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Zeitfragen | Beitrag vom 24.03.2021

UnabhängigkeitskriegGriechenland feiert 200. Jahrestag der Revolution

Von Gunnar Lammert-Türk

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Gemälde von Theodoros Vryzakis: “Bischof Germanos von Patras weiht die Fahne des griechischen Freiheitskampfes”. (picture alliance / akg-images)
Bischof Germanos von Patras weiht die Fahne des griechischen Freiheitskampfes. Das von Theodoros Vryzakis 1865 gemalte Bild hängt in der Nationalpinakothek in Athen. (picture alliance / akg-images)

1821 erhoben sich die Griechen gegen die osmanische Fremdherrschaft, mit Erfolg. Doch damit begannen die Schwierigkeiten, einen eigenen Staat aufzubauen. Ein Ringen um innere Stabilität und außenpolitisches Überleben, das das Land bis heute prägt.

Mit hohem Pathos und kämpferischer Attitüde wird hier die Freiheit besungen: "Ja, ich kenn’ dich an der Klinge deines Schwerts, so scharf und blank, wie auf diesem Erdenringe schreitet dein gewalt’ger Gang." Die Zeilen entstammen der "Hymne an die Freiheit" des griechischen Dichters Dionysios Solomos. Er schrieb sie 1823, mitten im griechischen Unabhängigkeitskrieg, der zwei Jahre zuvor begonnen hatte.

"Die du aus der Griechen Knochen wutentbrannt entsprossen bist, die das Sklavenjoch zerbrochen, holde Freiheit, sei gegrüßt!" Aus den Knochen der Hellenen – heißt es im griechischen Original – entspringt die Freiheit. Das weit zurückliegende antike Hellas wird beschworen.

In den Freiheitskämpfern erstehen seine Helden wieder auf. Sie zerbrechen das Joch der osmanischen Herrschaft. 1832 kam es zur Gründung des souveränen griechischen Staates. Die "Hymne an die Freiheit" des Dichters Dionysios Solomos wurde vertont und ist heute die griechische Nationalhymne.

Macht des Osmanischen Reiches schwindet

1821 war Griechenland Teil des Osmanischen Reichs. Das hatte seinen Zenit überschritten, während die europäischen Mächte erstarkten. "Die militärische osmanische Überlegenheit war lange vorbei", sagt der Historiker Ioannis Zelepos.

Im Vordergrund sind Menschen zu sehen, im Hintergrund der Blick über das Wasser auf Konstantinopel. (Schwarzweiß Gravur)  (Imago / William Miller)Fast vier Jahrhunderte lang herrschen die Osmanen über Griechenland. Hier: Blick auf Konstantinopel. (Imago / William Miller)

Das heißt, man war auch nicht mehr so gut in der Lage, sich gegenüber Angriffen von den europäischen Großmächten zur Wehr zu setzen. Das betraf insbesondere Russland. Russland führte verschiedene Kriege gegen die Osmanen, die dann eben doch die Grenzen des osmanischen Militärapparats offenkundig werden ließen. Und das bekamen natürlich auch die christlichen Untertanen, namentlich die orthodoxen Untertanen, in Südosteuropa sehr genau mit. Und dann nicht zu vergessen natürlich auch die Rückwirkung der Französischen Revolution, die auch in Südosteuropa sehr bald spürbar wurden, so in den 1790er-Jahren. Und da entstehen damals auch so die ersten wirklich revolutionären Konzepte."

Französische Revolution inspiriert Griechen

Die Idee der Nation, wie sie die Französische Revolution umgesetzt hatte, inspirierte auch die griechische Volksgruppe im osmanischen Reich. Griechische Intellektuelle in Konstantinopel und in anderen Großstädten des Reichs verbreiteten das Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution.

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In Wien lebte der griechische Schriftsteller Rigas Velestinlis, der das erste griechische Revolutionsmanifest verfasste – einen Aufruf zum Aufstand für eine "Hellenische Republik", eine Föderation der Länder Südosteuropas unter griechischer Führung.

