Unfreiwilliger Held des israelischen Alltags

Der junge Israeli Eitan überlebt kurz hintereinander drei Terroranschläge. Die israelischen Medien erklären ihn deshalb kurzerhand zum Nationalhelden, der dem Terror trotzt und stoisch seinen Alltag bewältigt. Assaf Gavron entlarvt diese Art Propaganda humorvoll und sarkastisch. Durch die Figur des Palästinensers Fahmi, der Eitans Wege kreuzt, ermöglicht er einen anderen Blick auf die israelische Lebenswelt.
Israelischer Alltag: Eitan, ein Mann Anfang Dreißig, steigt morgens in den Bus, um zur Arbeit zu fahren. Er bevorzugt kleine Privatbusse, da sie als sicherer gelten und schneller ans Ziel gelangen als große Linienbusse. Eitan arbeitet für eine Zeitmanagementfirma. Er hat sein Leben auf Effizienz ausgerichtet, entwickelt Konzepte und Software, um beispielsweise Ampelphasen oder Auskunftsdienste zu beschleunigen.

Sein straff durchorganisiertes Leben stockt, als der kleine Bus - entgegen jeglicher Erwartung - von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wird - nur wenige Minuten, nachdem Eitan ausgestiegen ist.

Je genauer man plant, desto wirkungsvoller trifft einen der Zufall - dieser Aphorismus des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrematt könnte das Motto abgeben für den neuen Roman des israelischen Autors Assaf Gavron. "Ein schönes Attentat" beschreibt die Unmöglichkeit, ein geregeltes Leben zu führen, wenn dieses permanent bedroht ist.

Eitan, der erfolgreiche Tel Aviver Yuppie, Kind amerikanischer Einwanderer, erzählt aus der Ich-Perspektive, wie er nicht nur den Anschlag auf den Bus, sondern innerhalb kürzester Zeit gleich noch zwei weitere Attentate überlebt. Er wird von den Medien zu einem nationalen Helden aufgebaut, dem Symbol Israels, das unbeeindruckt vom Terror weiterhin den Alltag meistert.

Assaf Gavron entlarvt diese Art Propaganda humorvoll und sarkastisch. Er macht die Obszönität deutlich, mit der Politik und Kommerz den traumatisierten Eitan funktionalisieren. Ebenso zeigt er dessen Unfähigkeit, die eigene Schwäche zu reflektieren. Gavron beschreibt ein widerwilliges Opfer - das, ohnehin längst unter enormem psychischem Druck, den (post)traumatischen Stress verleugnet. Alles, was Eitans Leben Sinn gab, löst sich auf. Er verliert seine langjährige Freundin und den Arbeitsplatz. Konsequenzen zieht er keine.

Brisant wird der klug konstruierte Roman, indem Gavron eine zweite Hauptfigur installiert. Ebenfalls ein Opfer - aber eines, das zum Täter wird. Die zweite Erzählstimme gehört dem Palästinenser Fahmi. Er war an den Anschlägen, die Eitan überlebte, beteiligt. Nun liegt er im Koma, unbeweglich "wie eine Gurke", schwer verletzt durch eine Explosion, die er selbst herbeigeführt hat.

Aus Fetzen eines inneren Monologes rekonstruiert der Autor Fahmis Leben. Eine typisch palästinensische Biografie wird sichtbar, geprägt vom Konflikt - wie die des Israelis. Die Protagonisten in Gavrons Roman stehen für den Zustand ihrer jeweiligen Gemeinschaft. Spiegelbildlich stellt der Autor sie als Opfer eines mörderischen und selbstmörderischen Krieges dar, gibt Frustration, Angst, Wut, aber auch Lebenslust und Liebesfähigkeit zwei Stimmen, die abwechselnd ihre Geschichten erzählen. Gleichberechtigt stehen sie nebeneinander.

Ständiger Perspektivwechsel im Erzählfluss, eine zusätzlich eingebaute Krimihandlung, Parallelmontagen und die Zuspitzung auf ein Zusammentreffen der beiden Protagonisten machen Gavrons Roman spannend. Besondere Bedeutung erhält er durch den gelungenen Versuch des israelischen Autors, aus dem Herzen des Feindes zu sprechen.

Assaf Gavron ist nicht sentimental oder naiv. Er rechnet nicht israelische Gewalt gegen palästinensische auf. Aber er versetzt sich und den Leser in den anderen hinein, zeigt nicht Feindbilder, sondern Menschen.

Rezensiert von Carsten Hueck

Assaf Gavron: Ein schönes Attentat
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
Luchterhand Verlag, München 2008
349 Seiten, 19,95 Euro