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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.04.2015

Umgang mit ExtremismusDer Imam als Sozialarbeiter

Von Ludger Fittkau

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Die Koran-Auslegung ist für Islamisten eine Machtfrage (imago / Westend61)
Die Koran-Auslegung ist für Islamisten eine Machtfrage (imago / Westend61)

Moscheevereine in Deutschland stehen der Radikalisierung Gläubiger oft hilflos gegenüber. Salafisten beanspruchen für sich die buchstabengetreue Koranauslegung. Liberale Muslime im Rhein-Main-Gebiet wollen dem etwas entgegen setzen.

Ein Gewerbegebiet in der südhessischen Gemeinde Riedstadt, nicht weit von Darmstadt. Weiß gestrichene, mehrstöckige Flachbauten hinter einem  Zaun. Am geöffneten Tor zum Gelände ein Schild, darauf Schriftzüge in Arabisch und Deutsch: "Jamia Ahmadiyya Deutschland. Institut für islamische  Theologie und Sprache." Pfeile weisen den Weg zum Institut und zum Studenten-Wohnheim. Die große Eingangshalle des Hauptgebäudes wird dominiert durch ein mehrere Meter hohes Wandbild mit einem arabischen Text in der Mitte:

- "Das ist eine arabische Kalligraphie von einem Gebet aus dem heiligen Koran. Und der arabische Satz bedeutet übersetzt: O Herr, mehre mich mein Wissen!"
- "Mein Name ist Iftekar Ahmad. Ich bin Student an der Jamia Ahmadiyya Deutschland. Das ist ein Institut für Sprachen und  Theologie, also islamische Theologie. Ich bin gerade im letzten Semester."
- "Mein Name ist Jinahuddin Saif. Ich bin ursprünglich aus Hamburg. Und ich studiere auch im letzten Semester an diesem Institut."

Die beiden Studierenden der islamischen Theologie sind Hoffnungsträger für den Kampf gegen  die Radikalisierung islamischer Jugendlicher in Deutschland. Denn Iftekar Ahmad und Jinahuddin Saif werden nach einem siebenjährigen Studium im südhessischen Riedstadt in wenigen Monaten als Imame arbeiten.  Ihr genauer Einsatzort ist noch nicht klar. Doch es ist denkbar, dass sie in Hamburg, Frankfurt am Main oder Offenbach in einem der Migranten-Stadtteile arbeiten werden, in denen der Salafismus starken Zulauf von Jugendlichen hat. Die beiden angehenden Imame sind darauf vorbereitet:

"Das ist eine unserer Aufgaben, auf jeden Fall! Das wir die Berater sind für jeden Menschen. Für Jugendliche, für Senioren, für alle Menschen. Das wir einfach dafür sorgen, dass die Menschen sich wohlfühlen und ihre Religion verstehen."

Student in den bewegten 68er Zeiten

Iftekar Ahmad ist einer von rund 100 Männern, die in der privaten Ahmadiyya-Hochschule  zu Imamen ausgebildet werden. Frauen gibt es hier nicht. Die Ahmadiyya-Bewegung bezeichnet sich zwar selbst gern als Reform-Bewegung, doch dass Frauen als Imaminnen tätig werden wie in manchen liberalen Moscheevereinen, lehnt die Ahmadiyya-Bewegung ab. Man sei "liberal" aber gleichzeitig auch wertkonservativ sagt Abdullah Uwe Wagishauser, der Vorsitzende der Gemeinschaft in Deutschland. Der 65 Jahre alte Wagishauser gehörte als Student in den bewegten 68er Zeiten der "Außerparlamentarischen Opposition" – kurz APO an. Er war linker Kommunarde, bevor er in den 70er-Jahren wie so viele junge Leute nach Indien fuhr, um dort die Erleuchtung zu finden. Er fand die Ahmadiyya-Gemeinschaft.

