Mittwoch, 16.06.2021
 

Zeitfragen | Beitrag vom 10.02.2021

UmweltgeschichteWenn Natur Politik macht

Von Stefanie Oswalt

Ein Man macht ein Foto von einer Lenin-Statue, die umgeben von Büschen in der Tschernobyl-Schutzzone steht. (picture alliance / Photoshot / Chen Junfeng)
Lenin-Statue in der Tschernobyl-Schutzzone: Der Reaktorunfall führte vielerorts zum Umdenken in Sachen Atomkraft. (picture alliance / Photoshot / Chen Junfeng)

Bisher nehmen nur wenige Historiker die gesellschaftlichen und politischen Folgen von Umweltphänomenen in den Blick. Angesichts des Klimawandels und der Covidauswirkungen könnte die Disziplin Umweltgeschichte aber an Relevanz gewinnen.

Das druckfrische Sonderheft der wichtigen umwelthistorischen Fachzeitschrift "Journal for the History of Environment and Society" thematisiert die Covid-19-Krise und stellt sie in den historischen Kontext. Es geht um verschiedene Epidemien im Lauf der Jahrhunderte, aber auch um den Zusammenhang zwischen dem Virus, dem Klimawandel und Rassismus. Aktueller kann historische Forschung wohl kaum sein und dennoch:

"Vielleicht sage ich jetzt etwas sehr Ketzerisches: Ich hab immer den Eindruck, dass den 'Normalhistorikern' – vielleicht auch der älteren Garde –, dass die Umweltgeschichte ihnen nicht intellektuell genug ist, dass die zu viel Naturwissenschaft zumindest im Gefühl drin hat, nicht vergeistigt genug herüberkommt, ein bisschen praktisch auch ist."

Noch immer ein Nischenthema

So die Umwelthistorikerin Astrid Mignon Kirchhof von der Berliner Humboldt-Universität. Sie ist Expertin für die Umwelt- und Naturgeschichte in Ost- und Westdeutschland, derzeit forscht sie über den Uranabbau in der DDR. Kirchhoff beklagt, dass die Umwelt- und Technikgeschichte hierzulande innerhalb der historischen Zunft immer noch ein Nischendasein fristet.

"Eigentlich sollte Umweltgeschichtsschreibung ja dafür da sein, dass du an der Umweltgeschichte eine andere Frage deutlich machst, dass du zum Beispiel die Systemfrage stellst. Was sagt uns die Umwelt zum Beispiel mehr über dieses oder jenes System? Ich finde, dass die Umweltgeschichte da der Zeitgeschichte viel zu bieten hat, aber relativ wenig rezipiert wird, oder noch zu wenig rezipiert wird."

Dabei habe die Umweltgeschichte seit den 1980er-Jahren eine große Entwicklung vollzogen, sagt Jan-Henrik Meyer, Historiker am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt am Main.

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"In den 80er-Jahren in Deutschland ist die Umweltgeschichte auch ganz stark aus der Sozialgeschichte entstanden, aber auch so aus der Technikgeschichte. Da gab es dann so kritische Blicke auf die Geschichte des Forstwesens, über den Mythos der Holznot. Es gab dann auch Geschichten der Luftverschmutzung. Heute gibt es eine ganz breite Themenvielfalt: Naturschutzgeschichten. Eine ganze Zeit waren jetzt auch Katastrophengeschichten interessant. Das ist dann auch ein bisschen der Link zur Atomkraftgeschichte – Tschernobyl ist, glaub ich, das inzwischen von Historikern am besten erforschte Katastrophenereignis."

Kein Nebenprodukt, sondern zentrales Thema

Mit seiner Kollegin Astrid Mignon Kirchhof veranstaltet Jan-Henrik Meyer das Berlin-Brandenburger Colloquium für Umweltgeschichte, um mehr Aufmerksamkeit auf Fragen der Umweltgeschichte zu lenken und auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Umwelt ein historischer Begriff ist, der viel weiter gefasst werden kann:

"Ich verstehe Umwelt als die Gesamtheit der materiellen Lebensgrundlagen des Menschen. Das heißt, für mich ist ein Thema, wo das Essen herkommt, für mich ist ein Thema, wo das Material für den Bildschirm herkommt, auf den ich gerade schaue, wo das Papier herkommt und was das bedeutet für die Gesellschaften. Und natürlich ist auch das ein Thema, was passiert, wenn das bei mir im Recycling landet."

