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Nachspiel | Beitrag vom 16.06.2019

Unfälle im FreizeitsportKrücke statt Surfbrett

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Eine Ärztin sitzt am in einer Arztpraxis am Schreibtisch, während ein Patient mit Krücken im Sprechzimmer steht. (picture-alliance / dpa / Christin Klose)
Die Genesung nach Sportunfällen kann lange dauern - und Krücken sind eine starke Einschränkung der Mobilität (picture-alliance / dpa / Christin Klose)

Ein Moment der Unachtsamkeit, eine Windbö auf dem Wasser oder auch Materialversagen: Kleine Anlässe, die zu einer Sportverletzung führen können, gibt es viele. Was dann folgt, sind monate- oder jahrelange Wege zurück in die Beweglichkeit.

Ruptur des medialen Kollateralbandes, sowie Riss des hinteren Kreuzbandes. Zerrung des vorderen Kreuzbandes, sowie des medialen Retinaculums. Breiter horizontaler Riss im Meniskushinterhorn. Komplexe Innenmeniskusläsion. Deutliche retropatellare Chondropathie mit umschriebener Fissur an der medialen Facette. Aha!

"So, ihr Lieben, schön, dass ihr da seid! Wir beginnen erstmal im Stehen. Ihr könnt sehr gern die Schuhe ausziehen."

Einiges davon könne man operativ behandeln, die übrigen Schäden müsse man erstmal beobachten, meinte der Kniespezialist. Mit Physiotherapie und intensivem Training könne ich in zwei Jahren vielleicht sogar wieder skilaufen. Acht Monate davon habe ich bereits hinter mir und so gehe ich jetzt regelmäßig zum Reha-Sport.

"Und dann wachst hier mal in die Größe, ihr werdet länger. Genau! Ihr werdet schon immer mutiger, sehr gut."

Beim Windsurfen an der Ostsee erfasst mich eine heftige Böe. Am Segel eingehakt werde ich über das Brett geschleudert, doch mein Fuß verfängt sich in einer Leine und die Beine werden auseinander gerissen. Im Fliegen denke ich, mein Schritt reißt auseinander. Ich lande unter dem Segel und strample, um nach oben zu kommen. Das Seil hat sich um meinen Fuß geschlungen, ich hake immer noch am Segel fest. Panik. Gefühlte Zeitlupe. Irgendwann ist mein Kopf wieder über dem Wasser und jetzt spüre ich intensiv, dass es mein Knie erwischt haben muss. Zum Glück kommt der Wind vom Meer und ich lasse mich ans Ufer treiben, mein rechtes Bein schlingert wie leblos hinterher.

"Je älter, umso schwieriger wird es"

An Land kann ich sogar selbständig humpeln und denke, alles nicht so schlimm, doch als ich nach unten schaue, klappt mein rechter Unterschenkel bei jedem Schritt nach außen.

"Jawoll, sehr gut! Wenn ihr hochkommt, löst ihr vorsichtig ein Bein und dann setzt ihr wieder ab, wie so ein Tanzbär in Zeitlupe. Gut, sehr schön."

Durch Oliver Schadow von der Berliner Physiotherapiepraxis Theroga habe ich bereits erhebliche Fortschritte mit meinem Knie gemacht.

"Für mich und unsere Arbeit hier ist es was Alltägliches, weil wir das jeden Tag sehen und uns darauf spezialisiert haben. Es ist eine leider klassische Knieverletzung. Grundsätzlich ist es aber so, so ein Knie bleibt nach so einer schweren Operation geschädigt, und es ist eher ein langer Therapieprozess, um wieder in die Aktivität zu kommen. Natürlich müssen Strukturen heilen, aber grundsätzlich geht es um Vertrauen zu dem Knie, und das ist die, glaube ich, Hauptaufgabe im Rahmen der Therapie, dass man wirklich versucht, demjenigen Vertrauen in die Belastbarkeit des Knies zu geben."