"Die Radikalisierung von Jugendlichen im Islam in Deutschland macht uns natürlich auch Sorgen. Und ich muss sagen, es ist ja nicht nur etwas, dass uns beschäftigt, sondern allgemein wird da ja dran gearbeitet. Es hat vor kurzem im hessischen Landtag eine Anhörung gegeben, die hochkarätig besetzt war, wo wir also auch einen sehr intensiven Beitrag dazu leisten durften. Unserer Meinung nach muss die Theologie eine größere Rolle bei der Auseinandersetzung spielen. Die wird oft einfach vernachlässigt."

Das sieht auch Annika Mehmeti so, die ich in einem belebten Café in Frankfurt am Main treffe. Die 36 Jahre alte Muslimin ist für die Öffentlichkeitsarbeit des LIB verantwortlich. LIB  ist die Abkürzung für „Liberal-Islamischer Bund“.  Im Gegensatz zur „liberal-konservativen“ Ahmadiyya-Gemeinschaft, wo die Männer in der Öffentlichkeit das sagen haben, geben beim LIB Musliminnen den Ton an. Wie Annika Mehmeti. Sie kritisiert die den Umgang, den die männer-dominierten traditionellen Moschee-Vereine in Deutschland bisher mit dem radikalen Salafismus pflegten:

"Wir haben viel zu viel Zeit damit verplempert zu sagen, dass ist nicht der Islam, das hat mit dem Islam nichts zu tun. Leider Gottes hat es sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun. Man muss es anerkennen, dass diese Menschen den Islam zu interpretieren und so umdrehen für sich, dass sie das islamisch legitimieren können. Es hat nichts mit meinem Islam zu tun, aber es hat was mit dem Islam zu tun."

Wenn gemäßigte Moscheevereine etwas gegen die Radikalisierung von Jugendlichen tun wollen, müssen sie Jugendarbeit anbieten, fordert Annika Mehmeti. Hier sieht sie bundesweit ein großes Defizit, dass sich die Salafisten zu Nutze machen:

"Der große Sprung in den Moscheegemeinden ist ja der zwischen der Kinderarbeit, also Koranschule etc. und dann wieder die Erwachsenenarbeit. Aber die wirkliche Jugendarbeit, also von Jugendlichen für Jugendliche, dass Jugendliche in ihrer gewohnten Umgebung aufgefangen werden von anderen, die dann sagen: Hey, sage mal: Was erzählst du denn da? Bist du dir sicher? Wir sind zusammen aufgewachsen, ich sehe das ganz anders. Ich habe doch auch christliche oder jüdische Freunde. Da muss wirklich dran gearbeitet werden, an der richtigen Jugendarbeit. In den christlichen Gemeinden gibt es ja den Konfirmantenunterricht, in einer ganz, ganz kritischen Zeit."

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.  - kurz DITIB- vereint bundesweit knapp 900 Moscheen.  Die eng mit dem türkischen Staat verbundene DITIB ist damit hierzulande der größte Verband islamischer Gemeinden. Jugendarbeit mache man schon in gewissem Umfang. Sagt Hakan Akbulut, der der DITIB-Moschee in Wächtersbach östlich von Frankfurt am Main leitet:

"Jugendarbeit haben wir hier schon. Wir haben hier Koranunterricht. Samstags und sonntags. Ab sieben Jahren. Wenn die Kinder mit der Schuler anfangen, geben wir hier Koranunterricht. Das ist für die Kinder. Und in der Jugendarbeit gibt es ein Jugendzimmer´, das auch von den Jugendlichen betrieben wird. Und die sind auch meistens ab Freitag, auch unter der Woche, aber meistens freitags, samstags und sonntags sind die hier in der Moschee. Wir setzen uns auch mit denen zusammen hin und diskutieren über Themen. Und unser Iman gibt denen auch Unterricht, unser Vorbeter."

