Unbegrenzte Möglichkeiten des Internets

"Die Leute haben auf jeden Fall ein großes Interesse daran, interaktiv zu wirken", sagte Michael Meisheit (hier ein iPad 3). © picture alliance / dpa / Frank Leonhardt
Von Ute Krupp · 28.11.2012
Den Autor Michael Meisheit interessieren im Internet vor allem Blogs - allerdings nicht die üblichen online verfassten Tagebücher. Denn im Netz ist mehr möglich, behauptet er und denkt schon seit einiger Zeit darüber nach, wie man im World Wide Web neue Erzählweisen etablieren könnte.
Hauptberuflich ist Michael Meisheit Drehbuchautor. Und seit einiger Zeit Blogger. Nebenbei arbeitet er an Erzählungen, die Tag für Tag im Internet entstehen. Michael Meisheit ist groß, trägt eine Brille. Er sitzt in Jeans, Pulli und ohne Schuhe hinter seinem langen Schreibtisch. Am Boden liegen Spielsachen.

Seit Michael Meisheit Vater zweier Kinder ist, hat sich sein Leben verändert. Die eigene Kindheit verbrachte der 1972 in Köln geborene Autor in Leverkusen. Aufgewachsen ist er vorwiegend bei seiner Mutter, die nach einem Autounfall erblindete.

Meisheit: "Das war anders, das hat mich auch sicherlich geprägt, ich glaube, ich war als Kind schon sehr viel aufmerksamer als andere Kinder, weil bestimmte Sachen auch mal schief laufen oder meine Mutter nichts mitbekommt, und ich da viel aufmerksamer sein muss, auch schon als kleiner Junge."

Kurzgeschichten schreibt er bereits in seiner Kindheit. Auch für Filme begeistert er sich früh:

"Es gibt diese Anekdote von meiner Schwester, die mich mal mitgenommen hat, als ich vier oder fünf war, zum ersten Mal in ein Kino, und ich hab da wohl den ganzen Film ‚Bernhard und Bianca’ durchgehend mit offenem Mund und offenen Augen gesessen, als der Film fertig war, habe ich geschrien und wollte diesen Sitz auf keinen Fall verlassen, ich wollte weitergucken. Man musste mich rauszerren aus dem Kino."

Film wird seine Leidenschaft. Nach dem Abitur bewirbt er sich an mehreren Filmhochschulen. Erfolglos. Erst einmal studiert er Sonderpädagogik und anschließend Drehbuch an der Filmakademie Ludwigsburg. Aber wie wird man professioneller Drehbuchautor?

Michael Meisheit: "In dem man eine Veranstaltung, an der man eigentlich teilnehmen sollte an der Akademie, schwänzt, lieber zu der geht, wo Hans W. Geißendörfer ein bisschen über die ‚Lindenstraße’ erzählt, der war für einen Tag in der Filmakademie."

Michael Meisheit schreibt in Absprache mit Geißendörfer ein Drehbuch und wird anschließend, 1997, ins Autorenteam der Serie "Lindenstraße” aufgenommen. Er verfasst außerdem Drehbücher für TV-Spielfilme.

Meisheit: "Da kam mir halt einfach die Idee, ich mach jetzt mal eine fiktive Erzählung mit einer typischen Internetform, nämlich dem Blog, in dem ich halt auch nicht nur das übliche Verlinken hereinnehme, sondern auch interaktiv mit den Lesern agiere."

"Vanessa X” heißt sein erstes Projekt. Die Story: Vanessa lebt in Kreuzberg. Sie ist schwanger und verliebt sich in den Außerirdischen Malo. Ihr Mann Konstantin darf auf keinen Fall etwas von den heimlichen Treffen mit dem Geliebten erfahren. Bestimmte Wörter der Geschichte wie Schwangerschaft oder Frühgeburt verlinkt der Autor.

Außerdem können Leser sich mit Kommentaren zur Geschichte zu Wort melden. Vanessa X ist ein Mix aus dem Tagebuch von Vanessa, Fotos, Verlinkungen und Leserkommentaren. Der erste fiktive Blog in Deutschland, meint der Autor.

Meisheit: "Es hat mir Spaß gemacht zu sehen, wie die Leute reagieren. Ich fand’s sehr schön, dass vom ersten Kommentar die Leute nicht geschrieben haben, ja Herr Meisheit, das war ja ein interessanter Text heute, sondern: Oh Vanessa, ob du da nicht einen Fehler machst. Also sie sind sofort, wissend dass diese Person fiktiv ist, in den Dialog gegangen. Vanessa hatte plötzlich viele Freunde."

Inzwischen arbeitet er an einem zweiten Blog. Titel: "Soap”.

Meisheit: "Die Geschichte ist halt die Geschichte eines jungen Drehbuchautors, der an der Filmhochschule ist und dort von einem Produzenten abgeworben wird für eine Fernsehserie. Von daher ist es derselbe Anfang wie bei mir, es geht dann aber anders weiter."

Viele Erfahrungen von Michael Meisheit fließen in den neuen Text mit ein. Wie er ist auch Lukas, die Hauptfigur seines Blogromans, leidenschaftlicher Sammler von Filmen. Ausschnitte bekannter Spielfilme sind im neuen Blog enthalten, können abgespielt werden.

Außerdem gab es die Möglichkeit, sich als Testleser zu bewerben. Unter den 41 Bewerbern wählte der Autor 13 aus. Sie bekommen den kompletten Roman zugemailt, um ihn zu lektorieren.

Michael Meisheit: "Ich habe gelernt, dass die Leute sich sehr dafür interessieren. Dass die Leute offen sind, wenn es auch nur kleine Sachen sind, auf die sie Einfluss nehmen können, da mitzumachen. Die Leute haben auf jeden Fall ein großes Interesse daran, interaktiv zu wirken, und das ist ja das Besondere, was das Internet bietet."

Ziel von Michael Meisheit ist es, neue erzählerische Möglichkeiten im Internet auszuloten. Mit seinen beiden Blogs "Vanessa X" und "Soap" sind ihm erste Schritte geglückt.

Er ließ sich von den Reaktionen, Kommentaren, Lektoraten seiner anonymen Leser im Netz beim Weiterschreiben der Texte inspirieren. Aus dieser interaktiven Arbeitsweise entstand eine neue Erzählform.

Michael Meisheit steht in der hellen Küche seiner Wohnung, einem Neubau, aufgesetzt auf ein Kreuzberger Gründerzeithaus. Für den Rest des Tages wird er sich ganz seiner Familie widmen.