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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.07.2016

UmweltverschmutzungPlastikmüll-Alarm am Rhein

Von Stephanie Kowalewski

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Das LUBW-Messsschiff (Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz) "Max Honsell" fährt am 07.08.2014 in Lauffen am Neckar (Baden-Württemberg) auf dem Neckar. Das Schiff wird für Mikroplastikuntersuchungen in Rhein und Neckar eingesetzt werden. (picture alliance / dpa / Inga Kjer)
Das LUBW-Messsschiff auf dem Rhein (picture alliance / dpa / Inga Kjer)

Die Zeiten, in denen der Rhein als Kloake Europas galt, sind dank großer Anstrengungen und moderner Umwelttechnik vorbei. Maifische und Lachse sind zurückgekehrt. Doch jetzt droht ihm eine andere Gefahr: Plastik!

Die Sonne scheint, das im Moment eher braune Wasser des Rheins fließt zügig an uns vorbei, ab und zu tuckert ein Frachtschiff vorüber, das Gras auf den Rheinwiesen in Düsseldorf steht hoch. Es ist schön hier und doch schaut Paul Kröfges, NRW-Gewässerschutzbeauftragter beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland - BUND - besorgt auf den Fluss vor ihm.

"Ja, man muss sich um den Rhein Sorgen machen. Wir haben oft das Gefühl gehabt, man ist über den Berg. Aber jetzt hat man dieses neue Problem erkannt. Und das hat auch eine unglaubliche Dimension."

Das neue Problem heißt: Plastik. Tonnen davon schwimmen im Rhein.

"Ja, hier sieht man überall an den Rändern Plastikanteile herumliegen: hier ein Stück blaue Folie, dahinten eine Plastikflasche. Wir können davon ausgehen, dass der Fluss zurzeit besonders viel Plastikmüll mit sich herumschleppen wird, weil es eben Starkregenereignisse gab und Flächen überspült worden sind. Da ist mit Sicherheit eine ganze Menge Plastikmüll jeglicher Art im Fluss gelandet."

Und vieles davon können wir gar nicht sehen, weil es winzige Plastikpartikel sind, kleiner als fünf Millimeter. Mikroplastik nennen das Experten wie Birgit Kaiser de Garcia vom LANUV, die ich gut 40 Kilometer entfernt vom Rhein in Essen treffe. Hier hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW eine Niederlassung.

"Aus einer weggeworfenen Plastiktüte können über 120.000 Mikroplastikteilchen entstehen."

Um herauszufinden, wie viel Plastik im Rhein unterwegs ist, hat das LANUV gemeinsam mit der Universität Bayreuth sein Laborschiff über den Rhein in NRW schippern lassen und Proben an der Wasseroberfläche genommen. Das Ergebnis ist erschreckend:

"In Düsseldorf sind es dann ungefähr 4,5 Partikel im Schnitt pro Kubikmeter Wasser und am Ausgang NRWs in Bimmen, Richtung Niederlande, da sind es dann noch etwa 2,5 pro Kubikmeter. Das klingt jetzt nicht so schrecklich viel, aber man muss sich vorstellen, wie viele tausende von Kubikmeter Wasser der Rhein führt."

Zehn Tonnen Plastik pro Jahr 

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kamen auch Forscher der Universität Basel. Sie haben den gesamten Rhein untersucht und eine durchschnittliche Belastung mit knapp fünf Partikeln pro Kubikmeter errechnet. Das bedeutet, dass etwa 25 bis 30 Kilogramm Plastik im Rhein landen - jeden Tag. Im Jahr summiert sich das auf rund zehn Tonnen. Das gilt als höchste je gemessene Konzentration von Mikroplastik in Meereszuflüssen.

Der Rhein gehört damit zu den am stärksten mit Kunststoff verunreinigten Gewässern weltweit! Und besonders schlimm ist es in NRW.

"Rechts und links des Rheins sind überall stark besiedelte Gebiete und überall münden Gewässer in den Rhein, die selbst schon die Frachten aus den Ballungsräumen mit sich führen. Und im Rhein kommt eben dann alles zusammen. Und er nimmt alles mit in die Nordsee."

Woher kommt der Plastikmüll?

