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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2010

Unbeschwertes Vermächtnis eines großen Erzählers

José Saramago: "Die Reise des Elefanten", Hoffmann und Campe, Hamburg 2010, 240 Seiten

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Der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago (AP)
Der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago (AP)

Der letzte Roman des Nobelpreisträgers: 1551 beschließt der König von Portugal, dem Erzherzog von Österreich zur Hochzeit einen Elefanten zu schenken - und schickt den Dickhäuter mit einem ganzen Tross auf die Reise von Lissabon nach Wien.

Im Jahr 1998 hat er den Nobelpreis bekommen, ein Literaturpreis in seinem Heimatland ist nach ihm benannt. Am 18. Juni dieses Jahres ist der große portugiesische Parabelerzähler José Saramago 87-jährig nach langer Krankheit gestorben. Im gleichen Monat erschien der Roman "Die Reise des Elefanten" auf deutsch.

Wer nun, durch die Gewichtigkeit des Titels zusätzlich stimuliert, das große Vermächtnis eines der großen Erzähler unserer Zeit erwartet, wird überrascht. Erstaunlich unbeschwert, leicht beinahe bei aller Melancholie, ironisch, wie hingetupft geht dem versierten Geschichtenerzähler die unerhörte Begebenheit von der Hand, die ihn zu seinem Roman inspiriert hat: Im Jahr 1551 beschließt der König von Portugal, dem Erzherzog Maximilian von Österreich zur Hochzeit einen Elefanten zu schenken - einen lebenden indischen Elefanten mitsamt seinem Mahut, dem Elefantenführer Subhro.

Der König, mit ihm der Autor, schickt also den Dickkhäuter namens Salomon und einen ganzen Tross von Karren, Wagen, Bottichen, Ochsentreibern, Begleitern und Soldaten auf die Reise von Lissabon nach Wien.

In verblüffender Geradlinigkeit folgt Saramago seinem Elefanten durch diesen wenig Überraschung versprechenden Plot. Man ahnt, dass es um etwas anderes geht. Der Text ist mit Anachronismen gespickt und legt auch sonst genüsslich das Prinzip historischer Romane bloß, Zeitgenössisches ins Bühnenbild vergangener Jahrhunderte zu verlegen. Unentwegt zieht der Autor den Schleier von der schillernden Oberfläche seiner eigenen Fiktion, stellt in Frage, vergleicht, spekuliert, nimmt zurück.

Was Saramago interessiert, ist offenbar die Figur des Elefanten, gespiegelt in seinem Führer und Pfleger und in ihm selbst, dem Autor. So wird "Die Reise des Elefanten" doch noch zum Vermächtnis, wenn auch verspielter, weniger ernst, oberflächlicher als man vielleicht erwartet hätte. Der Stoff hat den greisen Erzähler nicht mehr zum Epos angestachelt. Kein großer Saramago also, aber doch ein echter durch und durch. Immer wieder hat José Saramago in seinen Romanen Parabeln im historischen Gewand erzählt. Dabei ist er stets unerbittlich Moralist geblieben, Kommunist und Antikleriker.

All das findet sich auch hier, von Ironie durchtränkt, so dass man den Ernst bisweilen aus dem Blick verliert, ohne dass man wirklich an Altersmilde glauben mag. Der Roman wird zum Dialog des Autors mit seinen Lesern, von denen nicht wenige ihm jüngst in einem Blog publizierte radikale Äußerungen zur israelischen Besatzungspolitik sehr übel genommen haben. Da liest man mitten im Roman Sätze wie: "Wir wissen ja bereits, wie das mit dem Schreiben ist, nicht selten zieht das eine Wort das nächste nach sich, nur, weil sie zusammen gut klingen, weshalb oftmals der Respekt der Leichtfertigkeit und die Moral der Ästhetik zum Opfer fällt."

Dazwischen funkelt sie immer wieder auf, die große Kennerschaft des Menschen und der Sprache, zusammen Saramagos Kennerschaft der Welt. "Ich spiele nicht mit den Wörtern", sagt der Mahut, "sie spielen mit mir."

Besprochen von Hans von Trotha

José Saramago: Die Reise des Elefanten
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2010
240 Seiten, 19,95 Euro

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