Umweltveränderungen

    Schon Steinzeitjäger litten unter Klimastress

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    Ewiges Meer Gräser an einem Bohlenweg am Hochmorsee Ewiges Meer, Naturschutzgebiet bei Eversmeer, Ostfriesland, Niedersachsen
    Ein Bohlenpfad in einem Hochmoor in Niedersachsen: Auch in der Jungsteinzeit wurden solche Wege gebaut. © imago / Norbert Neetz
    Von Volkart Wildermuth · 21.10.2021
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    Der Klimawandel prägt unsere Gegenwart. Aber schon lange, sehr lange vorher mussten die Menschen mit dramatischen Veränderungen im Klima und damit in ihrer Umwelt zurechtkommen. Offenbar war bereits in der Steinzeit Innovation der Schlüssel zum Überleben.
    "Ich präpariere hier gerade ein bearbeitetes Stück Holz dieses Moorweges heraus. Da kann man sehr schön die Bearbeitungsspuren drauf sehen." Mit den Fingern erfühlt Jan Piet Brozio die Abschläge von Steinbeilen. Der Archäologe von der Univierstät Kiel kauert in einer Grube im Heeder Moor bei Diepholz in Niedersachsen. Einen Meter tief im Torf verbirgt sich ein sauber gelegter Weg aus zwei Schichten Birken- und Erlenstämmen. Angelegt haben ihn Bauern der Jungsteinzeit vor 4000 Jahren.
    "Dieses Moor ist immer weiter gewachsen auch zur Zeit des Neolithikum. Das heißt, wenn Sie von der einen auf die andere Seite gehen wollten, um beispielsweise Austausch zu betreiben oder Nachrichten zu überbringen oder sich zu verheiraten, mussten sie außen rum um das Moor gehen."
    Da lohnte der Aufwand, als Abkürzung einen Bohlenweg anzulegen. Für Jan Piet Brozio ist es spannend, dass damals nicht nur das Klima in Niedersachsen feuchter wurde, sondern dass es parallel auch zu sozialen Veränderungen kam. Statt Gruppengräber entwickelten sich Einzelbestattungen und wohl auch so etwas wie vererbter Status. Ob dafür aber wirklich das Klima den Anstoß gab, ist offen. Deshalb braucht Jan Piet Brozius mehr Daten. Das letzte Holzstück will aber nicht heraus.

    Übergang zur Landwirtschaft durch Klimaveränderungen

    "Der Torf hat das fest ummantelt. Und da muss man jetzt wirklich das Ganze per Handarbeit machen. Und wirklich das vorsichtig rausziehen."
    In Norddeutschland hatten die Menschen der Steinzeit immer wieder mit Klimaveränderungen zu kämpfen. 2000 Jahre vor der Konstruktion des Bohlenweges gab es eine Folge von schlechten Jahrzehnten. Harte Zeiten für Jäger und Sammler.
    "Und in diesen 40 Jahren waren diese Gesellschaften extrem davon betroffen und mussten ihre Nahrung diversifizieren. Und im Rahmen dieser Diversifikation fand dann auch der Übergang zur Landwirtschaft, also zur produktiven Wirtschaftsweise statt."
    Johannes Müller ist Archäologe an der Universität Kiel und glaubt:
    "Dass diese beschleunigten technologischen Veränderungen, die zur Bronzezeit führen, in Norddeutschland und Süd-Skandinavien nicht so sehr aber in Spanien und Mitteldeutschland und möglicherweise auch in Bayern tatsächlich mit dem zumindest Trigger bekommen haben über die nennen wir sie ruhig Umweltprobleme."

    Astscheibe dokumentiert uralten Klimawandel

    "Das ist ein Stück von der Jungsteinzeit. Warum zersägen Sie das jetzt?"
    "Wir zersägen dieses Holz, also diesem Fall, von dem Bohlenweg, aber wir wollen da Scheiben rausschneiden, und diese Scheiben wollen wir dann verwenden für die dendrochronologischen Untersuchungen."
    Jan Piet Brozio hat Respekt vor dem gut gebauten Weg aus der Jungsteinzeit, aber das hindert ihn nicht daran, ihn für die genauere Analyse zu zerstören. Denn die Astscheibe dokumentiert in ihren dicken und dünnen Jahresringen uralte Klimaveränderungen. Gut gewässert kommt die Astscheibe dann in einen dicht verschlossenen Plastikbeutet zur weiteren Analyse.