Unaufhörlich agitierte Velestinlis für den Befreiungskampf, bis ihn die Habsburger Behörden den Osmanen auslieferten. Am 24. Juni 1798 wurde er in Belgrad hingerichtet und so zum ersten Märtyrer der griechischen Freiheitsbestrebungen. Um Mitstreiter zu gewinnen, hatte er das Kampflied Thourios verfasst, das bis heute in Griechenland gesungen wird.

"Wie lange noch, tapfere Männer, sollen wir unter Zwang leben, einsam wie Löwen auf Gebirgskämmen? Besser eine Stunde in Freiheit gelebt als 40 Jahre in Knechtschaft und Gefängnis! Wie lange noch sollen wir in Höhlen hausen und Bäume ringsum schauen, uns von der Welt zurückziehen in die bittere Knechtschaft? Besser eine Stunde in Freiheit gelebt als 40 Jahre in Knechtschaft und Gefängnis!"

Nicht alle Griechen unterstützen den Aufstand

Im Frühjahr 1821 schien die Zeit reif: Der Befreiungskampf der Griechen im Osmanischen Reich begann. Nach einem missglückten Auftakt in Rumänien kam es im März zeitlich abgestimmt auf der Halbinsel Peloponnes und in Mittelgriechenland zu Erhebungen, bald auch auf den ägäischen Inseln. Dann jedoch bekämpften sich die Akteure des Aufstands gegenseitig und der osmanische Staat schlug erfolgreich zurück.

Nicht alle Griechen unterstützten den Aufstand. Einige übten deutliche Zurückhaltung. Der griechisch-orthodoxe Theologe und Religionswissenschaftler Vasilios Makrides weist auf die Schwierigkeiten hin:

"Das Patriarchat von Konstantinopel – aufgrund der Loyalität gegenüber der Osmanischen Pforte und auch aufgrund der Verbindungen mit der zentralen osmanischen Administration – musste eine vorsichtige Haltung einnehmen gegenüber diesen revolutionären Plänen. Und natürlich war er auch gegen die Ideen der Französischen Revolution. Das Patriarchat befürchtete die damit verbundenen, insbesondere religionskritischen, antiklerikalistischen und auch säkularen Tendenzen."

Es gab noch andere Gründe für die Reserviertheit der kirchlichen Hierarchie gegenüber dem Aufstand. Die christlichen Volksgruppen waren im osmanischen Reich als Religionsgemeinschaft, als sogenanntes Millet, organisiert. Ihr stand der Patriarch von Konstantinopel nicht nur als religiöses, sondern auch als weltliches Oberhaupt vor.

Er war für die Aufrechterhaltung der Ordnung im Millet und eine Reihe von Verwaltungsaufgaben zuständig: für die Zivilgerichtsbarkeit, das Schulwesen, auch für die Erfassung der Einwohner zur Erhebung der Kopfsteuer. Er war somit ein hoher Funktions- und Würdenträger des Osmanischen Reiches. Außerdem gab es eine griechische Händler- und Finanzelite, die Dolmetscher und so etwas wie den Außenminister des Osmanischen Reichs stellte.

Diese Privilegierten sahen eher skeptisch auf den Aufstand ihrer Volksgenossen. Und die europäischen Großmächte Russland, Frankreich und Großbritannien blieben reserviert.

Verehrer des antiken Griechenlands in ganz Europa

Unterstützung kam dafür von den sogenannten Philhellenen, den Verehrern des antiken Griechenland: seiner Kunst, Literatur und Philosophie. Es gab sie in ganz Europa, besonders zahlreich und engagiert vor allem in den Ländern des deutschen Bundes. Dichter und Gelehrte verfassten Lieder, Gedichte, Opern und Romane und Aufrufe, um für die Unterstützung der Griechen zu werben.

"Da ist die entscheidende Schrift von Wilhelm Traugott Krug: ‚Griechenlands Wiedergeburt’ zu Ostern 1821, auch im Titel vermerkt. Das heißt, das ist eine Resurrektionserzählung. Das heißt, das antike Griechenland steht jetzt wieder auf über die Aufstände, die sich als christliche Aufstände lesen lassen", erklärt die Literaturwissenschaftlerin Andrea Polaschegg.

