Umweltverschmutzung

Die Mafia und der Müll

Von Tilmann Kleinjung · 19.02.2014
Sie kommen nachts mit großen Lastwagen, laden am Straßenrand den Müll ab, überschütten ihn mit Benzin und zünden es an. So entsorgt die Camorra, die in und um Neapel agierende Mafia, giftigen Industriemüll. Ein einträgliches Geschäft, von dem indirekt auch Politiker und Unternehmer aus dem Norden profitieren.
Caivano liegt im Hinterland Neapels. Auf diesem unscheinbaren Feld müssen Beamte der Umweltpolizei nur ein paar Meter tief graben, um Ekliges, Entsetzliches und in jedem Fall Giftiges zu Tage zu fördern. General Sergio Costa leitet den Einsatz:
"Wir haben gegraben und wir haben 200.000 Kubikmeter gefährlichen Sondermüll gefunden: Ölschlamm aus den Fabriken, Abfälle aus der Verarbeitung von Bauxit und Glas, Farben, Lösungsmittel, Bauabfälle, Asbest in großen Mengen. Lassen Sie Ihrer Vorstellungskraft freien Lauf. Alles erdenklich Schlimme lag da unten."
Sergio Costa ist auf eine illegale Industriemülldeponie gestoßen. Natürlich nicht zufällig. Die Camorra, so nennt man die Mafia Clans in der süditalienischen Region Kampanien, hat über Jahrzehnte in den Böden rund um Neapel Müll verschwinden lassen. Der Corpo Forestale, eine Polizeieinheit, die Umweltverbrechen aufklärt, sucht nun nach den illegalen Deponien. Müll-Archäologie. Beweismittel werden gesichert: Etwas, das aussieht wie ein Kanister, Verpackungsmaterial. Polizisten in Schutzanzügen mit Atemmasken entnehmen den Erdklumpen Proben. Eine gummiartige, schwarze Substanz wird in Gläser abgefüllt. Seit mehr als 10 Jahren liegt dieser Müll in der Erde. Von Zersetzung, Kompostierung, Verrottung keine Spur. Im Gegenteil: Bis heute sondert der Müll seine Gifte ins Erdreich ab.
"Wir haben bei den Brunnen, die zur Bewässerung der Felder dienten, dem Grundwasser Proben entnommen und haben festgestellt, dass im Wasser hochgefährliche und krebserzeugende Stoffe waren: Tetrachlorethen, Toluol, auch Arsen, auch Mangan, Fluride oder Sulfate."
Tetrachlorethen, Toluol, Arsen – das sind Substanzen, die in der Gefahrstoffverordnung der EU mit einem dicken schwarzen Kreuz auf rotem Grund gekennzeichnet werden. Gesundheitsschädlich! In der Umgebung von Neapel gelangt das Gift seit Jahren ungefiltert ins Grundwasser und damit auch in die Lebensmittel, die hier in großer Zahl angebaut werden. "Felix Campania" nannten die Römer die Ebene am Vesuv. Weil das Land so besonders fruchtbar war.
Ein Umstand, den sich die kriminellen Müllentsorger zu Nutze machen. Hier wächst im wahrsten Sinn des Wortes schnell Gras über die Hinterlassenschaften der Ökomafia. Die undankbare Aufgabe von General Costa ist es, diese wieder auszugraben, so wie in Caivano.
"Diese sieben Hektar sind mit 50 cm Qualitätserde bedeckt worden - hier sieht man es gut - damit der Müll, der hier vergraben lag, nicht auffiel. Auf diesen Feldern sind dann Brokkoli, Kohl und Fenchel angebaut worden."
Nur ein paar Meter unter der illegalen Sondermülldeponie fließt das Grundwasser. Daneben ein Feld, auf dem ebenfalls Brokkoli angebaut wird, die Häuser von Caivano in Sichtweite.