Nach dem tödlichen Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" habe man überdies für die Jugendlichen eine Diskussionsveranstaltung mit Lokalpolitikern in der Moschee organisiert, so Hakan Akbulut:

"Bei dem letzten Fall, der in Frankreich passiert ist, der Terroranschlag.  Da war unser Landrat dabei, der Bürgermeister war hier. Da haben wir uns auch mit den Jugendlichen zusammengesetzt und mit dem Bürgermeister und haben darüber gesprochen.

Noch hat der Liberal-Islamische Bund keine eigenen Gemeinderäume in der Main-Metropole. Deswegen verabredet man sich bisher in Cafés.  Doch demnächst wird es in der Frankfurter City einen eigenen festen Treffpunkt für die Gemeinde geben, die auch schon in Köln verankert ist.

"Liberaler Islam bedeutet für mich, dass ich meinen Glauben so leben darf, wie ich ihn verstehe. Nicht nur aufgrund meiner Prägung, sondern dass ich das hinterfragen darf."

Gemischte Gebete - die absolute Ausnahme

Sagt die Deutsch-Marokkanerin Fatima. Ihren Nachnamen will sie  nicht nennen, um ihre Kinder zu schützen, sagt sie. Einzelne Mitglieder des Liberal-Islamischen Bundes sind von  Salafisten attackiert worden.  Auch die Konvertitin Agnes, die  neben Fatima sitzt, bleibt beim Vornamen. Ihr ist es  wichtig, dass bekannter wird, dass es neben rund 50 konservativen Moscheevereinen in Frankfurt am Main eben auch Angebote für liberale Muslime gibt: wo Männer und Frauen gemischt beten, wo auch eine Frau Vorbeterin sein kann. Wie eben in der Frankfurter Gemeinde des Liberal-Islamischen Bundes:

"Es wird auch in den Medien sehr viel nur über diesen patriarchalen Islam berichtet. Dass es uns gibt, kam jetzt erst auf. Auch andere, die sich hier in Frankfurt schon versucht hatten, hatten wohl einen so schweren Stand, dass es nicht präsent wurde."

Nach dem gemeinsamen Gebet werden Themen wie die Gleichberechtigung von Frauen diskutiert:

"Dass Frauen ein gemischtes Gebet leiten, dass Männer hinter einer Frau beten, das ist schon was sehr besonderes. Da gibt es vielleicht ein Dutzend weltweit, die das machen. Und in Deutschland sind es meines Wissens nur zwei, die gemischte Gebete leiten. Und bei uns ist eben auch das Angebot, dass man gemischt betet, bei uns gibt es eben keine Geschlechtertrennung beim Gebet.

Auf dem Gelände der privaten Ahmadiyya-Hochschule im südhessischen Riedstadt wäre so etwas undenkbar. Hier sind die Männer weitgehend unter sich. Obwohl Abdullah Uwe Wagishauser  gerne von einer „Reformgemeinde“ spricht, die er in Deutschland leitet.

Vorbeterinnen -  geht aus vielen praktischen Gründen nicht. Ich weiß nicht, ob sie so ein Gebet schon mal erlebt haben, das ist eine sehr körperbetonte Angelegenheit. Also viele Frauen sagen einfach: In ihrer Haltung, wenn sie mit der Stirn auf dem Boden liegen möchten sie nicht, dass Männer die sie nicht kennen, hinter ihnen sind. Da gibt es viele Situationen, wo einfach ein gemischtes Gebet nicht statthaft ist.

Einfach, weil man sich dann nicht auf das Spirituelle, auf Gott konzentrieren kann, weil viele Menschen durch diese körperliche Berührung so sehr abgelenkt würden. Also, es gibt bestimmte spirituelle Gründe, dass es keine Vermischung der Geschlechter in solchen Situationen gibt.