Der Philosoph Wilhelm Traugott Krug hatte mit seiner Interpretation des griechischen Aufstands als christlicher Erhebung einen wesentlichen Aspekt berührt. Die Griechen nannten sich im Osmanischen Reich damals selbst "Christen" oder "Oströmische Christen" – ein Hinweis auf ihre Zugehörigkeit zur orthodoxen Kirche. Und das Banner des Aufstands war eine Kreuzesfahne, die Erzbischof Germanos als Startsignal des Befreiungskampfes im Lavra-Kloster bei Patras segnete.

Für den Philosophen Krug war der Aufstand der Griechen auch der Kampf eines christlichen Volkes gegen seine muslimischen Bedränger. Um sie zu unterstützen, entstanden zahlreiche Vereine. Sie sammelten Geld, beschafften Waffen, rekrutierten deutsche Hilfstruppen.

Der in München lehrende Philologe Friedrich Wilhelm Thiersch forderte sogar die Bildung einer deutschen Legion, die an der Seite der Griechen in den Kampf eintreten sollte. Auch der Theologe Heinrich Gottlieb Tzschirner setzte sich für die aufständischen Griechen ein.

Ein Symbol der Demokratiebewegung

Diesem Engagement war seit dem 18. Jahrhundert eine intensive Verbreitung altgriechischer Kultur vorausgegangen: antike Bildhauerkunst wurde durch Gipsabdrücke bekannt, altgriechische Dramen, griechische Mythologie und Homers Ilias und Odyssee durch gut lesbare, allgemein verständliche Übersetzungen.

Zur Verehrung der Antike und der zeitgenössischen Griechen als ihren Erben und zur Solidarität mit einem bedrängten christlichen Volk kam noch ein Element, das nicht unbedingt damit in Verbindung stand: die liberale Demokratiebewegung. Sie führte beide Motive zusammen und verlieh dem Einsatz für die Griechen beachtlichen Schwung. Andrea Polaschegg:

"Sie wird besonders dadurch dominant, dass sie relativ schnell innerhalb Deutschlands verboten wird. Das heißt, die Politik der hiesigen Staatsführer, und das ist nicht nur Metternich für Habsburg, sondern das sind die Könige und Fürsten der deutschen Staaten auch, was die sofort wittern, ist, dass es hochgradig gefährlich ist, wenn jetzt für die Griechen Partei genommen wird als eine gewaltsame Erhebung gegen eine souveräne Staatsmacht, in dem Fall des Osmanischen Reichs, weil die Angst regiert hat, dass das schlichtweg Schule macht, und zwar nicht im Orient Schule macht, sondern zu Hause."

Für die liberalen Demokraten waren die Griechen und ihr Aufstand eine Allegorie für den eigenen Widerstand gegen die nachrevolutionäre Ordnung des Wiener Kongresses von 1815 mit ihrer Beschneidung bürgerlicher Freiheiten und verbreiteter Bespitzelung auf dem europäischen Kontinent.

Mediale Inszenierung des griechischen Freiheitskampfes

Inbegriff der demokratiefeindlichen Fürstenherrschaft war Fürst Metternich, der starke Mann des Habsburger Reiches. Auf ihn waren die Verse des Dichters Wilhelm Müller gemünzt, der 1821, im ersten Aufstandsjahr das Gedicht "Die Griechen an den Österreichischen Beobachter" verfasste:

"Du nanntest uns Empörer. So nenn uns immerfort! Empor! Empor!, so heißt es, der Griechen Losungswort. Empor aus Sklavenketten, aus dumpfem Kerkerduft. Empor mit vollen Schwingen in freie Lebensluft!"

