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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.07.2017

Umgang mit Nazi-ArchitekturOlympisches Dorf wird wiederbelebt und keiner regt sich auf

Nikolaus Bernau im Gespräch Eckhard Roelcke

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Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Olympischen Dorfes, aufgenommen am 04.07.2017 in Elstal (Brandenburg). (dpa)
Auf dem Gelände des Olympischen Dorfes bei Berlin entstehen Wohnungen. (dpa)

Einst bauten hier die Nazis Unterkünfte für die Sportler der Olympischen Spiele von 1936, jetzt werden auf dem Gelände unweit Berlins Wohnungen gebaut. Das Ensemble sei eine ganz wertvolle Anlage, sagt Architekturkritiker Nikolaus Bernau. Und solle durchaus weiter genutzt werden.

Das 1934 von den Nazis erbaute Olympische Dorf an der Stadtgrenze von Berlin wird für Wohnzwecke ausgebaut. Der offizielle erste Spatenstich durch den Investor in der Brandenburger Gemeinde Wustermark ist bereits erfolgt. Aus architekturhistorischer Sicht sei das Ensemble eine ganz wertvolle Anlage, so der Architekturkritiker Nikolaus Bernau, am Montag im Deutschlandfunk Kultur.

Es sei deswegen so interessant, weil es das genaue Gegenteil vom monumentalen Olympiastadion und dem Maifeld in Berlin sei, so Bernau. "Es ist nämlich eine ganz moderne Siedlung: Die Häuser locker ins Grün gestellt, Zeilenbauten, in der Mitte ein großes Wiesenmeer, keine Blockstrukturen."

Gelände nutzen, aber auch erinnern

Die Perspektive auf Nazi-Architektur habe sich mit der Forschung seit der 1980er-Jahren völlig verändert, sagt Bernau: "Man zerstört heute nicht mehr wie damals die Tempel in München am Königsplatz. Man kann diese Sachen weiternutzen, aber man muss sich natürlich trotzdem gleichzeitig erinnern, was sie gewesen sind. Nur dann funktioniert es wirklich."

Einfamilienhäuser statt Mannschaftsunterkünfte

Das Olympische Dorf war 1934/36 von den Nazis als Sportlerquartier für bis zu 4000 Athleten gebaut worden. Nach den Spielen übernahm die Wehrmacht das Gelände, ab 1945 wurde es von den sowjetischen Truppen genutzt. Seit der Wende drohten die noch erhaltenen Gebäude zu zerfallen und wurden von einer Stiftung verwaltet.

Ein Investor plant nun Mehrfamilienhäuser und will nun an der Stelle von einigen zerstörten Mannschaftshäusern, Reihenhäuser bauen. Das sei durchaus ein Problem, gibt Bernau zu Bedenken. Weil Reihenhäuser in der Regel zweigeschossig seien, während die Mannschaftshäuser ursprünglich eingeschossig waren.

Auf die Welterbeliste?

Langfristig könne man durchaus überlegen, das Olympische Dorf zusammen mit dem Berliner und dem Münchner Olympiastadion und anderen Stadien für die Welterbeliste vorzuschlagen, so Bernau. Und zwar vor dem Hintergrund der damaligen Idee, was Sport bedeutet. "Welche immense Errungenschaft war es, dass Sport zu einem Alltagsteil wurde."

(uz)

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