Die Haltungen der Ahmadiyya-Gemeinde und des liberal-islamischen Bundes zum Geschlechterverhältnis beim Gebet könnten kaum unterschiedlicher sein. Dennoch lässt  Ahmadiyya Frauen für den Religionsunterricht an staatlichen Schulen zu.  Sie sollen dort Aufklärung zu betreiben und für friedliebende Varianten des Islam zu werben. Die Ahmadiyya-Gemeinschaft ist vom Land Hessen damit beauftragt, Religionslehrer zu prüfen, die an der Universität Gießen ausgebildet wurden.

Ahmadiyya-Dozent Tariq Hübsch erhebt in der Theologenausbildung der Ahmadiyya-Gemeinschaft am eigenen Institut in Riedstadt den Anspruch, dass die angehenden Imame fundierte Kenntnisse der europäischen Religionsgeschichte erwerben, die sie dann später in der Moschee oder im Religionsunterricht weitergeben können:

Da geht es ja genau darum, dass die Studenten in der Lage sein sollen, das ganze System zu verstehen. Den ganzen kulturellen Hintergrund. Die Säkularisierung, die Aufklärung. Und wenn man dann in der Lage ist, zu differenzieren zwischen den verschiedenen Traditionen, dann hat man natürlich ein viel besseres Fundament, um auf die Vielschichtigkeit und Komplexität der gesamten Situation einzuwirken.

Profundes religionsgeschichtliches Wissen und Kritikfähigkeit als Voraussetzung für einen toleranten Islam. Dazu gehöre auch, dass das Gottesverständnis im Islam offen und angstfrei diskutiert werden könne, fordert LIB-Sprecherin Annika Mehmeti:

Es geht aber auch um das Gottesverständnis. Also was habe ich für ein Verständnis von Gott? Darf ich Gott auch mal hinterfragen, gerade in der Jugend. Stichwort Hörigkeit. Kann ich auch mal kritische Fragen stellen, kann ich mich auch mal ärgern. Oder muss ich immer alles unter dem Angstaspekt, der Ehrfurcht vor Gott sehen? Natürlich ist das ein wichtiger Aspekt, die Ehrfurcht vor Gott, aber die Urtexte und die historische Einordnung das muss in den Moscheegemeinden mehr über die historische Einordnung der Texte passieren, damit man auch versteht, wann und welcher Vers herabgesandt wurde. Das ist glaube ich ganz wichtig und ich bin mir nicht sicher, ob das so stattfindet.

Das Gottesverständnis in Frage stellen dürfen. Das sei auch wichtig um zu zeigen, dass ein furchteinflößender und patriarchaler Gott, wie ihn die Salafisten propagieren, nicht das einzige Gottesbild ist, das im Islam denkbar ist:

Genauso wie ich meinen Eltern hörig bin, muss ich auch meinem Gott hörig sein. Ich habe Angst vor meinen Eltern, ich muss Angst vor meinem Gott haben. Und da passiert schon was, aber das muss ausgebaut werden. Und auch innerhalb der Moscheegemeinden muss da was passieren.

Und eben auch im Religionsunterricht. Annika Mehmeti fordert dort die intensive Auseinandersetzung mit islamischen Texten und Quellen. Wie das Christum inzwischen eine historisch-kritische  Bibellektüre kenne und die Heilige Schrift in den Kontext ihrer Zeit stelle, müsse dies auch der Islam mit seinen Schriften tun. Man könne einfach nicht alles, was im 7. Jahrhundert  den Alltag prägte auf heute übertragen, wie es die Salafisten wollen:

"Stichwort Sklaverei. Es gibt eindeutige Stellen für die Sklaverei auch in den Urtexten, aber es war hat damals. Wir können jetzt nicht die Welt von damals wieder auferwecken lassen. Das will glaube ich auch keiner außer den Salafisten."