Nach Monaten auf Krücken genieße ich die Selbstverständlichkeit mit der ich mich wieder frei fortbewegen kann, wenn auch mein Gang noch nicht ganz rund läuft. Muss ich mir das lange Humpeln erst wieder abgewöhnen oder ist da noch keine rechte Kraft im Bein? Innerhalb weniger Wochen mit einer Schiene war von meinen Muskeln im Oberschenkel kaum noch etwas zu sehen.

"Wenn das Knie stabil ist, geht es dann darum, auch so schnell wie möglich auch den entsprechenden muskulären Mantel zu schaffen, weil, nicht nur Bänder halten das Knie, sondern die Kombination aus beidem. Und das ist etwas, was man nach solchen Knieverletzungen, wenn man sportlich aktiv sein möchte danach, in der Regel sehr, sehr lange und wirklich sehr konsequent machen muss, um diese strukturelle Schädigung auszumerzen."

Je besser es mit meinem Knie geht, umso öfter lasse ich mein häusliches Muskeltraining ausfallen. Mit schlechtem Gewissen besuche ich Oliver Schadow, doch der Physiotherapeut baut mich auf trotzdem auf: Na, da ist doch schon was zu sehen vom Muskel.

"Je älter, umso schwieriger wird es. Das liegt aber daran, dass es zu einem Muskelzellenabbau im Alter kommt. Grundsätzlich heißt es aber nicht, dass ältere Leute nicht auch einen guten Muskelaufbau haben können. Und ich würde mich nicht aus dem Fenster lehnen und sagen, dass ein 50-Jähriger nicht per se einen schlechteren Muskelaufbau hat als ein 25-Jähriger, sondern es hat immer was damit zu tun, wie gewohnt sind die Muskeln auch an Belastung. Also, jemand der immer aktiv war, wird deutlich schneller vorwärts kommen als jemand, der es halt nie getan hat."

Von der Bergwacht gerettet 

Ich habe die 50 zwar schon lange überschritten, doch immerhin war ich vor meinem Unfall regelmäßig joggen. Auch das Training mit Gewichten war nicht zu kurz gekommen. Vielleicht kann ich ja noch in diesem Sommer wieder aufs Brett steigen und im nächsten Winter die Skipisten hinunter schießen?

"Ja, wobei Windsurfen wirklich eine Risikosportart ist, weil du fixiert bist am Brett in der Regel ja über die Schlaufen. Das große Problem ist der Mast, also, das heißt, wenn du fällst, dann fällst du halt in der Regel unkontrolliert und mit einer so hohen Wucht, dass man auch noch so fit sein kann, ist das Risiko in dem Fall, würde ich persönlich es als deutlich höher einschätzen als beim Skifahren, weil ein bisschen Surfen geht nicht, ein bisschen Skifahren geht schon."

"Genau! Schaut mal, dass die Hüfte am Boden bleibt. Die Hüfte ist am Boden. Die Beine sind eher lang als hoch. Die Knie sind gestreckt."

Auf der Nachbarmatte liegt Vivian. Ich bewundere ihre Beinstreckung, ganz anders als bei mir. Nach dem wöchentlichen Rehatraining tauschen wir uns über unsere Unfälle aus.

"Im Winter sind wir Ski gefahren als Familie."

Vivien ist 50 Jahre alt.

"Bin einfach gestürzt."

Sie arbeitet als Sekretärin.

"Vielleicht war es eine Unaufmerksamkeit, vielleicht war irgendeine Erhebung, ich bin nicht irgendwo abseits oder jetzt mit Risiko oder noch schneller - eigentlich nicht. Es ist mir keiner rein gefahren. Die Ski haben sich verkantet und haben sich halt nicht gelöst. Die Bindung war zu fest eingestellt. Und dann habe ich versucht, aufzustehen, aber ich hatte schon vorher ein Ploppen gehört, also, es knackte und es ging nicht. Also, ich wusste, es ist etwas kaputt. Es hält auch niemand an. Mit Skiern fährst du ab und da fällt ja immer mal jemand hin, der steht wieder auf und fährt weiter, und du fährst halt vorbei und siehst nicht, dass der da schon längere Zeit liegt."

