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Studio 9 | Beitrag vom 20.08.2019

Ulrike Lorenz über die Klassik Stiftung Weimar"Die 'Drecksarbeit des Denkens' nimmt uns keiner ab"

Von Henry Bernhard

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Ulrike Lorenz, neue Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, im roten Jacket mit verschränkten Armen. (picture alliance/Michael Reichel/dpa)
Ulrike Lorenz, neue Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, hat ihre Pläne vorgestellt. (picture alliance/Michael Reichel/dpa)

Ulrike Lorenz ist die neue Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar. In ihrer Amtszeit will sie vieles anderes machen. Die Institution soll "lebendiger und quirliger" werden und die Wünsche des Publikums im Vordergrund stehen.

"Ich liebe die Medien und schätze die Arbeit der vielfältigen Journalistinnen und Journalisten." Ulrike Lorenz ist eine Kommunikatorin. Dies machte sie gleich in ihren ersten, umarmenden Worten zur Vorstellung der Kerngedanken ihrer Präsidentschaft der Klassik Stiftung Weimar deutlich.

Und sie legte nach. Sie möchte die behäbige Institution, die sich seit Jahren mit Goethe und Schiller und vielem anderen beschäftigt, "lebendiger und quirliger" machen. Diese Adjektive hat wohl bislang niemand mit der Klassik Stiftung in Verbindung gebracht. Lorenz Auftreten aber lässt zumindest die Hoffnung darauf nicht völlig utopisch erscheinen. Denn sie, die zuvor der Kunsthalle Mannheim zu neuem Glanz verholfen hat, war die erste Wahl für Weimar, wie der Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff bestätigte:

"Wenn du so was wie die Kunsthalle Mannheim gemacht hast, dann bleibt auch nicht mehr viel im kulturellen Betrieb in Deutschland. Da kannst du eigentlich nur noch Klassik Stiftung machen. Also, die nächste Station kann nur die Klassik Stiftung sein; wenn sie da 'nein' sagt, dann will sie gar nichts mehr machen."

Neuer Plan für Schloss und Goethehaus

Ulrike Lorenz nahm die Lorbeeren auf und zeigte sich durchaus schon dem Weimarer Selbstbild verpflichtet: "Wir sind im Grunde genommen im Kleinen, im Mikrokosmos, die Abbildung der Welt."

Lorenz übernimmt das Amt von Hellmut Seemann, der in Weimar viel geleistet hat, bei dem aber auch Wichtiges liegen geblieben ist. Namentlich das Schloss, dessen Sanierung abgeschlossen sein sollte, nun aber erst beginnt, mit der Aussicht, dass das zur Verfügung stehende Geld, 40 Millionen Euro, nicht einmal für die Hälfte des Schlosses ausreicht. Hier will die neue Präsidentin noch einmal innehalten, nach Partnern, nach Mäzenen und nach einer Vision für die Mitte des "Kosmos Weimar" suchen.

"Ich glaube aber auch, wenn man zehn Jahre über was nachdenkt, können sich leichte Verspannungen einstellen und es ist vielleicht ganz gut, wenn ich jetzt von außen komme und frage: 'Was habt ihr euch denn dabei gedacht? Hier fehlt doch noch was!' Und hier fehlen uns vielleicht doch noch ein paar Widersprüche drin. Das ist schon auch eine Denksportaufgabe. Die wollen wir an unser Publikum weitergeben. Da wird es mit Sicherheit auch neue Gedanken geben. Aber wir müssen sie erst mal denken", sagt Lorenz.

Am Ende soll ein neuer, realisierbarer Masterplan stehen. Auch die Pläne für die Sanierung des Goethehauses sollen noch einmal überdacht werden. Nicht, weil die alten schlecht wären, sondern weil Lorenz den Besuchern, den Steuerzahlern etwas bieten will, was über die Selbstbeschäftigung einer Großinstitution wie der Klassik Stiftung hinausgeht:

"Es fehlt sozusagen aus meiner Außensicht tatsächlich so dieses lustvolle Nach-Außen-Kommunizieren. Und das hat möglicherweise was mit einer eher im Inneren verankerten Orientierung zu tun, die man jetzt einfach aufbrechen muss. Ich habe das gerade im British Museum erlebt, wie jeder an seiner Stelle sich zuerst fragt: Was hat das Publikum vom Ergebnis meiner Arbeit? Ich denke, das können wir auch."

Digitale Strategie wird Chefsache

Man traut es der kleinen, auf keinen Fall aber unauffälligen, Frau zu, den Tanker Klassik Stiftung flotter und agiler zu machen. Dafür sucht sie auch nach Partnern außerhalb. Sie will neben dem wissenschaftlichen Beirat ein Advisory Board einrichten, der national und international zusätzliches Geld beschaffen soll. Sie will überhaupt stärker international agieren, unter anderem eine Wanderausstellung um die Welt schicken, die für die Klassik Stiftung wirbt. Die digitale Strategie soll Lorenz Chefsache werden. Der Janusköpfigkeit der Moderne, die zwischen Goethe, Bauhaus und Buchenwald aufscheint, will sie nicht ausweichen, sondern begegnen.

"Es ist dieser fast unvorstellbare, undenkbare Widerspruch zwischen Humanität und Bestialität. Und wir müssen begreifen, dass diese Barbarei auf dieser Tradition fußt. Das Thema ist groß genug, auch für die Welt; daran kann man sich abarbeiten", so Lorenz.

Mit Vergangenheit Gegenwart erklären

Am Ende sieht sie die Aufgabe der Klassik Stiftung Weimar darin, aus der Vergangenheit heraus die Gegenwart zu erklären, als auch politisch denkender Think Tank Orientierung zu geben, eine deutsche Identität jenseits der Homogenität zu definieren.

"Es gibt existenzielle Grundlagen, über die eben auch schon Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Nietzsche und Gropius nachgedacht haben. Das hilft uns, ist aber eine Ausgangsbasis. Wir müssen uns schon unsere eigenen Gedanken machen. Die 'Drecksarbeit des Denkens', wie das mal ein Kunsthistoriker-Kollege gesagt hat, die nimmt uns keiner ab."


Die Kraft des Erbes nutzen
Aus dem Erbe der Klassik Stiftung möchte die neue Präsidentin Kraft ziehen und Orientierung finden für die Existenzfragen, die heute alle beschäftigen. Als große Themen nannte Lorenz: Demokratie, Klimawandel, Digitalisierung und Globalisierung. Dafür sei eine Modernisierung der Klassik Stiftung nötig, wie sie im Interview in unserer Sendung "Fazit" darlegte.

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