäßig. Das sind alles so Dinge, die die Sicherheitsexperten dann im Letztendlichen beurteilen müssen. Aber die waren natürlich sowohl in der Ausschreibung als auch schon im Wettbewerbsverfahren beteiligt.

Führer: Herr Ingenhoven, in diesem schon erwähnten Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" war auch eine gewisse Erleichterung darüber zu lesen, dass endlich mal ein deutscher Architekt mit einem politisch unbedenklichen Projekt im Ausland Renommee erwirbt. Sie haben sich ja diesem sogenannten "Bauen für Despoten" bisher verweigert. Es gibt ja Beispiele, Regierungssitz in Libyen, Ministerium in Saudi-Arabien, China usw. sind deutsche Architekten maßgeblich beteiligt. Sie haben einmal gesagt, es ist eindeutig abzulehnen, für öffentliche Institutionen oder staatliche Einrichtungen zu bauen, wenn diese einer Diktatur dienen. Ist die Architektur auch eine Frage der Moral?

Ingenhoven: Ich denke, alles ist eine Frage der Moral. Ich glaube, dass jeder Mensch sich in seinem Leben an vielerlei Stellen fragen muss, was richtig und was falsch ist. Das müssen auch Architekten. Und mich hat damals ein wenig angeregt in der Stellungnahme, dass ich das Gefühl hatte, dass viele relativ bedenkenlos fast mit diesem Erfolg in diktatorischen Regimen oder für diktatorische Regime fast schon hausieren gehen und ich das Gefühl hatte, das muss ja nicht unbedingt sein. Es gibt ja auch andere Ort auf der Welt oder andere Gelegenheiten, bei denen man schöne und richtige Dinge bauen kann. Das muss man nicht unbedingt in Libyen, in der Wüste für einen der bekannteren, internationalen Großkriminellen tun.

Führer: Sondern in den Dünen von Den Haag?

Ingenhoven: Ja, das gibt es auch Sprüche der Holländer, dass die Deutschen … jetzt seien wir in den Dünen. Man ist natürlich als Deutscher auch nicht davor gefeit oder nicht davor bewahrt, überall, wo man auftritt, gegebenenfalls auch auf Leute und auf Meinungen zu stoßen, die natürlich historisch verständlich sind, die aber teilweise auch von Menschen vorgetragen werden, die vielleicht geschichtlich dem nicht mehr ganz so nahe sind. Und da muss man auch irgendwie gelassen und einigermaßen konstruktiv drauf reagieren. Ich denke, dass man sich immer in so einem Umfeld bewegt, das man sich sehr anschauen muss und auf das man sich gut einstellen muss, auch intellektuell.

Aber das Thema Bauen, vielleicht eine Bemerkung noch zu dem Thema "Bauen für Despoten". Es ist immer sehr viel missverstanden worden, weil die Leute es natürlich instrumentalisiert haben und direkt gerichtet haben gegen bestimmte Staaten, so, ich bau nicht in China oder so was oder ich baue nicht in Libyen. Darum ging es eigentlich nicht. Es ging eigentlich immer nur darum, für wirklich hochrangige staatliche Institutionen zu bauen.

Führer: Ja, ich habe Sie ja zitiert, für öffentliche Institutionen oder staatliche Einrichtungen, die der Diktatur dienen.

Ingenhoven: Das ist auch richtig.

Führer: Okay. Der Architekt Christoph Ingenhoven. Sein Entwurf hat den ersten Platz beim Wettbewerb um den Neubau des internationalen Strafgerichtshofs belegt. Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Ingenhoven!

Ingenhoven: Vielen Dank!

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