Vivien wurde schließlich von der Bergwacht gerettet. Der Skiurlaub war beendet.

"Skifahren ist ein gutes Beispiel. Man muss heute nicht mehr richtig skifahren können, die Ski machen alles selber. Das macht es aber auch wieder gefährlich, weil man es weniger kontrollieren kann. Wenn wir einmal im Jahr skifahren gehen, den ganzen Tag im Büro sitzen, in der Regel keinen Sport machen, dann ist das per se erstmal nicht gesund, weil die Muskulatur und auch unser Kopf mit dieser Belastung nicht umgehen können, weil sie es einfach nicht wissen. Man bräuchte also eine viel längere Zeit, um da hinein zu kommen. Der Klassiker ist, man will sieben Tage auf der Piste sein bei sieben Tagen Urlaub. Das heißt, man fährt die ganze Nacht durch, sitz im Auto und vom Auto geht es direkt auf die Piste. Das ist natürlich der Worst Case, der so ganz oft gut geht, manchmal halt leider nicht."

"Jawoll, super! Und Bauchspannung haltend und einmal alle die Knie absetzen."

Mit Vivien fachsimple ich über unsere fast identischen Knieverletzungen.

"Bei mir war der Meniskus gerissen das Kreuzband eben kaputt, das vordere und das Innenband war fast gerissen."

Eine typische Sportverletzung, offensichtlich nicht nur bei Skiunfällen.

Mit Krücken Eis essen geht nicht 

Was bei Vivien folgte, ist mir bekannt: Knie-OP, für ein paar Wochen eine feste Schiene, dann für weitere drei Monate ein bewegliches Gestell ums Knie, die Orthese.

"Mein Bein war total schnell atrophiert, sagt man ja, dass die Muskeln abgebaut werden. Ging ziemlich schnell, sah auch krass aus."

Genau wie bei mir, ein Strichmännchenbein.

"Ich habe wirklich auch viel Sport gemacht, um das wieder aufzubauen, aber es ist auch nicht ganz wieder - es ist auch ein bisschen dünner, der Oberschenkel als der andere."

Im Alltag bekomme ich ein Gefühl dafür, wie es Menschen gehen muss, die dauerhaft auf Gehhilfen angewiesen sind. Nach dem ersten Einkauf schlenkert die Tasche mit Obst, Wasser und Gemüse nur so um die um die Krücken herum. Mein verstaubter Stadtrucksack wird wieder in Betrieb genommen. Einmal überwinde ich bei einem Kiezspaziergang die Stufen eines Eiscafés. An der Theke fällt mir ein: Wie komme ich denn jetzt mit meiner Waffel wieder aus dem Laden? Draußen auf den Stühlen nur der Gedanke, hoffentlich stößt jetzt niemand von diesen tobenden Kids an mein ausgestrecktes Bein.

"Kriegt man schon einen anderen Blick drauf. Die Krücken fallen mir eher auf, wenn welche so mit Krücken umhergehen, wie beschwerlich das eigentlich ist."

Ich werde mit meinen Gehhilfen anders wahrgenommen, empfinde mich irgendwie ausgeschlossen zwischen den normal gehenden Menschen. Doch meistens begegnet mir Hilfsbereitschaft. Einmal sagt eine junge Frau im Vorbeigehen ganz einfach: Gute Besserung! Und lächelt mich an. Schlagartig bekomme ich gute Laune. Hatte sie ähnliches erlebt?

"Wie man ja auch immer nicht so geht, dass einem nichts weh tut. Weil wenn man längere Strecken mit Krücken geht, tut einem dann woanders was weh, weil man einfach nicht gerade geht."

