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Zeitfragen | Beitrag vom 16.01.2020

UmwelttrauerWie der Klimawandel die psychische Gesundheit bedroht

Von Lisa Rauschenberger

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Ein Inuit in traditioneller Fellkleidung steht auf brüchigem Meereis und schaut in die Ferne. (imago / Danita Delimont / Steve Kazlowski)
Vielen Inuit droht durch den Klimawandel ein Identitätsverlust, da sie ihre traditionelle Lebensweise nicht mehr aufrechterhalten können. (imago / Danita Delimont / Steve Kazlowski)

Schmelzende Polkappen, Artensterben, drohende Kriege um Nahrungsmittel: Die möglichen Folgen des Klimawandels für unser Leben verdrängen viele. Manchen gelingt das nicht. Sie empfinden ein tiefes Gefühl von Verlust: "Es sind so Emotionswellen - wie Trauer."

Meine Tochter wird im Jahr 2050 gerade mal 32 Jahre alt sein. Wenn es schlecht läuft, haben wir dann schon zwei Grad Erderwärmung. Das jedenfalls sieht das pessimistischste Szenario des Weltklimarats vor. Und zwei Grad im Jahr 2050 heißt um die 4 Grad im Jahr 2100. Auch das kann meine Tochter noch erleben. Es kann also verdammt viel passieren. Wird sie miterleben, dass Kriege um Nahrungsmittel geführt werden? Wird sie in einem Land leben, das sich mit allen erdenklichen Mitteln abschottet – und an dessen Grenzen immer mehr Klimaflüchtlinge sterben werden? Ich frage mich: Wie soll ich umgehen mit der Ahnung, dass wir dabei sind, den Karren so richtig gegen die Wand zu fahren? Und wie nennt man das überhaupt, was ich empfinde?

"'Ecological Grief' oder Umwelttrauer ist ein Gefühl von Trauer und Verlust und bezieht sich auf etwas Nicht-Menschliches: Ökosysteme oder Tier- und Pflanzenarten oder liebgewonnene Orte, Wälder und Wasser", sagt Ashlee Cunsolo. "Es entsteht ein Gefühl von Schmerz, Leid und Verlust, wenn sie geschädigt werden."

Mehr als die Angst vor Waldsterben

Ashlee Cunsolo ist Direktorin des Labrador-Instituts der Universität Neufundland in Kanada. Hier und in den USA beschäftigen sich Forscher seit einiger Zeit mit Phänomenen wie Umwelttrauer oder Klimaangst. In Deutschland gibt es dazu bisher keine Forschung. Aber Umweltsorgen hatten viele Deutsche doch auch nach dem Super-GAU im Atomkraftwerk in Tschernobyl. Ist die Angst vor dem Klimawandel also wirklich etwas Neues? Ja, sagt Gerhard Reese, Professor für Umweltpsychologie an der Universität Koblenz/Landau:

"Sowas wie Waldsterben oder andere ökologische Krisen, die gab's ja vorher auch schon. Sowas wie Klimawandel ist aber qualitativ was Neues, weil es uns vor so umfassende Veränderungen, so umfassende Bedrohungen stellt, wenn wir nicht agieren, dass das eine ganz neue Qualität an Sorge annehmen kann."

Klimawissenschaftler beobachten seit Jahren, dass die Temperaturen in der Arktis besonders schnell steigen. In Labrador kann man den Klimawandel betrachten wie unter einem Vergrößerungsglas. 

"Das Meer-Eis schrumpft. Manche Messungen zeigen einen Rückgang um 73 Prozent in den letzten zehn Jahren. Das Meereis kommt später und schmilzt früher, die Jahreszeiten werden kürzer", so Ashlee Cunsolo. "Es gibt mehr Stürme und unerwartete Wetterlagen. Veränderungen bei Flora und Fauna. Das hat riesige Auswirkungen auf das Leben der Inuit, in allen Aspekten, weil sie so stark mit der Umwelt verbunden sind."

Die kanadischen Inuit befürchten Identitätsverlust

Ashlee Cunsolo lebt und forscht in Labrador, ganz im Norden Kanadas. Dort ist das Klima arktisch, die Gegend dünn besiedelt, ein Drittel der Bevölkerung sind Inuit. Ashlee Cunsolo hat viele Gespräche mit Inuit über Umwelttrauer geführt.

"Wir haben einen Dokumentarfilm darüber gemacht, am Schluss sagt ein Dorfältester und politischer Führer der Community: Inuit sind Menschen des Meereises. Wenn es kein Meereis mehr gibt, wie können wir dann Menschen des Meereises sein. Sie haben die tiefe Einsicht, ihre Identität zu verlieren und von den Verlusten, die noch kommen werden."