Man darf die Jugendlichen nicht verlieren

Doch neben der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen theologischen Perspektiven im Islam soll der Religionsunterricht an den Schulen auch das liefern, was die Moscheevereine bis jetzt in der Mehrzahl noch nicht schaffen. Die Schule soll ethische Orientierung für Jugendliche bieten, die in einer sich stark wandelnden Zeit leben. Annika Mehmeti:

"Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man die Jugendlichen nicht verliert und das man sie selber zum Nachdenken und auch zum Nachlesen bringt.  Weil wir haben es ja erlebt, dass es meistens einzelne Prediger sind, die die Jugendlichen dann so infiltrieren können. Ich glaube, das ist wichtig, dass man die hält in der Gemeinschaft, dass man die auffängt und den Problemen auf den Grund geht."

So unterschiedlich der liberal-islamische Bund und die „liberal-konservative“ Ahamadiyya-Gemeinschaft sind -  an diesem Punkt sind sie sich einig. Die meisten Moscheevereine in Deutschland sind aus ihrer Sicht bisher mit dem Problem des Salafismus falsch umgegangen.

Annika Mehmeti vom LIB betont im Gespräch mehrmals, wie wichtig aus ihrer Sicht ist, dass gemäßigte Gemeinden anfangen, Jugendarbeit zu betreiben. In den Jugendgruppen sollen die Alltagsprobleme der jungen Muslime zur Sprache kommen:

"Fragen  über Sexualität, Freundschaften, Sinnfindung, Identitätsbildung. Politische Sachen, die man hört, von denen man keine Ahnung hat. Findet das in den Moscheegemeinden statt? Wird mir Weltpolitik erklärt oder aktuelle Politik, die ich in den Nachrichten sehe? Gibt es das? Wird über kritische Themen gesprochen wie den Gaza-Konflikt oder wird da nur Position bezogen? Das sind nur so einige Beispiele, da müssen wir hin."

Die liberale Muslimin kritisiert, dass die meisten Moscheevereine bisher kaum Angebote für Jugendliche in der Pubertät machen:

"Gerade weil wir das in der Praxis ganz oft erzählt bekommen, dass die Kinder oder junge Erwachsene, so möchten sie ja genannt werden, sonst mit ihren Fragen ganz alleine sind. Und das können wir auch von ethischer oder theologischer Seite her nicht verantworten. Weil sie sich dann falsche Vorbilder suchen. Wenn man sie nicht auch in diesem Abschnitt begleitet, also zwischen 13 und 14, wenn die nicht mehr nur Fußball spielen wollen und 20 oder 25, wenn sie dann studieren gehen und heiraten. Also da ist wirklich Handlungsbedarf."

Handlungsbedarf sieht Mehmeti nicht nur für männliche Jugendliche sondern genauso für muslimische Mädchen:

"Das muss passieren. Es ist auch nicht mehr die Realität, dass man Frauen oder junge Mädchen nur darauf reduzieren kann, dass sie dann irgendwann heiraten und dann still das machen, was Papa oder Bruder sagt. Das gibt es, das ist ein Problem. Und das muss eben auch in den Moscheen angesprochen werden. Es muss auch Kritik möglich sein, an den patriarchalischen Strukturen. Und das glaube ich, passiert nicht."

Sieben Jahre lang dauert die Ausbildung, die die rund 100 Studierende an der privaten theologischen Ahmadiyya-Hochschule im südhessischen Riedstadt bekommen. Für Frauen gibt es eine solche Ausbildung nicht. Demnächst will Ahmadiyya  eine dreijährige Kurzausbildung für junge Frauen anbieten, die sich für Theologie interessieren. Die kürzere Studienzeit begründet die Gemeinschaft damit, dass Frauen ja mehr

„Familienaufgaben“ hätten als Männer. Doch der nach der Studentenrevolte religiös gewordene „Apo-Opa“ Abdullah Uwe Wagishauser nennt in Riedstadt zumindest eine Frau, auf die er hören will- auf die Bundeskanzlerin nämlich:

"Frau Merkel hat ja vor kurzem gesagt, nicht nur, dass der Islam zu Deutschland gehört und dass die Muslime zum größten Teil friedfertig sind, sie hat auch gesagt, dass sie erwartet, dass die islamischen Theologen klären, warum der Islam und die Quellen so missbraucht werden können. Und da meine ich müssen rechtschaffende, gottesfürchtige und vor allem auch demokratische Muslime die Deutungshoheit gewinnen und einfach klar machen, dass der Islam keine Gewalt lehrt."