Ich dachte bei mir zunächst an eine Nierenkolik. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass falsches Krückengehen solche Rückenschmerzen auslösen kann.

"Es ist im Prinzip harmlos im Gegensatz zu einer Erkrankung, die vielleicht lebensbedrohlich ist. Für einen selber ist es trotzdem ein bisschen traumatisch. Das Leben gerät irgendwie in neue Fugen. Ich bin sehr dankbar, ich war eigentlich jeden Tag dankbar, dass ich wieder vieles machen kann. Auch heute noch, dass wenn ich laufen gehe und fertig bin, dass ich am Ende denke, toll, heut hat mir wieder nichts weh getan!"

Wie lange währt diese Dankbarkeit, der Vorsatz, diesen speziellen Unglückssport nie wieder zu betreiben und der Leichtsinn setzt wieder ein? Wie schnell vergisst man die Freude über die wieder gewonnene Selbstverständlichkeit, einfach nur ganz normal laufen zu können?

"Das hat eine deutliche Spur hinterlassen bei mir"

Vivien trainiert inzwischen für den Marathon, aber im Unterschied zu mir will sie wenigstens nicht wieder Ski fahren.

"Auch nicht Langlauf, muss ja nicht sein. Ich will mich eigentlich dem Risiko nicht mehr aussetzen. Ich glaube, ich würde auch nicht mehr Schlittschuh laufen gehen, hätte ich auch Angst, hinzufallen, alles, was irgendwie rutschig ist."

Doch die Gefahren lauern eben auch überall dort, wo es nicht rutschig ist.

"Sport zu machen, also, schon die Tatsache, Fußball zu spielen, Ski zu fahren oder im Kontaktsport, bei Überkopfsportarten, Tennis, Volleyball, Beachvolleyball, Handball, wo so immer wiederkehrend, entgegen dem Alltag über Kopf gearbeitet wird mit großen Widerständen, bringt ja mit sich, dass man das Risiko einer Verletzung mit in Kauf nimmt."

Und wer denkt schon im Eifer des Mannschaftsspiels oder im Zweikampf daran, dass da etwas in einem kaputt gehen könnte?

"Was will ich eigentlich, worauf könnte ich verzichten?"

Gerade nach einem Sportunfall.

"Grundsätzlich würde ich sagen, dass mit dem Älterwerden - und Älterwerden heißt für mich Erwachsenwerden und Verantwortung tragen - ob es jetzt für sich ist, in seinem Beruf, Freunde, Familie wie auch immer - das, was eine Verletzung bewusst mit einem macht, sehr viel tief greifender wird und ist. Das wäre auch meine eigene Erfahrung, als junger Mensch war halt, ja, ist was kaputt, dann habe ich nicht über Konsequenzen nachgedacht, dann denkt man schon eher darüber nach."

"Was in meinem Leben prominent gewesen ist, war, dass ich einen Fahrradunfall hatte."

Hagen ist Arzt und Anfang 60.

"Das hat eine deutliche Spur hinterlassen bei mir."

Obwohl sein Unglück schon einige Jahre zurückliegt.

"Ich bin viel ängstlicher geworden, als ich früher war. Beim Fahrradfahren und auch bei anderen Sachen. Gerade beim Skifahren, da mal jetzt lieber ein bisschen langsamer, wobei ich schwer unterscheiden kann, ob das einfach sowieso mit dem Älterwerden zu tun hat, da werden Menschen sowieso ängstlicher, vorsichtiger und wissen auch, dass sie weniger schnell sind und weniger beweglich. Aber ich glaube, was meine Person angeht, dass es mit diesem Unfallerleben durchaus zu tun hat."

Radfahren ist zwar keine Kontaktsportart, doch bei einer Kollision schützt ein Helm immerhin den Kopf. Unfallklassiker sind hier ausgerenkte Schultern und frakturierte Handgelenke. Radler Hagen erwischte es allerdings in einer anderen Region.