Der Umwelthistoriker Frank Uekötter, der an der Universität Birmingham in England forscht, sieht Fragestellungen der Umweltgeschichte nicht als Nebenprodukte der Sozial-, Wirtschaftsgeschichte, sondern zentrale Themen an. Noch herrsche oft die Meinung vor:

"Umwelt sind da die Nebenwirkungen, die Nebenfolgen, das Ungeplante. Das ist ein Teil unserer Debatte. Wir sehen das ja heute in Umweltministerien, die neben dem Verkehrsministerium und dem Agrarministerium und dem Wirtschaftsministerium existieren. Also unsere Umweltimagination ist ein Reden in Nebenfolgen. Ich glaube, es ist an der Zeit, das Gesamte von dem Materiellen als einen Komplex zu denken."

Umweltfragen bestimmen das Schicksal von Staaten

Wie sich ein solches Umweltverständnis auf die Geschichtsschreibung auswirken kann, hat Uekötter selbst gerade demonstriert: In einer über 800seitigen Überblicksstudie unter dem Titel "Im Strudel. Eine Umweltgeschichte der modernen Welt" geht er der komplizierten Verflechtung verschiedener Umweltphänomene nach, und er zeigt sozio-ökonomische und politische Auswirkungen von ursprünglich nur der Umwelt zugeordneten Themen. Gerade im globalen Süden werde besonders deutlich, wie zentral Umweltfragen das allgemeine Schicksal von Gesellschaften und Staaten bestimmen:

"Wenn Sie auf einer Bananenplantage leben, dann sind die Folgen der Spritzmittel überhaupt nicht zu trennen von dem sozialen Leben, von dem ökonomischen Leben, vom Schicksal einer Bananenrepublik, die nicht nur politisch fragil ist, sondern die eben auch am Bananen-Export hängt. Das kann man nicht segregieren.

Zunehmend stellt die Umweltgeschichte – und das ist eine Forderung, die ganz stark von unseren amerikanischen Kollegen gekommen ist -, eben die Fragen nach environmental Justice, also nach den Gerechtigkeitsfolgen von Umweltproblemen. Das sind eben Fragen, die sich sowohl beim Umgang mit der Covidkrise, als auch bei den zu erwartenden Konsequenzen des Klimawandels, aber auch der Bekämpfung des Klimawandels stellen."

Die Frage nach Umweltgerechtigkeit

Meyer verweist auf die Studie "Dumping in Dixie" des schwarzen US-Amerikaners Robert D. Bullard:

"Der hat eben gezeigt, dass, je mehr Schwarze in einem District leben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dort eine Giftmülldeponie gibt – in den Südstaaten der USA und von dort aus ausgehend, hat sich diese Frage nach Umweltgerechtigkeit immer stärker ausgebreitet."

Historische, gesellschaftliche, politische, vor allem aber auch naturwissenschaftliche Forschungen fließen in die Umweltgeschichte ein und machen sie besonders komplex: Sie erfordern interdisziplinäre Methoden und Zusammenarbeit mit Forschenden anderer Disziplinen.

Ein reiches Angebot an Quellen

Ihre Quellen sind schier unerschöpflich, denn neben klassischem Archivmaterial werten Umwelthistoriker und -historikerinnen vor allem Datenmaterial aus. Ihre Ergebnisse sind nicht immer eindeutig, dessen sind sich Jan-Henrik Meyer und Frank Uekötter völlig bewusst:

"Der Vorteil von geschichtswissenschaftlichen Zugängen ist, dass man auf die Komplexität, die Vielfalt, auch die Uneindeutigkeit abhebt und dass man damit zeigen kann, dass es nicht die eine Lösung gibt, sondern dass jede Energiewende zum Beispiel, die wir machen, oder jede Lösung, die wir für das Covid-Problem finden oder jede Lösung, die wir für den Klimawandel finden, Vor- und Nachteile hat: Leute, die davon profitieren, Leute, die davon nicht profitieren und die sich auch dagegen wehren werden."

"Ich glaube, man muss Umweltgeschichte immer mit einer gewissen intellektuellen Demut betreiben. Dass man weiß, es gibt Grenzen des eigenen Wissens und es gibt auch Grenzen des eigenen Verstehens, gerade wenn man mit Naturwissenschaftlern redet. Und es gibt auch Grenzen dessen, was man einfach nicht wissen kann."

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