Der Name ist ein schlechter Witz: "Parco Verde" – grüner Park heißt dieses Stadtviertel von Caivano. Doch hier gibt es nicht viel Platz für Pflanzen und Bäume. Schmucklose, heruntergekommene Wohnblocks und wenig Grün - das ist der Parco Verde, in dem ein kleiner eingezäunter Fußballplatz die einzige Attraktion zu sein scheint. Bruno Mazza steht in der Mitte des Platzes und versucht eine Horde Neun- und Zehnjähriger zu trainieren.
"Nach 11 Jahren Haft habe ich diesen Verein gegründet und ich versuche den Jugendlichen das zu geben, was man mir nicht gegeben hat, als ich jung war."
Bruno Mazza ist in einem Umfeld groß geworden, in dem die Kriminalität ein ganz selbstverständlicher Teil des Alltags ist. Er organisierte für die Camorra den Drogenhandel im Parco Verde, war selbst drogenabhängig, kam ins Gefängnis. Eine ganz normale Karriere in diesem Viertel.
"Hier leben 1.200 Kinder ohne Möglichkeit zu spielen. Es gibt keine Spielplätze, es gibt nichts für Kinder, in jeder Gasse Drogen. Die Jugendlichen beobachten, was da gemacht wird und dann gehen sie uns verloren, schließen sich der Kleinkriminalität an. Wir haben hier 30 Jugendliche verloren, an Drogen, bei Schießereien, Hinrichtungen durch Camorra-Clans gestorben. Das sind die alarmierenden Zahlen im Parco Verde."
Eigentlich müsste man auch noch jene Menschen dazurechnen, die in den letzten Jahren an rätselhaften Krankheiten gestorben sind. Bruno Mazza ist überzeugt: auch diese Toten gehen auf das Konto der Camorra, die das Land und das Wasser in Caivano vergiftet hat.
Am Zaun des Fußballplatzes hängt ein großes Plakat: "Wir sind es leid, unsere Kinder zu beerdigen!"
"Hier gibt es Krebs, Leukämie. Kinder im Alter von elf, zwölf Monaten sind gestorben, von sechs Monaten! Es trifft nicht nur die Alten, es trifft alle."
Caivano liegt mitten in "Gomorrha" – also dem Reich, das der Journalist Roberto Saviano beschrieben hat. Hier, im Hinterland von Neapel, operieren die Clans der Camorra, zum Beispiel die "Casalesi", die mit Drogenhandel oder mit Erpressungen ihr Geld verdienen. Und mit der Beseitigung von Giftmüll. Vier Milliarden Euro soll das in guten Jahren eingebracht haben. Nur mit dem Handel von Heroin und Kokain verdienen die Camorristi mehr.
In der verfilmten Version von "Gomorrha" gibt es die Figur des Müll-Managers. Ein halbseidener Geschäftsmann, der Firmen zu sensationell günstigen Preisen die Entsorgung ihrer giftigen Abfälle anbietet. Eine Szene ist besonders bezeichnend: Eine Bäuerin schenkt dem gewissenlosen Geschäftsmann eine Steige Pfirsiche. Wenig später im Auto weist der Chef seinen Adlatus an: "Schmeiß die Pfirsiche weg! Die kann man nicht essen."
Farben, Medikamente und Krankenhausabfälle
Die Figur des skrupellosen Müllentsorgers gibt es nicht nur im Film. In Wirklichkeit heißt der Mann Carmine Schiavone. Ein reuiger Camorra Boss, der heute mit der italienischen Justiz zusammenarbeitet.
"Ist Ihnen klar, dass hier fünf Millionen Menschen sterben?", fragt Schiavone im Interview mit einem italienischen Fernsehsender, um dann zu erzählen, was er alles in den Feldern seiner Heimat vergraben ließ:
Diese großen Unternehmen im Norden, auch die in Rom, kamen und entsorgten ihren Müll im Süden: Farben, Medikamente, Chemie, Krankenhausabfälle und dann sind da die Kisten mit atomaren Abfällen, Atomschlamm.