Portrait von Fürst von Metternich (Gravur) (Imago / United Archives International )Galt als Inbegriff der demokratiefeindlichen Fürstenherrschaft: Metternich (1773-1859). (Imago / United Archives International )
1822 empörte das Massaker eines osmanischen Admirals an der griechischen Bevölkerung der Ägäisinsel Chios die europäische Öffentlichkeit. Noch stärker war der Aufschrei beim Fall der peloponnesischen Küstenstadt Messolonghi im April 1826. Die türkischen Belagerer hatten die Stadt ausgehungert. Als sie ein Massaker unter den Griechen anrichteten, sprengten die sich mit ihren Munitionsvorräten in die Luft.

Die griechischen Erfolge, mehr noch ihre Tragödien wurden öffentlichkeitswirksam verbreitet: in Liedern, Opern, Romanen und Theaterstücken. Es gab sogar Backwerk in griechischen Farben mit Freiheitsparolen auf Griechisch, Seifenstücke mit eingeprägten Szenen aus dem Freiheitskrieg. Militärische Ereignisse wurden als Feuerwerke nachgespielt.

Diese mediale Inszenierung erregte die öffentliche Meinung. Die nahm zum ersten Mal in der neueren europäischen Geschichte Einfluss auf die Politik. Schon nach dem Massaker von Chios war die Zurückhaltung der europäischen Großmächte brüchig geworden. Mit dem Untergang Messolonghis entschieden sich Frankreich, Russland und Großbritannien zur Intervention. Zunächst zugunsten eines unter osmanischer Oberherrschaft stehenden autonomen griechischen Staates, dann zugunsten der Errichtung eines souveränen griechischen Staates als Erbmonarchie.

Sein Oberhaupt sollte aus einem europäischen Fürstenhaus kommen, das mit den Großmächten kaum verbunden war und vor allem keine hegemonialen Ambitionen in Südosteuropa hatte. Frankreich, Russland und Großbritannien entschieden sich für den Sohn des Bayernkönigs Ludwigs I., eines prominenten Philhellenen: Otto. Ab 1832 war Otto das Oberhaupt der Griechen – 30 Jahre lang, bis ihn ein Aufstand zur Abdankung und zum Verlassen des Landes zwang.

Ein von Anfang an hoch verschuldeter Staat

Mit Opfermut und hohem Einsatz hatten die Griechen gekämpft. Aber ohne die Intervention der europäischen Großmächte hätten sie nicht siegen können. Die bestimmten die Art ihres Staates, an deren Spitze kein Grieche stand. Sie waren Griechenlands Garantiemächte bis zum Ersten Weltkrieg.

Der neue Staat war von Anfang an hoch verschuldet. Er musste die Spannungen zwischen den verschiedenen griechischen Gruppen, die sich schon während des Freiheitskampfes gewaltsam entladen hatten, meistern und für moderne und effiziente Strukturen sorgen. Die gut ausgebildeten Spezialisten aus Bayern lösten ihre Aufgabe gut, meint der Historiker Ioannis Zelepos.

"Die haben wirklich wesentliche Grundlagen des griechischen Staatswesens gelegt, von denen einiges bis heute Bestand hat. Das betrifft die Verwaltungsstruktur zum Beispiel. Das betrifft das Rechtswesen. Da gab es also Gewohnheitsrecht. Da gab es noch byzantinisches Recht. Das Ganze überhaupt mal zu ordnen. Denn das Gewohnheitsrecht, das war ja in jeder Region auch wieder anders. Also insofern ganz wichtige Verdienste, was die Institutionenbildung einfach betrifft. Nicht zuletzt übrigens Einführung der Landeswährung. Das gehörte zu den ganz frühen Amtshandlungen dieser Regentschaft, dass sie eine nationale Landeswährung einführt. Die gab es davor nicht: die Drachme nämlich."

