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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 18.04.2012

Ungeliebter Urnengang

Präsidentschaftswahl in Frankreich - und keiner geht hin?

Von Anne Christine Heckmann

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Der französische Präsident Nicolas Sarkozy (r) und sein Herausforderer von den Sozialisten, François Hollande, können das Wahlvol nicht begeistern. (AP/dapd - dpa/picture alliance)
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy (r) und sein Herausforderer von den Sozialisten, François Hollande, können das Wahlvol nicht begeistern. (AP/dapd - dpa/picture alliance)

Die Fernsehbilder von Menschenmassen im französischen Wahlkampf täuschen offensichtlich: Noch vier Tage bis zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl und die Umfragen sagen die geringste Wahlbeteiligung in der Geschichte der Fünften Republik voraus.

Kurz vor der Wahl geht die Angst um in den beiden großen politischen Lagern. Konservative und Sozialisten fürchten allerdings weniger den politischen Gegner als vielmehr die Haltung der Franzosen. Denn die haben derzeit wenig Lust auf Präsidentschaftswahl. Rund ein Drittel der Wahlberechtigten will nicht zur Urne gehen – so die Umfragen.

"Diese Kampagne entwickelt sich anormal","

sagt Meinungsforscher Jérome Sainte-Marie.

""Wir haben ermittelt, dass sich nur 66 Prozent der Franzosen für die Wahl interessieren. Und die Zahl nimmt ab. Sie liegen derzeit 13 Prozentpunkte unter dem Wert von 2007."

Der Wahlkampf hat die Franzosen bislang nicht mitgerissen. Uninteressant, sagen viele. Mit komplexen Themenfeldern wie der Sanierung des Staatshaushalts, der Senkung des Defizits und der EU-Schuldenkrise schreckten die Kandidaten die Wähler ab, meint Francois Damisch, Mittelstands-Unternehmer aus Paris. Die Wahlkampf-Debatten gingen an den Bedürfnissen der Menschen vorbei:

"Man hat erreicht, dass die Franzosen jetzt ungeduldig und verzweifelt sind, in dem man die wichtigen Themen nicht angesprochen hat. Und sie sind für uns: die hohe Arbeitslosigkeit und eine Kaufkraft, die seit Jahren zurückgeht. Zu diesen Punkten erwarten die Franzosen extrem konkrete Lösungsvorschläge."

Die Franzosen hatten sich vom Wahlkampf mehr versprochen: Antworten statt Polemik. Stattdessen schieben sich die Kandidaten gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Sarkozy kritisiert Hollandes Planlosigkeit, Hollande Sarkozys Bilanz. Beide Topfavoriten sind nicht sonderlich beliebt: Hollande gilt als Weichling, Sarkozy als Haudegen. Die Menschen auf der Straße trauen ihnen nicht zu, dass sie Frankreich retten können.

"Wir haben seit Jahren dieselben Probleme – aber keiner hat Lösungen. Also frage ich sie: Warum soll ich wählen? Und für wen?"

"Die Leute haben ein bisschen die Nase voll. Sehen keine Perspektive. Also bleiben sie eben am Wahltag zu Hause – oder entscheiden sich erst kurzfristig."

Der erste Wahlgang fällt zudem mitten in die französischen Osterferien. Viele Familien sind unterwegs. Briefwahl gibt es in Frankreich nicht. Wer trotzdem seine Stimme abgeben will, muss bei der Polizei oder beim Amtsgericht jemanden bevollmächtigen, der in der gleichen Gemeinde wahlberechtigt ist. Vielen ist das zu umständlich. Deshalb bieten Konservative und Sozialisten sogar schon Hilfestellung per Internet an und suchen für Urlauber den passenden Ersatzwähler. Auch Francois Hollande, Kandidat der Sozialisten, bettelt in diesen Tagen um jede Wählerstimme:

"Ich erinnere daran, dass sich die Wahl im ersten Wahlgang entscheidet. Wir brauchen eine hohe Beteiligung, denn es geht um die Zukunft Frankreichs. Und denjenigen, die sagen, ich warte den zweiten Wahlgang ab, sage ich: Kommen sie auch zur ersten Runde."

Eine niedrige Wahlbeteiligung würde wahrscheinlich den großen Parteien schaden und die kleineren bevorteilen. Das war auch 2002 so, als die Sozialisten ihre Stammwählerschaft im ersten Wahlgang nicht mobilisieren konnten. Stattdessen zog der Rechtsextreme Jean-Marie le Pen mit den Stimmen der Protestwähler in die Stichwahl ein.

Mehr zum Thema auf dradio.de:
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