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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.12.2015

"Ungeduld des Herzens" an der Berliner SchaubühneEin dramatisierter Roman - mehr nicht

Von Von André Mumot

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Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz wurde von Jürgen Sawade von 1975 bis 1981 umgestaltet. (dpa / picture alliance / Hubert Link)
Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz wurde von Jürgen Sawade von 1975 bis 1981 umgestaltet. (dpa / picture alliance / Hubert Link)

Die Vorlage, ein Prosa-Text von Stefan Zweig, war bereits knapp aber virtuos vorbei am Schwulst geschrieben. Simon McBurneys Bühnenadaption nun nimmt Zweig zu ehrfürchtig beim Wort und heraus kommt: großes Pathos und ein Bühnenstück, das nur noch exaltierte Operette ist.

Jetzt also, kurz vor Weihnachten, wollen wir noch einmal tief hineinsteigen in die nostalgische Vergangenheit von edelmütigen Soldaten und tragischen jungen Damen, deren Liebe nicht erhört wird. Die Berliner Schaubühne macht Theater aus Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens", aus jener 1938 im englischen Exil entstandenen, trauervollen Rückbesinnung auf das zum Untergang verurteilte Habsburg mit seinem elegant beunruhigten Uniform- und Rüschenkleidpersonal.

Zweig war damals schon der wohl altmodischste Erzähler unter den ganz großen, schrieb er doch einen Text, der ganz und gar verhaftet ist in der schönheitstrunkenen Stilsicherheit des 19. Jahrhunderts. Es ist, vielleicht gerade deshalb, heute ein faszinierendes Erlebnis, den Roman noch einmal zu lesen, in seine Akkuratesse einzutauchen, seine forschende, aufgewühlte, virtuos am Schwulst entlang balancierende Sprachgewalt. Lesen sollte man den Roman – auf die Bühne bringen nicht. Das beweist ausgerechnet Simon McBurney, Starschauspieler, Hollywood-Gesicht und seit nunmehr dreißig Jahren einer der wichtigsten unabhängigen Theatermacher und Regisseure Englands.

Simon McBurneys erste Arbeit mit einem deutschen Ensemble

Seine erste Arbeit mit einem deutschen Ensemble, durchaus mit Spannung erwartet, beginnt als schlichte Hörspielrezitation: Die Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen an Tischen, vor Mikrofonen, ansatzweise historisch bekleidet, und werfen sich in die langen, introvertierten, dialogarmen, also absolut untheatralen Erzähltexte Zweigs. Langsam nehmen sie ihre Rollen ein und Haltung an, gestalten Szenen, liefern Salonpantomime. Auf diese Weise rauscht eine gut zweistündige Zusammenfassung des ausladenden Werkes vor den Zuschauern ab, angereichert durch übersuggestive Musik, Geräusche und filmische Projektionen.

Ein seltenes Paradoxon: So schlicht, ja karg die Anlage dieser Produktion daherkommt, so überladen wirkt sie doch von Anfang an. Minimalperformance? Keineswegs. Alles muss ausillustriert und aufs Naivste bebildert werden. Wird vom großen Mond gesprochen, taucht er – Zack – als naturalistische Projektion an der Schaubühnenrückwand auf. Es mangelt auch nicht an kitschigen Sturmwolken, Landschaftsaufnahmen und historischen Fotografien. Und wenn es schwelgerisch werden soll in der tragischen Liebesgeschichte, in der sich ein Leutnant mit einer behinderten jungen Frau nur aus Mitleid verlobt, darf auch das Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie nicht fehlen.

Autor Stefan Zweig nicht hinterfragt

Alles nämlich nimmt Simon McBurney ehrfürchtig beim Wort, alles wird eins zu eins in Bühnenaktionen und großes Pathos umgesetzt, nichts unterspielt, aufgebrochen oder hinterfragt, stattdessen mit Ausrufezeichnen und überagierter Emotionsnatürlichkeit ausstaffiert. Was sich im Roman als langsamer, quälender und tatsächlich ergreifender Prozess der heillosen Gefühlsverstrickung entfaltet, ist hier nur exaltierte Operette, die ihre biedere Abstandslosigkeit nie verbergen kann.

Aktuell sei der Roman immer noch, hat McBurney im Vorfeld gesagt. Erklären kann er das in seiner Inszenierung nicht. Und wenn er den Abend nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit dem Bild eines Flüchtlingsschiffes im Mittelmeer enden lässt (Zweig war ja schließlich auch ein Flüchtling), kann man sich nur noch kopfschüttelnd abwenden von so viel Beliebigkeit. 

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