Die Herrschaft des bayrischen Monarchen per Dekret sorgte allerdings bald für Unmut. 1843 kam es zu einer Revolte, die im Jahr darauf den König zwang, eine Verfassung einzuführen. Griechenland wurde eine konstitutionelle Monarchie mit parlamentarischem System. In der verfassungsgebenden Nationalversammlung ging es aber nicht nur um die innere Verfasstheit des jungen Staates, sondern auch um dessen Größe. Der Politiker Ioannis Kolettis machte dies deutlich:

"Wir schworen auf die Freiheit aller Christen unseres Bekenntnisses und aller Griechen, aber verschiedene Umstände haben uns auf ein kleines Gebiet beschränkt. Die Protokolle der drei Mächte gaben zwar uns die Unabhängigkeit, nicht aber unseren Brüdern, die außerhalb Griechenlands geblieben sind, obwohl sie wie wir den heiligen Kampf geführt haben, nicht nur in den Provinzen Griechenlands, sondern auch in der europäischen Türkei und in Asien."

Der Traum von der "Hellenischen Republik"

Rigas Velestinlis, der Schriftsteller und Märtyrer des griechischen Freiheitskampfes, hatte die "Hellenische Republik" als Föderation der Länder Südosteuropas unter griechischer Führung gedacht. Der reale griechische Staat war viel kleiner: Mittelgriechenland, die Peloponnes und zwei Inselgruppen – etwa die Ausdehnung des antiken Hellas. Rigas Velestinlis hatte auch alle Griechen außerhalb des antiken Griechenlands einbezogen – eine gefährliche Vision.

Das zeigte sich in der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. 1912, 1913 führte Griechenland mit Bulgarien und Serbien den ersten Balkankrieg gegen das Osmanische Reich. Nach dem zweiten Balkankrieg 1913 hatte Griechenland große territoriale Gewinne erreicht: Sein Staatsgebiet war nun nahezu verdoppelt, die Bevölkerung von drei auf fünf Millionen angewachsen.

Eleftherios Venizelos trägt Hut, Bart und einen Anzug und läuft auf einer Straße. (Historische schwarzweiß Fotografie) (picture alliance / Austrian Archives)Der griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos: Unter seiner Ägide wurde Kreta 1913 mit Griechenland vereint. (picture alliance / Austrian Archives)

So hätte es nach dem Wunsch mancher griechischer Politiker weitergehen sollen. Ministerpräsident Eleftherios Venizelos strebte zu diesem Zweck die Teilnahme Griechenlands am Ersten Weltkrieg aufseiten der Ententemächte an. Der König, der den Mittelmächten zuneigte, bestand aber auf der Neutralität seines Landes. Der Historiker Ioannis Zelepos:

"Zunächst mal führte es dazu, dass der gewählte Premierminister vom König zweimal zur Demission gezwungen wurde. Aber der Premierminister Venizelos revanchierte sich, insofern er eine Gegenregierung im Norden des Landes bildete, also in Thessaloniki. Und das Land war dann tatsächlich für einige Monate gespalten, bis der König, der in Athen saß, 1917 gezwungen wurde, und zwar wiederum durch die Ententemächte Frankreich und Großbritannien, das Land zu verlassen."

Den König unterstützten Mittelständler, Bauern und Handwerker: Leute mit kleinem Besitz, die meinten, die Kosten der Balkankriege getragen zu haben, ohne davon zu profitieren.

Hinter dem Ministerpräsidenten, der Griechenland zielstrebig modernisierte, standen Großunternehmer, Bankleute und Reeder. Sie waren die Nutznießer der Balkankriege, die ihnen neue Märkte erschlossen hatten. Das erhofften sie auch von einer Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Durch die Intervention der Ententemächte gewannen sie die Oberhand und wurden bestätigt. Griechenland saß zum Ende des Krieges am Siegertisch und konnte sein Gebiet noch einmal deutlich erweitern.

Vertreibung und ethnische Säuberungen

Dennoch: Die Auseinandersetzung zwischen König und Ministerpräsident, zwischen Royalisten und Venizolisten spaltete die griechische Gesellschaft. Venizelos und sein Anhang setzten weiter auf Expansion. Im Sommer 1920 drangen griechische Truppen ins anatolische Binnenland vor. Der König führte, nachdem Venizelos die Wahlen verloren hatte, gegen seine Überzeugung den Kleinasienfeldzug weiter. Dieser griechisch-türkische Krieg endete 1922 mit einer katastrophalen griechischen Niederlage.

