Union der Ungerechtigkeit

Von Frank Räther · 31.05.2010
Am Anfang der weißen Herrschaft in Südafrika gab es erst einen Versorgungsposten der holländischen Ostindienkompanie, dann kamen weiße Siedler, es entstanden britische Kolonien und Burenrepubliken. Zwei Kriege zwischen den Engländern und den Buren folgten, bis schließlich am 31. Mai 1910 die Südafrikanische Union als britisches Dominion gegründet wurde.
Die Eisenbahnstation von Kapstadt war bunt mit Flaggen geschmückt an jenem 31. Mai 1910. Die wichtigste Zeitung des Landes, die Cape Times, erschien mit einer farbigen Sonderbeilage zum "Union Day". Die Post gab eine Briefmarke heraus, auf der erstmals der neue Name des Landes in Englisch und Holländisch stand: Union von Südafrika. Und in Pretoria wurde Louis Botha der erste Premierminister. Ein Burengeneral trat - acht Jahre nach dem verlorenen Krieg gegen die Engländer - an die Spitze der Südafrikanischen Union. Staatsoberhaupt war der britische König George der Fünfte, vertreten durch einen Generalgouverneur. Wieso schlossen sich die Feinde des Burenkrieges von 1899 bis 1902, der über 80.000 Tote gefordert hatte, so schnell zusammen? Der südafrikanische Politikwissenschaftler Deon Geldenhuys:

"Für das wirtschaftliche Vorankommen brauchten sie einander. Wenn sie sich zusammenschließen und eine Union bilden, so ihre Ansicht, würde es die ökonomische Entwicklung in ganz Südafrika voranbringen."

Denn nachdem erst die reichsten Diamantenfelder und dann die größte Goldlagerstätte der Welt entdeckt und erschlossen worden waren, kamen Hunderttausende Weiße aus aller Welt ins Land. Schnell entwickelte sich eine Industrie in dem bisherigen Agrarland, um die Bergwerke auszurüsten und zu versorgen und um Waren des täglichen Bedarfs herzustellen. Als britisches Dominion bekam nun Südafrika den gleichen autonomen Selbstverwaltungsstatus wie Kanada, Australien und Neuseeland. Und da 60 Prozent der Weißen Buren waren, die schon seit 1652 vor allem aus Holland, Frankreich und Deutschland ins Land geströmt waren, gewannen sie die Wahlen vor der Unionsgründung und stellten so den Premierminister. Denn wahlberechtigt waren nur weiße Männer.

"Es gab keine Verbesserung für die Schwarzen nach 1910. Die Union von Südafrika wurde mit einer großen Ungerechtigkeit geschaffen, denn die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung erhielt mit der Union keine Rechte."

Von damals knapp sechs Millionen Einwohnern waren nur 1,25 Millionen Weiße. Und es vergingen nur drei Jahre, bis diese Minderheit sich per Gesetz den Großteil Südafrikas sicherte. 87 Prozent des Bodens wurden als weißes Gebiet ausgewiesen, in dem die Schwarzen lediglich Gastarbeiterstatus hatten. 1912, zwei Jahre nach der Gründung der Südafrikanischen Union, bildete sich aus Protest gegen die anhaltende Rechtlosigkeit der Afrikanische Nationalkongress - ANC. Aber auch unter den Buren gab es viele Unzufriedene, sowohl in der nach dem Krieg verarmten Unterschicht als auch in Kreisen der Elite, die gegen die zunehmende Anglisierung opponierte. Ihre National Party bekam mehr und mehr Zulauf - und gewann 1948 die Wahlen. In der Folgezeit nahmen die Buren alle Schlüsselstellungen ein und bauten die Rassentrennung zu einem bis dahin unvorstellbaren Diskriminierungssystem aus. Apartheid war der Begriff dafür - Getrenntheit.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die internationale Großwetterlage. In Asien und später auch in Afrika erhielten einstige Kolonien die Unabhängigkeit. Und Großbritanniens Premier Harold Macmillan warnte 1960 im Kapstädter Parlament die Apartheid-Herrscher:

"Der Wind des Wandels bläst über diesen Kontinent. Und ob wir es mögen oder nicht: Das Wachstum eines nationalen Bewusstseins ist eine politische Tatsache."

Wegen seiner Apartheidpolitik drohte Südafrika der Ausschluss aus dem Commonwealth. Ministerpräsident Henrik Verwoerd, der Architekt der Rassentrennung, wollte es darauf nicht ankommen lassen. Er verkündete den Austritt und proklamierte am 31. Mai 1961 die Republik Südafrika. Das war das Ende der auf den Tag genau 51 Jahre zuvor gebildeten Union. Londons Monarchin war nicht länger Staatsoberhaupt. Das System der Apartheid wurde immer brutaler ausgebaut - und die internationale Isolation des Regimes wuchs. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis 1994 auch die schwarze Bevölkerungsmehrheit das Wahlrecht in ihrem eigenen Land erhielt, die politische Herrschaft am Kap übernahm und die Rassentrennung beseitigte, die Südafrika seit Ankunft der Weißen 1652 gekennzeichnet hatte.