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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.02.2011

"Ungeheure Willkürjustiz"

Günter Wallraff über das Verfahren gegen die türkische Publizistin Pinar Selek

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Mit ihrem Buch über das Militär habe Pinar Selek auch die türkische Justiz gegen sich aufgebracht, vermutet Wallraff. (AP)
Mit ihrem Buch über das Militär habe Pinar Selek auch die türkische Justiz gegen sich aufgebracht, vermutet Wallraff. (AP)

Bei einer Explosion auf einem Gemüsemarkt in Istanbul starben 1998 sieben Menschen. Die Schriftstellerin und Soziologin Pinar Selek wurde daraufhin verhaftet und wegen angeblicher Beteiligung an einem Terroranschlag verurteilt. Dabei kamen mehrere Gutachten unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass eine defekte Gasflasche Schuld gewesen sei an der Explosion.

Zur der Zeit recherchierte Pinar Selek gerade für ein Buchprojekt über Kämpfer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Im Gefängnis wurde sie gefoltert, weil sie die Namen der PKK-Kämpfer nennen sollte. Selek kam nach zweieinhalb Jahren frei, sie wurde freigesprochen. Doch Ende 2009 kassierte das oberste Kassationsgericht in Ankara das Urteil wegen angeblicher Formfehler.

Selek floh über Nacht nach Deutschland. Derzeit lebt sie in Berlin als "writer in exile", gefördert durch ein entsprechendes Programm des internationalen P.E.N.

Der Journalist und Publizist Günter Wallraff wird nach Istanbul fliegen, um den Prozess gegen Selek zu beobachten. Er glaubt an einen politischen Schauprozess, denn Selek ist eine unbequeme Autorin in der Türkei, besonders ihr Buch "Zum Mann gehätschelt. Zum Mann gedrillt" sei beim Militär übel aufgestoßen:

"Ein Buch ist mit dafür verantwortlich, dass man hier versucht hat, aus ihr eine Terroristin zu machen. Sie hat hier einen Nerv getroffen, das heißt eine kritische Untersuchung über die türkische Armee, und Willensbrechungsmethoden beschrieben und gleichzeitig auch versucht, über lange Interviews das Kurdenproblem zu berücksichtigen und wie es zu Gewalt kommt, die Ursächlichkeiten …
Das scheint System zu sein in der türkischen Justiz, dass man Vorwände schafft und Menschen unter Folter dazu bringt, andere zu belasten, um dann einen Vorwand zu haben. Das ist im Fall Dogan Akhanli geschehen, und in ihrem Fall hat man jemanden, der sie im übrigen gar nicht kannte, zu diesem 'Geständnis' gezwungen".

Wallraff sprach von einer "ungeheuren Willkürjustiz" in der Türkei. Selek wolle zurückkehren in die Türkei, dort werde sie auch gebraucht. Aber: "Wenn sie zurückkehrt, dann muss sie geschützt werden. Doch wer schützt sie?"

Selek sei durch ihre Arbeit auch zur Zielscheibe rechter nationalistischer Propaganda geworden: "Wenn man am Allerheiligsten rührt, am Militär, (…), daran zu rühren, das ist so ähnlich, oder fast noch schlimmer, als wenn jemand den Armeniergenozid thematisiert. Also, ich hab ihr geraten, so schnell nicht zurückzukehren."

Um Selek zu einem gerechten Verfahren zu verhelfen, wünscht sich Wallraff hier auch deutlichere Worte von Seiten der deutschen Politik:

"Man muss denen viel mehr zusetzen, man muss das alles viel deutlicher sagen, sonst bewegt sich da nichts, und das ist auch die einzige Sprache, die in der Türkei noch verstanden wird."

Sie können das vollständige Gespräch mit Günter Wallraff mindestens bis zum 07.07.2011 in unserem Audio-on-Demand-Angebot hören. MP3-Audio

Links zum Thema bei dradio.de:
Kultur der Angst - Die Soziologin Pinar Selek hat die Identität türkischer Männer untersucht
"Zum Mann gehätschelt" <br> Männliche Rollenbilder in der Türkei und in Deutschland (DLF)
Abrechnung aus finsteren Tagen <br>Prozessauftakt gegen Dogan Akhanli in der Türkei

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