Doch woher der viele Kunststoff im Wasser stammt, weiß bislang keiner so genau. Eine Ursache scheinen sogenannte Fleece-Textilien zu sein, sagt Paul Kröfges vom BUND. Auch viele der Jogger, die hier am Rhein an uns vorbei laufen tragen die meist aus Kunststoffen hergestellte Funktionskleidung.

"Und da hat man festgestellt, dass bei jedem Waschvorgang zehntausende von Fasern mit dem Waschwasser abgegeben werden und dann auch im Gewässer landen."

Oft fanden die Forscher in ihren Proben auch kleine Kügelchen, die in vielen Kosmetik-, Pflege- und Reinigungsprodukten enthalten sind. Der BUND hat einen Einkaufsratgeber herausgegeben, in dem Artikel aufgeführt sind, die solche Kunststoffe enthalten.

Ich habe dem Gewässerexperten Paul Kröfges einige Produkte mit ans Rheinufer gebracht, die sich vermutlich in zahllosen Haushalten finden.

" Wühlen sie sich ruhig mal durch ..."

"Auf der Rückseite muss irgendwo die Inhaltsangabe stehen. Hier ist was drin: Polyacrylate. Die haben halt die Eigenschaft, dass sie die Stoffe zusammenhalten und eine bestimmte Viskosität erzeugen, die man für eine solche Lotion braucht. Gehen wir mal zum nächsten Produkt. Eine Duschcreme Limette und Aloe-Vera. Oh je, da steht ne Menge drauf. Schauen wir mal. Hier ist was: Copolymer. Das ist Mikroplastik. Da ist das dann häufig so als Schleifmittel, was den Reinigungseffekt unterstützen soll, drin."

Mikroplastikteilchen, entnommen aus Wasserproben, liegen am 07.08.2014 in Lauffen am Neckar  (picture alliance / dpa / Inga Kjer)Kleine Teilchen, große Gefahr: Mikroplastik (picture alliance / dpa / Inga Kjer)

Unterm Strich hat der Gewässerschützer in sechs von zehn Produkten Mikroplastik entdeckt. Allein in Deutschland werden pro Jahr rund 500 Tonnen solcher winzigen Plastik-Partikel für Kosmetik- und Putzmittel hergestellt.

"Also im Produkt selber ist das kein so großes Problem, aber dann, wenn es im Gewässer landet, dann haben wir das Problem."

Denn die winzigen Plastikteilchen können von den meisten Kläranlagen nur unzureichend herausgefiltert werden.

Am Ende landet alles im Meer

"Und da kommt eben noch oben drauf die Menge an großem Plastikdreck."

"Da kommt ein riesen Stück. Schauen sie sich das mal an."

"Ja ja, man sieht schon: keine Plastikfreie Zone, wo wir uns hier befinden."

Weltweit werden pro Jahr rund 150 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, mindestens zehn Prozent davon landen letztlich im Meer, kritisiert der Umweltschützer.

"Und die zersetzten sich dann nur physikalisch. Das heißt, sie werden immer kleiner und damit problematischer, weil sie eben von den Meereslebewesen aufgenommen, mit Nahrung verwechselt werden."

Was die winzigen Kunststoffpartikel in Tier und Mensch langfristig bewirken, ist noch relativ unklar. Überhaupt, sagt Verfahrensingenieurin Birgit Kaiser de Garcia, fischen Forscher und Umweltschützer noch ziemlich im Trüben, wie das Plastikmüllproblem in den Griff zu kriegen ist.

Jede Tüte weniger schützt den Rhein

"Da steht die Forschung noch am Anfang. Man muss einfach genauer noch analysieren, die Größe der Partikel, wo kommen die Partikel her, welche Kunststoffe sind das. Und auch die Methodik der Probenahme wird sicherlich noch verfeinert."

Auch auf dem Kosmetikmarkt tut sich was. Die Branche hat sich freiwillig verpflichtet, bis 2022 alle Kunststoffe durch unbedenkliche Zutaten zu ersetzten. Klingt gut, heißt aber auch, dass noch sechs Jahre lang Schampoos und Crems Mikroplastik enthalten können. Außerdem kann jeder einzelne helfen. Jede Plastiktüte weniger schützt den Rhein und das Meer, sagt Gewässerschützer Paul Kröfges, bückt sich und hebt den Plastikmüll am Rheinufer auf.

"Uah - ein Müllsack. Der fliegt nicht mehr in den Rhein. Den werden wir ordnungsgemäß entsorgen. Gut."

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