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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.08.2016

Umstrittener Brod-NachlassExperte kritisiert Urteil zu Kafka-Manuskripten

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Der Briefumschlag vom "Mäuse-Brief" von Franz Kafka an seinen Freund Max Brod aus dem Dezember 1917 ist im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu sehen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Der Briefumschlag vom "Mäuse-Brief" von Franz Kafka an seinen Freund Max Brod aus dem Dezember 1917 ist im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu sehen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Nach einem Beschluss des Obersten Gerichtes in Israel geht der literarische Nachlass Max Brods an die Israelische Nationalbibliothek. Dieser enthält auch Briefe und Manuskripte von Franz Kafka. Der Kafka-Experte Hans-Gerd Koch hält die Entscheidung für fragwürdig.

Hans-Gerd Koch von der Kafka-Forschungsstelle der Universität Wuppertal ist Mitherausgeber der Kritischen Ausgabe der Werke Franz Kafkas, in deren Rahmen er die "Tagebücher", die "Drucke zu Lebzeiten" sowie die Briefbände ediert hat. Außerdem ist er Herausgeber der Taschenbuch-Edition von Kafkas Werken in der Fassung der Handschrift.

Die Online-Redaktion vom Deutschlandradio Kultur hat ihn zu der Entscheidung des Obersten Gerichts in Israel befragt, die Briefe und Manuskripte Kafkas an die Israelische Nationalbibliothek zu übergeben.

Deutschlandradio Kultur: Woran liegt es, dass der Prozess bzw. die Entscheidung so lange gedauert hat?

Hans-Gerd Koch: Der Prozess hat sich so lange hingezogen, weil die Erben über drei Instanzen um Max Brods literarischen Nachlass gekämpft haben. Brod hat sich für seinen Nachlass ein Archiv gewünscht, dass sich bemüht, ihn als Autor im Bewusstsein der Nachwelt zu halten. Dem fühlten sich die Erben verpflichtet, und sie sahen das Deutsche Literaturarchiv, in dem die Nachlässe vieler Freunde Brods aufbewahrt werden, als bestmöglichen Ort.

"Unrechtmäßig zurückbehalten"

Deutschlandradio Kultur: Wieso ist es wichtig, dass die Briefe jetzt in den Besitz der Israelischen Nationalbibliothek übergehen?

Koch: Wichtig fand ich stets, dass der Nachlass in einer öffentlichen Einrichtung zugänglich gemacht wird.

Deutschlandradio Kultur: Was halten Sie persönlich als Kafka-Kenner von der Entscheidung des Gerichts?

Koch: Wenn Sie mich als Kafka-Kenner ansprechen, muss ich sagen, dass ich die Entscheidung zumindest auf Kafkas Manuskripte bezogen fragwürdig finde.

Max Brod hat nach Ansicht des Gerichts zwar Kafkas Manuskripte gerettet, dann aber, als er sie nach dem Zweiten Weltkrieg den Nachfahren von Kafkas Schwestern übergab, einen großen Teil unrechtmäßig zurückbehalten. Warum diese Manuskripte jetzt aus den Züricher Safes der Brod-Erben nach Israel und in die Nationalbibliothek verbracht werden sollen, statt sie den Kafka-Erben zu übergeben, vermag ich nicht einzusehen.

Das Interview wurde geführt von Andreas Buron

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