Tariq Hübsch unterrichtet deutsche Kulturgeschichte an der privaten theologischen Hochschule von Ahmaddiyya im südhessischen Riedstadt. Viele der angehenden Imame, die Tariq Hübsch ausbildet, kommen aus Vierteln in Frankfurt am Main oder Offenbach, wo der Salafismus Zulauf hat:

"Ich glaube, der Salafismus hat deswegen auch gewisse Zulaufzahlen, weil die jungen Muslime sich marginalisiert fühlen. Und sich dann da anschließen und dann wird eine riesengroße Trennung aufgemacht zwischen Westen auf den einen Seite und Islam auf der anderen Seite."

Damit schaffe der Salafismus neue religiöse Fronten – auch mitten in Deutschland, so Tariq Hübsch.

Der Salafismus pflege einen Gedanken, der für Unfrieden sorgt, glaubt auch Annika Mehmeti vom Liberal-Islamischen Bund. Denn er. Den Gedanken nämlich, dass besonders fromme und textgläubige Muslime bessere Menschen seien als diejenigen, die im Alltag ihre Religion weniger streng leben. Dieser sozial gefährlichen Besserwisserei der religiösen Eiferer müsse man den Gedanken des Grundgesetzes entgegensetzen, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, so Annika Mehmeti:

"Dass ich für alle Menschen dieses Mitgefühl empfinde und nicht nur für Muslime, die irgendwo auf der Welt natürlich auch unterdrückt werden oder ungerecht behandelt werden. Aber das Weltbild oder das Menschenbild muss universell sind. Das alle Menschen gleich sind. Und nicht nur bestimmte Menschen aufgrund ihres Glaubens. Ich glaube, da müssen wir echt hinkommen."

Die salafistischen Prediger propagieren das Gegenteil, kritisiert Mehmeti. Sie punkten bei den Jugendlichen damit, dass sie viele arabische Floskeln in ihre deutschsprachigen Predigten einbauen – auch im Internet. Damit werde theologische Gelehrsamkeit suggeriert:

"Es wird suggeriert, dass sie mehr über den Koran wissen. Es wird suggeriert, dass sie arabisch sprechen, aber das ist auch ein Code. Wenn man hört, wie sie miteinander sprechen, manchmal kann man ja schlecht noch ein deutsches Wort da raushören. Es geht immer nur um Alhamdulliah…"

--was so viel bedeutet wie „Alles Lob gebührt Allah“…

"…und die ganze Zeit wirklich nur Begriffe und somit eröffnen sie das Gemeinschaftsgefühl. Und wenn ich in die Gruppe komme, dann werden diese Begriffe benutzt und dann weiß ich ganz genau, jetzt bin ich wie zuhause."

Die salafistische Gruppe werde zum Familienersatz, glaubt Annika Mehmeti:

"Aber man muss halt auch sagen, dass die das ganz schlau machen und die Jugendlichen da abholen, wo sie sich befinden. Die merken vielleicht, einer ist unzufrieden, unglücklich. Hat den Job verloren, hat schon die zehnte Bewerbungsabsage bekommen. Und dann kommt dann einer, der flüstert dir dann ein. Bei uns biste aber endlich wer und komme zu uns, dann kriegst du eine Familie. Deswegen sind auch später viele bereit, die Familie zu verlassen, weil sie eine Ersatzfamilie bekommen."