"Im Oderbruch, da gab es so eine Runde über ein paar Dörfer, so was um zehn Kilometer. Das war nämlich die Quappendorf-Runde. Und diese Quappendorf-Runde, die fuhren wir dann immer, ging's dann immer so um die Wette, immer mit Stoppuhr. Dann fuhren wir ja immer Windschatten, wie die Profis das so machen. Windschatten, ich hinter Matthias her und bin an sein Hinterrad so rangekommen. Dann bin ich gestürzt und lag auf der Straße und konnte nicht mehr aufstehen."

Hagens Arztfreunde versorgten ihn mit Schmerzmitteln, damit er die Fahrt in ein Berliner Krankenhaus übersteht.

Wenn es nur noch den Schmerz gibt 

"Man ist ja so gewöhnt, dass man als Mensch so mit Wohlbefinden durchs Leben läuft und von der Sekunde an gibt es nur noch Schmerz, gibt nichts anderes mehr."

Diagnose Beckenbruch. Empfehlung: konservative Behandlung, warten bis es wieder zusammenwächst.

"Ich wurde auf so eine Station gebracht und da kam jemand mit einer Bohrmaschine und in der Bohrmaschine hatten sie so einen langen Draht, so ein Eisending mit einem Gewinde. Und das haben sie mir dann durch den Oberschenkel durchgebohrt und zwar so, dass links und rechts so ein Stück rausguckt. Ich war einigermaßen überrascht, weil das ohne größere Vorbereitung oder Gespräche und durch den Pfleger da so stattfand. Da hatte ich dieses Ding und an dieses Ding haben sie so einen Bogen dran gebaut und da kann man dann mit einem Haken ein Seil dran machen. Das Seil wiederum wurde am Fußende des Bettes über eine Rolle gelenkt und unten an das Seil wurde ein Gewicht dran gehängt. Und da lag ich dann, was jetzt erstmal schon überhaupt nicht schön war, aber das ganz Verrückte ist dann, dass sie gesagt haben, drei Monate musst du jetzt da liegen. Du kannst nicht aufstehen, du kannst dich auch nicht auf die Seite drehen. Immer!

Normalerweise hat man ja so in seinem Alltag, das Gefühl, dass man selber steuert, ich stehe auf und dann gehe ich dahin und mache das und dann gehe ich arbeiten, und das plane ich so und dann mache ich das so. Dieser Einbruch einer solchen Sache in das Leben, der bedeutet, du kannst nichts mehr selber steuern, und das macht ein Gefühl von Unwirklichkeit. Du liegst da und denkst, du bist jetzt irgendwie in einem Traum, wachst dann auf und dann ist es weg. Zu kapieren, dass das wirklich die Realität ist und du gar nichts mehr kannst, das dauert eine Weile, da hast du erstmal ein paar Wochen zu tun."

Hagens Verletzung muss nicht Folge eines Sportunfalls sein. Man kann ebenso gut auf der Haustreppe stolpern, in der Wanne ausrutschen oder gegen eine Laterne laufen. Doch das ist in der Regel der eigenen Unaufmerksamkeit geschuldet. Dem Zusammentreffen unglücklicher Zufälle, die zum Unfall führen können, setzt man sich beim Sport jedoch bewusst aus. Ganz abgesehen von Selbstüberschätzung und Risikofreudigkeit.

Schwer zu verkraftende Krankenhausrealität 

Noch auf Krücken kommentierte man meinen Wassersturz scherzhaft mit: Je oller, je doller! Oder sogar: Siehste, Sport ist Mord! Redet man sich deshalb vielleicht ein, dass man eigentlich noch Glück im Unglück hatte? Ich hätte schließlich unter meinem Surfsegel auch ertrinken können. Und selbst Hagen verharmlost seine schwere Beckenverletzung.

"Die Krankenhausrealität, schwer zu verkraften und wirft so ein Licht darauf, wie es Menschen geht, die wirklich schwerwiegenden Sachen ausgesetzt waren. Das, was ich erlebt hab, war ja eigentlich ein Lappalie, führte dann aber dazu, dass ich da so festlag."