Die Oper "Griechische Passion" des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinú thematisiert das Schicksal griechischer Flüchtlinge, die während des Kleinasienfeldzugs von Türken aus ihrem Dorf vertrieben wurden. Zu solch gewaltsamen Vertreibungen war es schon im Vorfeld des Griechisch-Türkischen Krieges gekommen.

Ethnische Säuberungen und damit verbundene Vertreibungen hatten schon in den Balkankriegen stattgefunden. Im Gefolge des Kleinasienfeldzugs nahmen sie dramatische Ausmaße an. Alle Griechen sollten aus der Türkei nach Griechenland und alle Türken aus Griechenland in die Türkei zwangsumgesiedelt werden. Nach dem Ende des Krieges wurde diese sogenannte "nationale Flurbereinigung" 1923 im Vertrag von Lausanne fixiert. Der Politologe Franz Nuscheler schrieb dazu:

"Nun mussten auch die restlichen, in der ganzen Türkei verstreuten Griechen und im Gegenzug die noch nicht aus griechischen Gebieten geflüchteten Türken in ihre ‚Heimatländer’ zurückkehren – in ‚Heimatländer’, die sie nur vom Hörensagen kannten. Am Ende der spontanen Flucht und organisierten Vertreibung hatten fast 1,8 Millionen Griechen, 800.000 Türken und 265.000 Bulgaren ihre bisherige Heimat verloren. Sie waren ‚nationale Flüchtlinge’, die ‚heim ins Reich’ flüchteten oder abgeschoben wurden, auch wenn sie gar nicht ‚heim’ wollten."

Die Aufnahme der griechischen Flüchtlinge war eine harte Belastung für den griechischen Staat. Aus den Expansionsträumen war ein nationales Trauma geworden.

Massaker der deutschen Wehrmacht in Griechenland

Die Wirtschaft lag am Boden. Das Land war von ausländischen Krediten abhängig. Hinzu kam eine Dauerspannung zwischen den Befürwortern der Monarchie und denen der Republik als Staatsform. Als in den Zwanzigerjahren die Kommunisten an Einfluss gewannen, wurden sie dämonisiert. Die Beschwörung der "kommunistischen Gefahr" belastete auf Jahrzehnte hin das innenpolitische Klima in Griechenland.

Trotz nennenswerter Erfolge beim Wiederaufbau und der Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft blieb das Land instabil. Immer wieder intervenierte das Militär. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wehrten die Griechen zunächst einen Angriff Italiens ab. Doch im April 1941 marschierten deutsche Truppen ein und etablierten ein grausames Besatzungsregime. Die griechische Wirtschaft wurde geplündert, die Bevölkerung erlebte eine Hungerkatastrophe. Als Rache gegen den Partisanenkampf kam es zu Massenmorden der deutschen Wehrmacht an der griechischen Bevölkerung. Juden wurden in die Vernichtungslager deportiert.

Blick auf ein Dorf in den Bergen Griechenlands. (Imago / Xinhua)Distomo, etwa 110 Kilometer nordwestlich von Athen: Hier ermordeten die Nazis im Juni 1944 mehr als 200 Dorfbewohner. (Imago / Xinhua)
Die kommunistisch geprägte Partisanenorganisation EAM, das griechische Kürzel für "Nationale Befreiungsfront", war eine Massenorganisation, äußerst erfolgreich und auch im Volk geachtet. Um ihren Anspruch auf politische Mitbestimmung nach dem Krieg zu verdeutlichen, baute sie in den Bergen Mittelgriechenlands eine staatsähnliche Selbstverwaltung mit Schulen, Ministerien, Gerichten und eigener Wirtschaft auf.

Griechenland und der Kalte Krieg

Doch schon vor Ende des Krieges bahnte sich der Konflikt an, der zum griechischen Bürgerkrieg führen sollte. Unter britischer Ägide wurde eine Regierung der nationalen Einheit gebildet, aus der die kommunistischen EAM-Minister im Dezember 1944 austraten. Es kam zum Bürgerkrieg, in den zunächst Großbritannien, dann die USA zugunsten der Regierung militärisch eingriffen. Die USA wollten das Vordringen der Kommunisten in Osteuropa stoppen.