    Dramatische Abkühlung vor 8200 Jahren

    Viel weiter östlich untersucht die Archäologin Henny Piezonka von der Universität Kiel steinzeitliche Funde in der sibirischen Taiga. An Halbinseln an Flüssen zeichnen sich dort dunkle Linien ab, wo vor Urzeiten hölzerne Palisaden standen. Wahrscheinlich handelte es sich um Fluchtburgen.
    "Das ist etwas ganz Besonderes, was auch tatsächlich unsere und unsere Sicht auf die Menschheitsgeschichte so ein bisschen ändert."
    Entstanden sind diese ersten Festungen in einer Zeit der Klimaveränderung. Vor 8200 Jahren kam es zu einer plötzlichen dramatischen Abkühlung. Überraschenderweise nahm die Bevölkerungsdichte in Westsibirien trotzdem zu. Die Wildbeuter nutzten wohl Lachszüge, die zwar zeitlich eng begrenzt, aber dafür reichlich Nahrung boten. Das gelang dank eines ganzen Paketes von technischen und sozialen Innovationen, die um ein Thema kreisen: Vorratshaltung.

    Veränderungen führten zu ersten Festungen

    "Wir gehen davon aus, dass stationärer Fischfang mit Fisch, Zäunen und Reusen sich in dieser Zeit ganz massiv verbreitet, die dann wiederum eben auch die Territorialität begünstigen, weil man dann eben stationär an einer Stelle viel Fisch zum Beispiel fangen kann", sagt Henny Piezonka.
    Um solche wertvollen Fangplätze gab es wohl Konflikte und deshalb entstanden in der sibirischen Taiga die weltweit ersten Festungen.
    Zurück ins Moor nach Diepholz: Torfspezialist Ingo Feeser drückt einen Kabelschacht aus dem Baumarkt in die Seitenwand der Grube.
    "Wir nehmen dafür seitlich neben dem Weg ein Torfprofil. Dass man sich den Zersetzungsgrad des Torfes anschaut und guckt, können wir trockene Phasen und feuchtere Phasen unterscheiden. Also klimatische Signale fassen im Torf."

    Klimaverschlechterungen verändern die Gesellschaft

    Klimawandel hat wohl schon in der Steinzeit gesellschaftliche Veränderungen angestoßen. Aber genauso wichtig sind rein soziale Prozesse betont der Prähistoriker Detlef Gronenborn vom Römisch-Germanischen-Nationalmuseum. Er studiert jungsteinzeitliche Linarbandkeramiken. Die typischen Muster auf den Gefäßen und Scherben verändern sich, wechseln zwischen einfachen Zeichen und vielfältigen, barocken Verzierungen.
    "Also diese Gesellschaften entstehen, sind sozusagen inhaltlich, oft auch ideologisch religiös gefestigt und relativ einheitlich. Und dann im Zuge von günstigen Klimaphasen blühen diese Gesellschaften auf, werden immer diversifizierter, sozial, kulturell und das erreicht dann einen Kipppunkt. Die sozialen Konflikte nehmen zu. Das kann bis zu wirklich brutalen kriegerischen Auseinandersetzungen gehen."
    Das ist die pessimistische Sicht. Die optimistische Interpretation von Johannes Müller lautete, dass auch eine Klimaverschlechterung eine Gesellschaft nicht unbedingt aus der Bahn bringt, wenn sie denn vorbereitet ist.
    "Wir stellen fest, dass eine sozusagen Resilienz oder Widerstandskraft gegenüber Klimaveränderungen oder auch Umweltveränderungen in Gesellschaften immer dann da ist, wenn der Zusammenhalt, also die Konnektivität innerhalb von Gesellschaften oder zwischen Gesellschaften sehr groß ist."