Menschenmenge von oben, Demonstranten beim Klimastreik am 20.09.2019 in Freiburg im Breisgau. (imago / imagebroker / Daniel Schoenen)Hilft Engagement in der Klimaschutzbewegung gegen Umwelttrauer? (imago / imagebroker / Daniel Schoenen)

Im Unterschied zu den Inuit ist mein Lebensraum nicht direkt bedroht. Mir kommt es vermessen vor, meine eigene Sorge in einem Atemzug mit der Trauer der Inuit zu nennen, die viel existenzieller ist. Gibt es also Umwelttrauer auch bei Menschen in den Industriestaaten? Bei denen, die mit ihrem Lebensstil sogar hauptsächlich für die Klimaerwärmung verantwortlich sind? Bei Menschen wie mir?

"Menschen berichten von einer Art indirekter Umwelttrauer. Also, wenn sie den Schmerz und das Leiden anderer sehen. Umwelttrauer in städtischen Räumen gibt es aber auch immer mehr als Reaktion auf Sturmfluten, Waldbrände, Hitzewellen und alle Wetterlagen, die unerwartet kommen wie Wirbelstürme oder Tornados."

"Wir Menschen sind einfach Meister im Verdrängen"

Und auch sie selbst leidet an Umwelttrauer, erzählt mir Ashlee Cunsolo am Schluss unseres Gesprächs. Wenn man sich tagtäglich mit dem Klimawandel und den möglichen Folgen beschäftigt, hat man dann sozusagen chronisch Umwelttrauer?

"Ja, ich mache mir schon Sorgen um die Zukunft des Planeten", sagt Mojib Latif, einer der prominentesten Klimaforscher in Deutschland. "Das ist nicht nur der Klimawandel, das sind ja viele Dinge. Wir können ja auch die zunehmende Menge von Plastik im Meer nehmen, die Brandrodung der Regenwälder und, und, und... Aber das führt dann nicht dazu, dass ich nicht schlafen kann, das ist dann so etwas wie das Arzt-Patient-Verhältnis."

Latif arbeitet am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Wenn wir mal in dem Bild vom Arzt-Patient-Verhältnis bleiben, dann wäre also Mojib Latif der Arzt, der dem Patienten mit ernstem Blick ankündigt, was ihm droht, wenn er weitermacht wie bisher. Und wir, die Menschen, wären der starrsinnige Raucher, der trotz Lungenkrebs einfach nicht aufhören will. Nur – das Bild passt nicht so ganz. Denn auch Mojib Latif lebt auf diesem Planeten, den die Menschen da gerade verändern:

"Ja, ich bin betroffen, das stimmt schon, aber man muss sich einfach diesen Rückzugsraum gönnen, weil man sonst verrückt werden würde, das ist einfach so. Und wir Menschen sind einfach Meister im Verdrängen und mir gelingt es eben auch, die Dinge dann zu verdrängen."

"Ich habe Angst, dass die Menschen böse werden"

Hannah Elshorst macht es anders als Klimaforscher Mojib Latif:

"Ich denke, es sind so Emotionswellen, wie Trauer, und mittlerweile lasse ich das aber auch zu. Ich heule dann einfach kurz und es ist auch ok."

Die Angst vor dem Klimawandel zu verdrängen, sei falsch, findet sie.

"Ich glaube, es ist wirklich wesentlich besser, sich dem direkt zu stellen und es rauszulassen und auch zuzulassen, als es zu unterdrücken und dass es einem den gesamten Tag verdirbt."

Hannah Elshorst ist 24 Jahre alt und Umweltaktivistin. Bei ihr hört sich der Klimawandel an, als steuerten wir geradewegs auf die Apokalypse zu.

"Ich habe Angst, dass die Menschen um mich herum böse werden aus Angst vor Ressourcenknappheit. Und ich habe Angst davor, dass es mir passiert und den Leuten um mich herum."

Aktivität hilft gegen die Hoffnungslosigkeit

Traurig oder verstört wirkt Hannah Elshorst aber nicht. Im Gegenteil – sie lacht viel und wirkt insgesamt wie ein positiver Mensch. Das könnte auch daran liegen, dass Hannah für sich einen Weg gefunden hat, mit der Angst umzugehen: Sie hat sich letztes Jahr der Gruppe Extinction Rebellion angeschlossen.

"Alles, was ich mache, hat sich geändert. Ich hab mich geändert, mein Freundeskreis hat sich geändert, ja… wirklich alles."

Ihr Bachelor-Studium in Kunst und Politikwissenschaften hat Hannah dafür geschmissen. Sie ist jetzt Vollzeit-Aktivistin.

"Wir haben eine Chance, die Zukunft ist nicht geschrieben. Aber wir müssen trotzdem realistisch bleiben und genau, die Trauer anerkennen, mit ihr arbeiten. Wenn man was gefunden hat für sich selbst, was sich richtig anfühlt, wo man denkt, hier mache ich einen Unterschied, dann kann's echt super die Energiequelle sein."

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