Jedenfalls war Hagen nach einem Vierteljahr dankbar für jeden Fortschritt mit seinen Bewegungen, genau wie Vivien und ich mit unseren Knieverletzungen.

"Jeder Tag war ein Gewinn. Die Schmerzen haben nachgelassen, jeden Tag wurde es ein bisschen besser, jetzt kannst du schon mal das, jetzt kannst du schon mal das und vor allem nicht mehr diese Krankenhausfolter. Das war schon schön und hab dann überlegt, was kann ich damit jetzt machen, was mir da passiert ist? Welchen Sinn könnte das haben, was einem gerade passiert oder noch wichtiger, welchen Sinn kann man dem geben?"

Gar keinen, hätte Klaus-Dieter kurz nach seinem Sportunfall vermutlich geantwortet.

Denn bei ihm ist nichts wieder zusammengewachsen oder abgeheilt. Nichts wurde wie vorher. Klaus-Dieter ist querschnittsgelähmt und kann sich seit vielen Jahren nur im Rollstuhl fortbewegen.

"Am Anfang habe ich tatsächlich geglaubt, ich würde es annehmen, dieses Schicksal. Also, mein Leben hatte sich im Prinzip komplett geändert. Ich merkte aber schon, dass meine Familie, dass die so ein bisschen gestresst waren in der Situation. Um die hat sich keiner gekümmert, ich wurde ja wenigstens medizinisch betreut."

Auf Dauer hielt seine Familie der Belastung nicht stand. Ein geplantes Hausbauprojekt scheiterte.

"In dieser Phase war ich soweit, da hatte ich mir schon einen Brückenpfeiler ausgesucht, wo ich dann dagegen knalle. Wenn man da wüsste, dass es funktioniert, hätte ich mich wahrscheinlich umgebracht, aber da ja da auch immer noch so ein Restrisiko ist, habe ich es für den Augenblick verschoben."

Unfall am letzten Urlaubstag 

Was war passiert? Als leidenschaftlicher Radler fährt Klaus-Dieter auch im Urlaub in den Schweizer Alpen jeden Tag durch die Berge über Stock und Stein. Da ist der Versicherungsmakler gerade 40 Jahre alt geworden. Am letzten Urlaubsabend dreht er noch eine kleine Dorfrunde, weil es den ganzen Tag geregnet hatte.

"Ich bin mit dem Fahrrad, also auf bekannter Strecke eigentlich, in den Graben gedonnert und der fünfte Brustwirbel war komplett zerballert. Dann ist das einfach nur querschnittsgelähmt."

Fast fünf Jahre hatte es gedauert bis er auf die Frage von Hagen, welchen Sinn man dem Ganzen denn geben könnte, eine Antwort fand. Wesentlich geholfen hatte ihm dabei eine lange Psychotherapie.

"Seit dem habe ich nicht nur verstanden, dass man mit so einem Schicksal leben kann, sondern ich habe es auch extrem für mich verwirklicht und bin inzwischen lange soweit, andere Menschen auch mitzunehmen, dass sie also aus ihrem Grübeln herauskommen, dass dieses Schicksal jetzt nicht bedeutet, dass es das Ende der Welt ist, sondern dass man einfach weitergehen kann, neue Wege geht. Und das ich das so verstanden habe, hat mit viel Kraft gegeben. Und heute denke ich manchmal, mein Leben damals war sehr einfach gestrickt. Ich hatte vorher tatsächlich eine Einschränkung auf meine Familie, vielleicht zwei Freunde, mit denen man sich ab und zu mal getroffen hat. Heute ist mein Leben richtig viel, viel mehr wert. Ist tatsächlich so, verrückt ja. Mein Leben ist dadurch reicher geworden.

