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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.07.2015

"Ungarische Hochzeit" in Bad IschlHier zündet vor allem die Musik

Von Jörn Florian Fuchs

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Szene aus Nico Dostals "Ungarische Hochzeit" in Bad Ischl (fotohofer.at)
Zeitkritik spielt in der "Ungarischen Hochzeit" keine Rolle. (fotohofer.at)

Leonard Prinsloo bringt in Bad Ischl Nico Dostals Operette "Ungarische Hochzeit" zur Aufführung - und nervt dabei mit Klischees und redundanten Schenkelklopfereien. Wegen der exzellenten Musik lohnt sich die Reise ins Salzkammergut dennoch.

Die Stühle sind deutlich bequemer und es gibt eine hervorragende, ziemlich geräuschlos funktionierende Klimaanlage. Außerdem muss man nicht erst einen veritablen Hügel hinauf kraxeln, sondern kann direkt von einem entspannten Spaziergang an der Traun in den Saal hinein schlendern. Nein, Bad Ischl ist nicht Bayreuth, aber die Aufführungen dauern in beiden Städtchen oft ähnlich lang. Der Rekord in Ischl lag vor ein paar Jahren, so die Erinnerung nicht trügt, bei einem auf die Vierstundenmarke zusteuernden "Zarewitsch".

Am Samstag gab es Nico Dostals 1939 in Stuttgart uraufgeführte "Ungarische Hochzeit", die mit gut dreieinhalb Stunden auch Wagnerlänge besitzt, aber erfreulicherweise kaum (musikalische) Längen hat. Dostal kümmerte sich in diesem letzten Werk der sogenannten 'silbernen Operette' herzlich wenig um damals einschlägige Entwicklungen und Einflüsse wie Revue-Elemente oder Jazz. Er blickte, auch was sein eigenes Schaffen betrifft, zurück und beschwor die gute alte – vermeintlich heile – Zeit.

Viel Mischmasch mit wenig Kontur

Marius Burkert dirigiert das Ischler Franz-Lehár-Orchester wunderbar farbig, temperamentvoll und, wenn es passt, auch leicht schroff und knackig. Zuckerguss, Goldstaub und eine Prise Paprika – besser geht's nicht! Auch der Chor (Einstudierung László Gyükér) trägt seinen Teil zum musikalischen Feuerwerk bei. Das schlussendlich zueinander findende Paar Janka (mit ebenso elegantem wie wuchtigem Timbre: Regina Riel) und Graf Stefan (Jevgenij Taruntsov braucht ein wenig, läuft aber bald zu großer Form auf) reiht sich in ein spielfreudiges, gut ausgewähltes Ensemble ein.

Fürs frohe Finale sorgt Dolores Schmidinger als recht betulich näselnde Kaiserin Maria Theresia. Die Regentin sandte ursprünglich einen Haufen junger Männer nach Ungarn, die dort als Kolonisten einheimische Mädels ehelichen sollten. Erst setzt man den Stenzen alte Schachteln vor, dann sorgt der als sein eigener Diener verkleidete Graf Stefan für Aufregung und Verwirrung, dazu kommen noch weitere amouröse Turbulenzen. Nach drei Akten sorgt die Kaiserin für Ordnung und es finden sich die emotional und standesmäßig (!) adäquaten Paare.

Alles potentiell Zeitkritische oder Politische interessierte Dostal und seinen Librettisten Hermann Hermecke nicht. Umso größer also die Chance für einen Regisseur. Leider zeigt Leonard Prinsloo jedoch vor allem Klischees und zeitweise arg redundante Schenkelklopfereien. Sehr bunte Tracht trifft auf futuristische Anzüge, die Brautwerber kommen in Jeans und T-Shirt daher, andere leben in leicht zerlumptem Pomp. Im dritten Akt gibt es eine veritable Orgie mit Tierkopf-Männern und hübsch beweglichen Ballettratten. Alles in allem war das leider viel Mischmasch mit wenig Kontur.

Doch wegen Dostals Musik und ihrer exzellenten Umsetzung lohnt sich die Reise ins Salzkammergut auf jeden Fall.

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