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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 29.10.2019

Ungewöhnliches Lob auf die AfDEine unsympathische Partei erschüttert die Republik

Ein Kommentar von Christian Schüle

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Bjoern Hoecke, Spitzenkandidat der rechten Alternative für Deutschland (AfD), geht am Abend der Thüringer Landtagswahlen am 27. Oktober 2019 in Erfurt durch die einen dunklen Gang im Thüringer Landtag. (Getty Images / Carsten Koall)
Durch die AfD werden Radikalismen an die Oberfläche gehoben, die jahrelang im Untergrund wucherten. (Getty Images / Carsten Koall)

Es gibt nichts Schlechtes, an dem nicht auch etwas Gutes wäre: Das gilt auch für die AfD, findet der Autor Christian Schüle. Er ist der Partei in gewisser Weise dankbar für das, was sie indirekt und ungewollt bewirkt.

Vorweg gesagt: Es gibt meinerseits nicht den Hauch einer Sympathie für die AfD. Ihre Vertreter öffnen Ventile, animieren indirekt zu Gewalt, pflegen das abonnierte Monopol auf den Opfermythos und tragen zur Ausweitung der Kampfzone bei. Trotzdem sage ich klar und deutlich: Seien wir froh, dass es sie gibt! 

Die Partei zerstört jede Illusion von Harmonie

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sich durch sie zeigt, in welcher Verfassung die deutsche Gesellschaft tatsächlich ist. Diese Partei zerstört jede Illusion von Harmonie. Sie triggert das Beste und Schlechteste im Land. Einerseits kommt in Aufruhr und Kampf gegen die AfD ein kaum noch vorhanden geglaubtes Humanitätsbewusstsein zum Vorschein.

Andererseits wird mit und durch die AfD das Geschäftsmodell der Niedertracht und die Verachtungsbereitschaft erstaunlich vieler Mitbürger erkennbar. Durch die AfD werden jene Ressentiments und Radikalismen an die Oberfläche gehoben und hörbar repräsentiert, die ohnehin vorhanden sind, aber jahrelang im Untergrund wucherten. Die Therapie kann also beginnen. 

Die Wachsamkeit steigt

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sie das ethische Immunsystem der deutschen Gesellschaft sensibilisiert hat. Seit etwa fünf Jahren führt die "Alternative für Deutschland" der Republik vor Augen, wie leicht die für unverrückbar gehaltenen Übereinkünfte zu erschüttern sind – und wie beruhigend groß die Wachsamkeit der meisten Bürger für die liberale Demokratie in weiten Teilen doch ist. Diese normative Selbstvergewisserung ist enorm wichtig.

Ein Teinehmer einer Demonstration gegen den Bundesparteitg der AfD hält ein Plakat mit der Aufschrift "Make love, no AfD" (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)"Make love, no AfD" - fordern Demonstranten bei Protesten gegen Rassismus und Rechtsextremismus. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Wer die demokratisch legitimierte "Alternative für Deutschland" unbedeutend machen will, muss ihr die Grundlagen des Erfolgs entziehen: den Zuspruch durch den wählenden Mitbürger. Macht zerfällt, wenn man sie nicht anerkennt. Sie zerfällt nicht, wenn man sie empört dämonisiert.

AfD macht auf Dysfunktionalitäten aufmerksam

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sie nolens volens auf faktische Defizite und Dysfunktionalitäten im Land aufmerksam macht. Das müsste in den anderen Parteien ungewohnte intellektuelle Kreativität freisetzen, konstruktive Konzepte für Probleme, Sorgen und Begehrlichkeiten der Bürger zu finden, um die hochkomplexen sozioökonomischen Transformationsprozesse der Gegenwart in die Zukunft zu bewältigen.

Es wäre infantil, nichtgenehme Haltungen und Positionen einfach niederzubrüllen oder im Erregungseifer zum Teufel zu wünschen. Die Retro-Partei "Alternative für Deutschland" zwingt zu Konzept und Konsequenz, Präzision und Tempo.

Konservatismus muss zeitgemäß gedacht werden

Ich bin der AfD in gewisser Weise dankbar, weil sie dazu nötigt, die Grundlagen des bürgerlichen Konservatismus neu und zeitgemäß zu denken. Für weit mehr Menschen als vermutet sind Heimatgefühl und Identitätssicherheit wichtige Chiffren für die Sehnsucht nach Geborgenheit in Zeiten, da sie sich ohnmächtig, ungebraucht, austauschbar und – wie offenbar viele Ostdeutsche – vor allem kulturell und mental abgewertet fühlen.

Patriotismus lässt sich explizit unvölkisch, pluralistisch, heterogen und integrativ verstehen: als Loyalität, als soziale Kooperation, als Sorge, Fürsorge und Engagement für das Gemeinwesen. Wer die Sehnsucht nach kultureller Zugehörigkeit als faschistoid abtut, hat von der Psyche des Menschen nichts verstanden. 

Wie also wäre es mit ausgiebiger Frühkindförderung, mit Umschulungsprogrammen, Infrastruktur-Ausbau, Industriepolitik, mit 5G an jeder brandenburgischen Milchkanne, mit Smart Citys in Thüringen, Investitionen in Quantentechnologie und in ein Batteriezellenwerk in Sachsen?

Ironischerweise eröffnet doch gerade die AfD selbst die große Chance, sie und ihre nationalchauvinistischen Brandstifter mittelfristig unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken. Dafür wäre ich am dankbarsten.

Porträt des Autors Christian Schüle (picture alliance / dpa )Autor Christian Schüle (picture alliance / dpa )Christian Schüle, 49, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert, war Redakteur der "Zeit" und lebt als freier Essayist, Schriftsteller und Publizist in Hamburg. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Roman "Das Ende unserer Tage" (Klett-Cotta). Seit 2015 ist er Lehrbeauftragter im Bereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

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