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Frühkritik | Beitrag vom 09.10.2020

Un-Su Kim: "Heißes Blut" Das Eis im Innern unserer Seelen

Von Tobias Gohlis

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Coverabbildung von Un-Su Kim: "Heißes Blut" (Deutschlandradio / Europaverlag)
Un-Su Kim: "Heißes Blut" (Deutschlandradio / Europaverlag)

Un-su Kim hat mit seinem Krimi "Heißes Blut" ein melancholisches Gangsterepos vom Rand der südkoreanischen Gesellschaft geschaffen. Es ist eine Verhaltenslehre der Kälte mit schrillem Humor.

2018 hatte ich die Gelegenheit bei einem Dinner den südkoreanischen Autor Un-su Kim zu treffen. Den Mangel an Englisch-Kenntnissen überspielte er virtuos durch Clownseinlagen, mich titulierte er den ganzen Abend über unter schallendem Gelächter wegen meines weißen Bartes als Santa Claus.

Umso verblüffter war ich über den herben Existenzialismus seines damals promoteten Thrillers "Die Plotter". Darin wird die verzweifelte Einsamkeit des Antihelden und Auftragsmörders Raeseng nur sehr selten von Blitzen grellen Humors erleuchtet. "Die Plotter" wurde ein internationaler Erfolg und ist der erste Band der "Abscheu-Trilogie", wie Kim sie nennt. Es geht um Männer, so sagt er, "die sich selbst und die Welt, in der sie leben, verachten".

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Der zweite Band ist soeben erschienen und heißt "Heißes Blut". Der erste Satz lautet: "Im Guam trugen die Gangster keine Anzüge." Kim erzählt die Geschichte des Gangsters Huisu, der es mit 40 als Waisenkind und ehemaliger Boxer im Jahr 1990 nicht weiter gebracht hat als zum Manager eines obskuren Strandhotels. Es dient dem alteingesessenen Bandenchef Vater Son und einem Quartett von vier zahnlosen Greisen, die die wahren Herrscher von Guam sind, als Hauptquartier.

Nur scheinbar koreanische Variante von "Der Pate"

Huisu ist ihr Handlanger und managt – mal grob, meist diplomatisch - alle Konflikte. Sein Blut kocht vor unbefriedigter Gier, am Ende eines blutigen, mit Sashimi-Messern ausgetragenen Bandenkriegs wird er nun doch einen Anzug tragen - einsamer denn je.

Nur scheinbar ist "Heißes Blut" eine koreanische Variante von Francis Ford Coppolas "Der Pate". Es gibt zwar den Generationenkonflikt und den Zwang zur Modernisierung, aber Kim verherrlicht seine Gangster an keiner Stelle. Vielmehr konzentriert sich das vielschichtige Epos auf das Milieu des fiktiven Guam: halb kleinkriminelles Strand-Remmi-Demmi, halb Slum der Kriegsflüchtlinge aus Nordkorea - ein Amalgam der Gegend, in der Un-su Kim selbst in großer Armut in der Hafenstadt Busan aufgewachsen ist.

Zunehmende innere Erfrierung

Dieses ebenso armselige wie von der Globalisierung bedrohte Guam und die zunehmende innere Erfrierung des Gangsters Huisu bilden den Focus dieses Romans voller Melancholie und schrillem Humor. Das ist selten: eine Verhaltenslehre der Kälte als Gangsterepos.

Nur einen Wunsch habe ich: Das nächste Buch Un-su Kims möchte ich aus dem Koreanischen übersetzt lesen, nicht in Übersetzungen aus dem Englischen oder Französischen, die die wunderbare Mischung aus Wildheit, Witz und intellektueller Konzentration dieses Autors nur gedämpft rüberbringen.

Un-Su Kim: "Heißes Blut"
Aus dem Französischen von Sabine Schwenk
Europa Verlag, München 2020
582 Seiten, 24 Euro

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