Unbequeme Kunst

"Triptych 1976" von Francis Bacon © AP/Sotheby's
Von Anette Schneider · 28.10.2009
Nach seinem Tod 1992 wurde der Maler Francis Bacon zur Legende. Im Mittelpunkt steht dabei stets sein Leben als exzentrischer Schwuler. Seine Bilder rücken unverdient an den Rand.
Im August 2009 erklärte der Kunstkritiker Jerry Saltz, Bacons frühe Figuren glichen "Monstergestalten und Fantasiekreaturen in Höllengefängnissen”. Anlässlich der großen Münchner Retrospektive von 1996 schrieb der "Spiegel”, "Bacons Bilder (spiegelten) des Künstlers eigene Existenz in einer Halbwelt der Trinker, Spieler und männlichen Prosituierten”, und die "FAZ" schwärmte von den "Designerqualitäten” seiner Bildgründe.

Bacons Bilder scheinen damit beliebig interpretierbar - vorausgesetzt, man ignoriert die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie entstanden. Für Ulrich Krempel, Leiter des Sprengelmuseums Hannover, hat diese Form der Vereinnahmung unbequemer Kunst Methode:

"Der Versuch, ihn heute zu enthistorisieren oder zu entpersönlichen oder ihn zu entpolitisieren - denn er ist ja ein eminent politischer Mensch - das sind alles Versuche, ihn in unsere Zeit hineinzukriegen und ihn mehr im Museum zu verorten als da, wo er eigentlich herkommt."

Francis Bacon wurde 1909 in Dublin geboren, 1992 starb er in Madrid.
Die Weltkriege erlebt er in London. Er weiß um Konzentrationslager und zig Millionen Tote - um das, was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Bacon versucht, das Entsetzen über seine Zeit er in Bilder zu fassen: Bereits 1944 entsteht ein Triptychon, auf dem blinde, gehäutete Wesen orientierungslos über die Leinwand kriechen.
Kurz vor seinem Tod erklärte Bacon in einem BBC-Interview, diese Epoche sei eine Zeit des Chaos gewesen, die seine Wahrnehmung der Dinge geprägt hätte.

Bacon, BBC: "I live through the First World War. And than with all the things that had happened between the First World War and the Second World War. I mean, ones lives through a time of Chaos in a sense. And I think that does effect ones way of feeling about things."

Francis Bacon ist Autodidakt. Gegen alle abstrakten Kunstmoden beharrt er auf der Darstellung des Menschen. Kunst, erklärt er, heiße "Festhalten”, sie sei "Berichterstattung”.

Und Bacon erstattet Bericht. In den 60er-Jahren entstehen beispielsweise zwei große Triptychen. 20 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, und während die USA ihre Kriege gegen Laos und Vietnam führen, zeigt Bacon auf blutrotem Grund ein schreckliches Pandemonium: schemenhafte Männerfiguren. Geschlachtete Tierhälften. Einen gefolterten menschlichen Körper mit zerschlagenem Gesicht. Voyeure des Grauens.

Jede der Tafeln misst fast zwei mal eineinhalb Meter. Bis heute sind viele Betrachter von der vermeintlichen Brutalität dieser Arbeiten schockiert.

Bacon hielt seinen Kritikern stets entgegen, er zeige das Leben nicht außergewöhnlicher als es ist. Man müsse es sich nur ansehen: Ob er denn mit seiner Malerei übertreibe, was auf der Welt geschieht? Er hätte nie versucht, das Leben gewalttätiger darzustellen, als es ist. Das könne man gar nicht.

Bacon: "I don’t make life more extraordinary than it is. Just look what life is like. Would you say that my things have exaggerated what happens all over the world? I certainly never been ore try to make it more violent than it is. One couldn’t."

Bacon zeigt die Gewalt des Lebens. Nicht eines zeitlos-all- gemeinen Lebens, wie Museumsleute oft behaupten. Schließlich lebt und arbeitet er in konkreten - nämlich kapitalistischen - Verhältnissen, die ihn ebenso prägen wie uns. Was er in vielen Portraits von Freunden und Geliebten, die zwischen den frühen 60er-Jahren und den 80ern entstehen, festhält: Oft sind Körper und Gesichter deformiert, die Menschen zurückgeworfen auf sich selbst. Mit heftigem Pinselstrich hebt er ihr Innerstes nach außen, erzählen Haltungen und Blicke von Einsamkeit, Angst und Aggressionen. Spiegeln ihre Verzerrungen auch Entfremdung, die Folgen der uns alle deformierenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Bacons Porträts sind exemplarische Menschendarstellungen unserer Zeit, schmerzhafte Spiegelbilder unserer selbst, die nicht jeder erträgt. Denn, so Ulrich Krempel, einer der wenigen bundesdeutschen Museumsleiter, der regelmäßig kritisch-realistische Kunst ausstellt:

"Gerade Bacon ist natürlich für viele Leute ein totaler Anstoß, weil er die, die auf Harmonie setzen und auf Schönheit, auf Ästhetik in dem Sinne von Harmlosigkeit oder so etwas, für die ist er kein bequemer Zeitzeuge."

Die Folge: Viele sprechen Bacons Bildern einen konkreten Wirklichkeitsbezug ab. So heißt es im Katalog zur Düsseldorfer Bacon-Ausstellung von 2006, seine deformierten Figuren zeigten "das Gewaltpotenzial, das dem Leben ganz allgemein zugrunde liegt, gleichsam mit ihm identisch ist” - so, als sei Gewalt ein Naturphänomen. Oder sie gelten als "verrückte Monstergestalten”, wie bei Jerry Saltz. Solcherart entpolitisiert und verharmlost lässt sich Bacon dann prima als "Klassiker” vereinnahmen. Doch, so betont Ulrich Krempel:

"Wenn man sich traut, dieses Gefühl des Schreckens, das einem ja immer noch überkommen kann vor den Darstellungen von Bacon, wenn man sich traut, sie zuzulassen - aber ich meine, wenn einem 125 Tote Afghanen beim Abendessen auf den Tisch fallen, wenn man das Radio anhat, dann ist man, glaub’ ich, in solchen Dingen doch geübt - dann könnte man sich ja solchen Bildern auch annähern, ohne von Monstrositäten zu sprechen. Sondern die Monstrositäten existieren in der Wirklichkeit. Die Welt ist so. Und nicht die Künstler."
Der britische Maler Francis Bacon in der Tate Gallery in London.
Francis Bacon© AP Archiv
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