Dank der Aussagen von Schiavone und anderer Aussteiger kann die Polizei die Abläufe der illegalen Müllentsorgung nachverfolgen. Vom Produzenten bis zum Abnehmer. Dabei übernimmt die Camorra nur die Rolle des Maklers. Die Hände machen sich andere schmutzig. Die, die den Müll quer durch Italien, ja sogar durch Europa transportieren, um ihn dann zu nachtschlafender Zeit in Kampanien abzuladen; dann die, die ihren Grund und Boden für die Deponien zur Verfügung stellen. Alle verdienen an diesem dreckigen Geschäft. Am meisten aber profitieren die Firmen, die ihren Industriemüll zu Dumpingpreisen entsorgen lassen, sagt Sergio Costa von der Umweltpolizei. Auf die Frage, ob denn auch deutsche Firmen ihren Abfall in Kampanien abladen, wird der Polizist einsilbig. Dazu könne er nichts sagen, um laufende Ermittlungen nicht zu gefährden.
"Auf jeden Fall kommen nicht alle Abfälle aus der Region. Sie kommen aus anderen Teilen Italiens und anderen Teilen Europas. Das wissen wir schon. Das heißt aber nicht, dass sie nicht aus Kampanien kommen."
In den Provinzen Neapel und Caserta blüht das Geschäft mit gefälschten Markenartikeln. In kleinen Fabriken entstehen billige Handtaschen, die angeblich von Gucci sein sollen, vermeintliche Markenturnschuhe, Pseudo-Designer-Jeans. Artikel, die es eigentlich nicht geben darf. Die Abfälle, die bei der Produktion entstehen, müssen deshalb heimlich entsorgt werden.
Die italienische Polizei hebt eine unterirdische Giftmülldeponie der Camorra aus
Die italienische Polizei hebt eine unterirdische Giftmülldeponie der Camorra aus© picture alliance / dpa / Felice De Martino/Frattari
"Das Problem der verseuchten Gebiete und der vergrabenen Abfälle ist eigentlich nur eines - da bin ich ganz aufrichtig: die Steuerhinterziehung. Warum? Solange es Firmen gibt, die schwarz produzieren, wird es Abfälle geben, die schwarz entsorgt werden müssen. Also: Entweder vergrabe ich sie oder ich werfe sie irgendwohin und zünde sie an. Um die Umweltverschmutzung zu bekämpfen, müssen wir also die Steuerhinterziehung bekämpfen. Sonst erreichst du gar nichts."
Müll anzünden. Wer im Großraum Neapel unterwegs ist, sieht am Straßenrand immer wieder schwarze Rauchsäulen aufsteigen. Was da brennt, sind in der Regel kleine Müllberge. Industriemüll, Haushaltsmüll, Gartenabfälle – egal: unter der Autobahnbrücke oder am Straßenrand abladen, mit Benzin übergießen und anzünden.
"Nachts und bei Sonnenuntergang kann man ständig Brände beobachten. Es gibt sie immer noch. So merkwürdig das auch erscheinen mag, wir zählen noch hunderte von Bränden. Es sind weniger geworden, aber es gibt sie immer noch."
Michele Bonomo von der Umweltschutzorganisation Legambiente ist überzeugt, dass die Ökomafia in der Region immer noch ihr Unwesen treibt. Trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit, trotz der Proteste. Das Vergraben von Müll ist heute zu aufwändig, zu gefährlich. Stattdessen greift man nun zu Streichholz und Benzinkanister. "Terra dei Fuochi" nennt man deshalb die Gegend. Feuerland. Andere sprechen vom „Triangolo del Morte“, vom Todesdreieck, das Neapel und die Städte Nola im Osten und Caserta im Norden bilden. 42 Gemeinden gibt es hier, 2 Millionen Menschen leben hier. Es ist einer der am dichtesten besiedelten Flecken Erde in Europa - und einer der giftigsten.
