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Frühkritik | Beitrag vom 03.01.2019

Un-Su Kim: "Die Plotter"Brutale Gewalt, gepaart mit Humor

Von Sonja Hartl

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(Europa-Verlag/Joel Filipe/Unsplash/Deutschlandradio)
Un-Su Kim: "Die Plotter" (Europa-Verlag/Joel Filipe/Unsplash/Deutschlandradio)

Der Koreaner Un-Su Kim gilt als neue treibende Kraft des Thriller-Genres. Er variiert im Auftragskiller-Roman "Die Plotter" geschickt bekannte Motive – etwas Melancholie, ein bisschen Film Noir, viel Gewalt. Das Ergebnis ist sehr unterhaltsam.

Vier Jahre alt war Raeseng, als er von einem Mann namens Old Racoon aus einem Waisenhaus in eine Bibliothek geholt wurde. Zur Schule ist er nie gegangen, sogar lesen musste er sich selbst beibringen. Old Racoon hatte nämlich etwas anderes im Sinn: Raeseng sollte Teil seines Geschäftsfeldes werden, dem Ermorden von Menschen.

Auftragsmorde sind in Un-Su Kims "Die Plotter" ein ganz den kapitalistischen Gesetzen gehorchendes, streng arbeitsteilig organisiertes Geschäftsfeld: Wird ein Mord in Auftrag geben, spüren Tracker die Zielperson auf, planen Plotter die Morde und führen Killer diese Pläne aus. Funktioniert ein Killer nicht mehr, wird ein Cleaner aktiv, der ihn beseitigt. Old Racoon ist ein alter Meister-Plotter – und der 32-jährige Raeseng arbeitet seit nunmehr 15 Jahren als Killer. In letzter Zeit allerdings bemerkt er, dass auffällig viele Killer verschwinden. Und ehe er sich versieht, steckt er mitten in einem Komplett.

Der Killer: selbstbezogen und gelangweilt 

Auf den ersten Blick erscheint Raeseng einer jener melancholischen Killer zu sein, die aus Noir-Filmen nicht erst seit Alain Delon bekannt sind. Seit er als Kind gelesen hat, dass Achilles am Ende stirbt, hat er ein "überwältigendes Misstrauen gegenüber dem Leben", auch weiß er, dass er in seiner Branche nicht alt werden wird. Jedoch ist seine Melancholie vielmehr eine Mischung aus ungesunder Selbstbezogenheit und vor allem Langeweile.

Er hat einfach viel Zeit zwischen zwei Aufträgen, so dass sich gelegentliche moralische Skrupel mit der Last des Nichtstuns paaren, wogegen er mit Bier und Büchern vorgeht. Doch dann tritt eine Gruppe Frauen in Erscheinung, die ihn aus seiner selbst gewählten Lethargie wachrüttelt und erkennen lässt, dass er womöglich sogar noch der Held dieser Geschichte werden könnte.

Jeder kann sich Morde kaufen

Der angeblich sechsstellige Betrag, den Un-Su Kim von dem Verlag Doubleday für "Die Plotter" erhalten haben soll, sorgte Anfang März 2018 dafür, dass in der englischen Zeitung "Guardian" die Koreaner als neue treibende Kraft des Thrillers gesehen wurde. Tatsächlich variiert Un-Su Kim gekonnt bekannte Muster, ohne sich auf das bloße Zitieren zu beschränken, und paart brutale Gewalt mit Humor.

Konsequent führt er zudem seine düstere Grundidee aus, dass sich in einer kapitalistischen Tötungsindustrie jeder Morde kaufen kann, sofern er über die nötigen Mittel und ein wenig Einfluss verfügt. Dazu kommen originelle Ideen wie eine Bibliothek, die als Tarnung dient. Eine Neuerfindung des Auftragskillerromans ist dieses sehr unterhaltsame Buch dennoch nicht. Aber es zeigt, wie viel Potential in diesem Subgenre immer noch steckt.

Un-Su Kim: "Die Plotter"
Übersetzt von Rainer Schmid
Europaverlag 2018, 330 Seiten, 18 Euro.

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