Toleranz auch gegenüber Schwulen

Fatima ist bereits 2010 zum LIB gekommen. Damals war sie auf der Suche nach islamischem Religionsunterricht für ihre Tochter – jenseits des Angebots in den traditionellen Moscheegemeinden. Jetzt hilft sie mit, ein eigenes, liberales Angebot zu schaffen.  Wer zur Gemeinde des Liberal-Islamischen Bundes stoßen möchte, müsste ein paar Bedingungen erfüllen, sagt die Deutsch-Marokkanerin:

Er müsste auf jeden Fall einen offenen Charakter haben und für alle Strömungen im Islam offen sein und eben eine große Toleranz mitbringen.

Toleranz auch gegenüber Schwulen und Lesben, ergänzt Annika Mehmeti:

"Es geht uns darum, dass man den Leuten sagt: Ihr steht vor Gott in der Eigenverantwortung, aber nicht vor uns.  Also seid ihr willkommen, Ihr könnt mit uns zusammen beten, Ihr könnt am Gemeindeleben teilnehmen. Und es ist auch ganz wichtig, dass es sie gibt, Homosexuelle im Islam. Und dass man das nicht versucht, solche Leute aus dem Gemeindeleben auszuschließen, sondern das man sie auch willkommen heißt."

Die Erziehung zur religiösen Toleranz müsse eigentlich schon im Kindergarten beginnen, wenn man Salafismus-Prävention ernst nehmen will, glaubt LIB-Sprecherin Annika Mehmeti. Der liberal-islamische Bund wird mehr zur Anlaufstelle für Muslime, für die traditionelle Moscheevereine zu wenig Antworten auf die Fragen haben, die der Salafismus aufwirft:

"Und ich glaube, das ist auch ein wichtiges Mittel zur Prävention von Radikalität, das man kritische  Fragen stellen kann. Und auch gezeigt wird, es gibt nicht nur einen Islam. Und auch gezeigt wird, der Islam ist vielfältig. Es gibt einen islamischen Pluralismus. Auch innerhalb der Gemeinden. Es gibt die Ahmadiyya, es gibt die Liberalen. Es gibt die ganz Konservativen. Und trotzdem sind das alles Muslime und keiner ist besser als der andere. Das können wir nicht entscheiden, das entscheidet Gott."

Es sind die letzten Monate, die Iftekar Ahamd und Jinahuddin Saif auf dem Gelände ihrer theologischen Ausbildungsstätte im Riedstädter Gewerbegebiet verbringen. Sie wissen, dass sie sich in ihren künftigen Gemeinden dem Problem des Salafismus stellen müssen. Die beiden angehenden Imane glauben, die seelischen Konflikte zu kennen, in denen viele junge Muslime in Deutschland stecken:

"Man war ja selbst auch ein Jugendlicher, der in dieser Gesellschaft aufgewachsen ist und die Probleme in Deutschland kennt. Sowohl von der Seite her, dass man als jemand, der aus dem Ausland kommt hier aufwächst. Als jemand, der eine andere Religion hat und wie man damit umzugehen hat. Und wie man die Probleme, die aufkommen bewältigen kann."

Ein Imam ist ja sozusagen auch ein Sozialarbeiter. Der sich mit den Problemen der verschiedenen Schichten beschäftigt, wozu auch Jugendliche gehören.

Auf  Iftekar Ahmad und  Jinahuddin Saif kommt also eine Menge Arbeit zu, wenn sie demnächst ihre ersten Stellen als Imame antreten.  Ob in Hamburg oder im Rhein-Main-Gebiet: Sie sind entschlossen, auch die Herausforderung des Salafismus anzunehmen:

"Das ist eine unserer Hauptaufgaben. Das wir die Ansprechpartner sind, wenn es um Religion geht. Das wir den Menschen den wahren Islam vermitteln. Und das der wahre Islam  nichts anderes bedeutet als Frieden."

"Eines ist ganz klar: Wir sind strikt gegen jede Gewalt. Die hat bei uns nichts zu suchen!"

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