Heute bin ich ganz engagiert im Rollstuhlbasketball. Ich habe das kennen gelernt noch in der Phase, wo es mir gar nicht so gut ging. Das hat mich einfach fasziniert. War schon relativ alt, als ich verunglückt bin. Der Trainer, der mich damals begrüßt hatte, der hat mich dann auch gleich irgendwo in die Ecke geschickt, wo die Alten saßen, und die sollten mir dann zeigen wie es geht. Insofern war ich für die Mannschaften, die aktiv spielten schon ein bisschen der Ältere. Und dann habe ich einen Trainerschein gemacht und war dann eben immer als Coach unterwegs. Dadurch bin ich nicht nur weit rumgekommen, sondern bin permanent auch aktiv im Rollstuhlbasketballverband. Als Spielleiter für die Region Ost bin ich eben auch da mit verantwortlich, versuche, junge Sportler auch als Schiedsrichter auszubilden. Da habe ich inzwischen auch einen Schein gemacht."

Und Klaus-Dieter ist Mitglied des Vorstandes von Pfeffersport e. V., einem der größten Berliner Inklusionsvereine. Hier trainieren die Rollstuhlbasketballer auch für den Ligabetrieb, einige spielen sogar in der Nationalmannschaft mit.

"Rollstuhlbasketball ist für Paraplegiker, also, die die Einschränkung nur in den unteren Extremitäten haben, so ziemlich der einzige Mannschaftssport, den es gibt. Und beim Rollstuhlbasketball ist es sehr inklusiv, wie man heute auch sagt. Wir haben Sprunggelenkverletzungen, Leute die Einschränkungen in den Kniegelenken haben und deshalb nicht mehr ihren Sport ausüben können und natürlich auch Gesunde. Man ist also nicht nur unter Behinderten, sondern sind auch Nichtbehinderte dabei, die dort spielen, wenn man Interesse an diesem Mannschaftsport hat."

"Durchatmen und locker lassen. Und einmal ablegen, Rückenlage, macht euch lang!"

Körper sind belastbarer, als man denkt 

Beim Badminton kann es knallen wie ein Peitschenhieb, wenn die Achillessehne reißt. Fällt man vom Pferd, kann so ziemlich alles in die Brüche gehen. Der Jogger verstaucht sich das Fußgelenk. Kaum ein Hobbyfußballer, der nicht schon mit einer Muskelzerrung zu tun hatte, wenn nicht mit Schlimmerem wie Bänderriss oder Schienbeinbruch. Sind wir ganz einfach nicht gebaut für den Sport? Frage an den Physiotherapeuten:

"Grundsätzlich glaube ich, dass unser Körper belastbarer ist, als wir uns das vorstellen. Primär der Hauptgrund für Verletzungen bei Freizeitsportarten, ein ganz großer Teil ist, dass wir uns alle viel zu wenig belasten. Unser Alltag sieht in der Regel unbelastet aus oder zu selten belastet aus und deswegen glaube ich, dass in bestimmten Situationen, neben der Selbstüberschätzung, neben all dem, was noch so dazugehört, dass wir uns immer wieder in ganz kurzen Phasen mit großen Belastungen oder einer großen Belastung aussetzen, die die Gewebe nicht aushalten können, dass das dann zu Verletzungen führt. Die Wahrscheinlichkeit ist viel, viel größer, wenn er zwei Mal im Monat intensiv Badminton spielt, als wenn er es regelmäßiger machen würde. Bei bestimmten Verletzungen kann man auch noch so trainiert sein, die passieren, sonst würde man ja auch sagen, dass jeder Hochleistungssportler sich nie verletzt. Sport an sich birgt schon ein gewisses Risiko, aber ich glaube, dass gerade im Freizeitbereich man sich erstens mehr Zeit lassen muss, um belastbar zu werden und halt kontinuierlich seine, die Stabilität des Körpers aufbauen kann."

"Genau! Legt euch lang ab und mit der Ausatmung rollt ihr euch genüsslich auf. Ich danke euch fürs Mitmachen, ihr habt's geschafft!"

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