"Die Brände produzieren Dioxine, die sich dann sofort auf die Felder legen. Die vergrabenen Abfälle erzeugen eine Umweltverschmutzung, die sehr lange andauert. Wahrscheinlich sind beide Elemente zusammengenommen der Grund für die vermehrten Erkrankungen."
Es ist noch nicht allzu lange her, da hat Italiens Gesundheitsministerin solche Vermutungen als haltlos zurückgewiesen. Die erhöhte Tumorrate in der Region könne auch etwas mit den Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der Menschen dort zu tun haben. Zu fettes Essen, zu viel Zigaretten.
"Es gibt einige epidemiologische Daten, die besagen, dass in diesen Gebieten vermehrt Krebskrankheiten auftreten und es vermehrt Kinder gibt, die behindert zur Welt kommen. Das ist eine bewiesene Tatsache. Jetzt muss man den Zusammenhang zwischen diesen Phänomenen und den Bränden erforschen."
Demonstration mit 60.000 Teilnehmern
Nach massivem öffentlichen Druck hat auch Italiens Regierung in den letzten Monaten umgedacht: Die Gesundheitsministerin darf 50 Millionen Euro investieren, um Krebsdiagnose und -Prävention zu fördern. Der Verteidigungsminister schickt Soldaten in die Region, um die Polizei beim Kampf gegen die Müllmafia zu unterstützen. Deren Präsenz auf den Straßen soll verhindern, dass weiter Müll vergraben oder verbrannt wird. Dass Rom nach Jahren, Jahrzehnten des Ignorierens und Wegschauens endlich handelt, ist auch das Verdienst von Maurizio Patriciello.
Der Pfarrer von Parco Verde ist zum prominentesten Kämpfer gegen den Giftmüll geworden. Er stellt seine Kirche für Informations- und Protestveranstaltungen zur Verfügung. In seinen Predigten rüttelt er auf, klagt an und stellt Fragen.
Die Gleichgültigkeit der Politik macht die Menschen richtig zornig. Zu zigtausenden gehen sie auf die Straße. Und allen voran marschiert der Pfarrer vom Parco Verde, Don Maurizio. Er ist die Galionsfigur dieses Volksaufstandes geworden. Dazu muss der Geistliche gar keine großen Worte machen. Es ist alles gesagt, wenn er das Alter und die Namen der Opfer der letzten Monate vorliest.
"So könnte ich ewig weitermachen“, sagt der Don Maurizio auf der Bühne bei einer Großdemonstration in Neapel. "Das sind die Toten", sagt er, "die auf das Konto dieser Verbrecher gehen". Das Wort "Verbrecher" wiederholt der Pfarrer dreimal und die Menge skandiert "assassini", Mörder.
"Das ist für mich das Schlimmste: Diese Gegend ist ohnehin schon arm. Und jetzt hat man den Menschen sogar das Recht zu Atmen genommen, das Recht auf Gesundheit."
Aus den Klagen einzelner Umweltschützer und mutiger Mafiagegner wurde ein Massenprotest. Ende letzten Jahres kamen 60.000 Menschen zur großen Demonstration nach Neapel. Trotz Dauerregens.
"Polizei und Staatsanwaltschaft wollen, dass das italienische Gesetz noch strenger wird. Da hat sich jemand auf kriminelle Weise bereichert und dieses Geld muss er gemeinsam mit dem Schadensersatz zurückerstatten. Und wenn du das Geld nicht hast, werde ich deine Güter nehmen - deine Häuser, deine Autos, deine Ländereien. Das heißt 'Beschlagnahmung zum Ausgleich' und wird zum Beispiel schon beim Drogenhandel angewandt. Wir wollen dieses Gesetz auch für Umweltverbrechen."
Und wenn tatsächlich wissenschaftlich nachgewiesen werden kann, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen den illegalen Müllhalden und den zahlreichen Erkrankungen in der Region gibt, dann geht es um mehr als um Umweltverbrechen. Dann ermittelt General Sergio Costa in einem Mordfall.
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