In Griechenland wurde der Kalte Krieg zum heißen Krieg. Im Oktober 1949 gaben die griechischen Kommunisten auf. Der Bürgerkrieg war beendet. Aber er prägte Griechenland noch lange, erklärt der Historiker Ioannis Zelepos:

"Die direkte Nachkriegszeit, also die 50er-, 60er-Jahren schon mal ganz massiv. Das sollte man als ein historisches Kontinuum betrachten, das direkt eigentlich auch bis zur Militärdiktatur 1967 bis 1974 führt. Man kann eigentlich unter bestimmten Voraussetzungen ohne Übertreibung sagen, dass eigentlich erst 1974 mit dem Ende dieser Militärdiktatur irgendwo auch ein Schlussstrich unter den Bürgerkrieg gezogen wurde. Es geht ja auch darum, dass 1974 mit dem Ende der Militärdiktatur zum Beispiel erstmals die bis dahin seit dem Bürgerkrieg geführten persönlichen Dossiers zur politischen Gesinnung für jeden Bürger abgeschafft wurden. Das Ganze basierte auf einem riesigen Spitzelwesen, das in den 50er-Jahren, 60er-Jahren blühte."

EU-Beitritt und Finanzkrise

Mit dem Ende der Militärdiktatur verabschiedeten sich die Griechen endgültig von ihrem König und wurden "Hellenische Republik". Eine erneute Demokratisierung und nationale Aussöhnung folgten, 1981 die Aufnahme in die EG. Als in der EU um die Jahrtausendwende der Euro eingeführt wurde, sollte Griechenland dazugehören, obwohl das Land die Kriterien nicht erfüllte – was offiziell allerdings verheimlicht wurde.

Der Preis war ein brutaler wirtschaftlicher Absturz mit der Finanz- und Eurokrise nach 2008 und den finanzpolitischen Diktaten der EU, die darauf folgten. Außerdem war Griechenland mit Masseneinwanderung und Flüchtlingslagern angesichts der Krisen und Kriege am Rande Europas konfrontiert. Seit 200 Jahren muss das Land immer wieder um seine Stabilität ringen und leidet unter der Auswanderung gut ausgebildeter junger Frauen und Männer, wie der in Athen lebende deutsche Wirtschafts- und Politikberater der griechischen Regierung Jens Bastian schreibt:

"Sie haben neue Berufe in Deutschland, der Schweiz oder den Vereinigten Arabischen Emiraten gefunden. Ob sie je wieder motiviert werden können, nach Griechenland zurück zu kommen, ist angesichts der Pandemie und der Lockdowns gegenwärtig mehr als unwahrscheinlich. Es ist zu hoffen, dass Regierung und Privatwirtschaft sich an die Potenziale und Talente der griechischen Diaspora in einer Nach-Pandemie-Zeit erinnern werden. Ihnen eine Art ‚roten Teppich‘ auszulegen, mit guten Jobs, sicherem Einkommen und Gestaltungsspielraum am Arbeitsplatz würde unterstreichen, dass sich etwaige Rückkehrer willkommen fühlen können."

Die 200 Jahre seit dem Befreiungskrieg der Griechen gegen die osmanische Herrschaft waren voller Krisen und Tragödien und hart erkämpfter Fortschritte in einem fragilen Staatswesen. Und dann gab es noch diesen einen Glücksmoment, als sich Griechenland an die Spitze Europas gespielt hatte, beim EM-Sieg 2004.

Ironie der Geschichte: Vater des Erfolgs war der deutsche Trainer Otto Rehhagel. König Otto, wie sie ihn nannten, in Anspielung an jenen bayrischen Otto, den ersten griechischen König von 1832 bis 1862.

Redaktion: Susanne Arlt, Winfried Sträter
Regie: Frank Merfort
Ton: Ralf Perz 
Sprecherin und Sprecher:
Monika Oschek und Robert Frank

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