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Interview | Beitrag vom 19.05.2020

Umfrage der Körber-StiftungDie USA verlieren in der Coronakrise massiv an Ansehen

James W. Davis im Gespräch mit Dieter Kassel

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Donald Trump spricht zu Reportern während einer chaotischen Pressekonferenz im White House, 7. April 2020 in Washington, DC, USA. (Getty/Chip Somodevilla)
Die Trump-Administration zeichnete sich bisher durch chaotisches Krisenmanagement in Sachen Corona aus. (Getty/Chip Somodevilla)

Ein Land, das es nicht einmal schafft, die Bevölkerung auf Corona zu testen: So taugen die USA nicht mehr als Vorbild für die Welt. "Der Glanz ist weg", sagt der Politologe James W. Davis mit Blick auf aktuelle Umfragen, die diesen Ansehensverlust zeigen.

Das transatlantische Verhältnis bröckelt: Mittlerweile sind 36 Prozent der Deutschen der Auffassung, Deutschland sollte eine engere Beziehung zu China als zu den USA haben, wie eine repräsentative Befragung des Instituts Kantar Public im Auftrag der Körber-Stiftung jetzt ergeben hat. Etwa genauso viele Befragte (37 Prozent) wünschen sich, dass das Verhältnis zu den USA enger ist als zu China.

Das Meinungsbild hat sich seit der letzten Befragung im September 2019 deutlich verändert: Damals sah noch jeder Zweite Deutschlands Beziehungen zu den USA als wichtiger an - und nur 24 Prozent die zu China.

Li Zhanshu (National People's Congress) zeigt Angela Merkel bei einem Besuch in Beijing 6. September 2019, China. (Getty/AsiaPac/Andrea Verdelli/)Mehr und mehr Deutsche wünschen sich ein besseres Verhältnis zu China, zeigt die Umfrage der Körber-Stiftung. (Getty/AsiaPac/Andrea Verdelli/)

Vor allem der Umgang mit der Coronakrise haben die USA offenbar Ansehen gekostet: So gaben 73 Prozent der Befragten an, ihre Meinung über die Vereinigten Staaten habe sich dadurch verschlechtert.

James W. Davis, Professor für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen, findet das Ergebnis der Befragung nicht überraschend: "Ich würde sagen, der Glanz ist weg."

Aus "America first" wird "America last"

Dass die Coronakrise dem Image der USA mehr Schaden zugefügt hat als etwa Trumps Drohungen mit Handelskrieg, erklärt Davis damit, dass das Land nicht mehr als Vorbild wahrgenommen werde. "Die Amerikaner haben einen Mann auf den Mond gebracht und heil wieder zurück und können jetzt nicht einmal Coronatests an ihre Bevölkerung liefern", sagt er. "Das zeigt schon, dass im Land etwas nicht richtig ist." Und das spürten die Deutschen - wie im Übrigen auch viele Amerikaner. "Man hat es schwer, eine Führungsrolle wahrzunehmen, wenn man eigentlich nicht führen kann."

Davis glaubt aber nicht, dass der Ansehensverlust Präsident Trump und dessen Team interessiert: "Wir haben es jetzt mit dieser Politik 'America first' zu tun und - wie ich immer wieder sage - am Ende heißt das 'America last', weil auch Amerika nur im Verbund mit anderen gesund und erfolgreich bleiben kann."

Inzwischen hätten allerdings auch viele in den USA erkannt, dass das Land nicht von einem Handelskrieg profitieren könne: "Das verstehen die Leute in der Industrie, das verstehen inzwischen auch die Farmer im Mittleren Westen, die jetzt auf ihren Produkten sitzenbleiben. Diese Politik, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, zeigt sich als eine verfehlte Politik."

(uko)

Die Befragung ist Teil einer Sonderausgabe der außenpolitischen Publikation "The Berlin Pulse. German Foreign Policy in times of COVID-19" der Körber-Stiftung, die am 18.5.2020 erschienen ist. Seit 2014 veröffentlicht die Körber-Stiftung jährlich eine Umfrage zur Haltung der Deutschen zu den Herausforderungen für deutsche Außenpolitik und internationale Zusammenarbeit. Publikation und Ergebnisse der Befragung lassen sich hier als pdf herunterladen. 
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