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Buchkritik | Beitrag vom 28.12.2018

Ulrich Schnabel: "Zuversicht"Das richtige Maß der Hoffnung

Von Susanne Billig

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Das Cover des Buches "Zuversicht" von Ulrich Schnabel (Cover: Blessing Verlag/dpa, Hintergrund: Kees Streefkerk/Unsplash)
Das Cover des Buches "Zuversicht" von Ulrich Schnabel. (Cover: Blessing Verlag/dpa, Hintergrund: Kees Streefkerk/Unsplash)

Zuversicht unterscheidet sich von plattem Optimismus, wie Ulrich Schnabel in seinem neuen Buch herausarbeitet. Die Lektüre ist griffig, wenn auch stellenweise etwas seicht- Dafür finden sich einige nützliche Ratschläge.

Wir brauchen einen positiven Blick auf die Zukunft, betont Ulrich Schnabel in seinem neuen Buch "Zuversicht" – und begründet das auch: Die Komplexität der gegenwärtigen Gesellschaft mache es unmöglich, zukünftige Entwicklungen auch nur annähernd realistisch vorauszusagen. Soll sich diese Zukunft also einigermaßen positiv für Mensch und Welt ereignen, hängt der Weg dahin stark davon ab, wie Menschen heute handeln, welche Weichen sie stellen – und ob sie dabei eine positive Utopie entwickeln können, "eine Zukunftsvorstellung, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt".

Gelassenheit und innere Freiheit

Vor dem Hintergrund dieser Dringlichkeit setzt sich Ulrich Schnabel in seinem Buch umfassend mit der Zuversicht auseinander. Er grenzt sie mit ihrer klugen Balance und ihren leisen Molltönen gegen den grelleren und platteren Optimismus ab, setzt sich mit Gelassenheit und innerer Freiheit auseinander, Grundbedingungen der Zuversicht, und skizziert das Unglück, das die Abhängigkeit von äußeren Lebensumständen mit sich bringt. Er fragt nach dem richtigen Maß der Hoffnung, die auch naiv und zu viel sein kann, beschreibt ihren positiven Einfluss auf die seelische und körperliche Gesundheit, zeigt anhand des jugendlichen Optimismus, wieviel Kreativität ein positives Zukunftsbild freisetzen kann, und erörtert kritisch die Idee des sozialen Erfolgs und Statusaufstiegs im Vergleich zu innerlich motivierten idealistischen Lebensentwürfen.

Nah an seichtem Gelände

Ulrich Schnabel formuliert klar und publikumsfreundlich – überschaubare Sätze, deutliche Statements und immer wieder kurze Biografien von Menschen, die in erstaunlicher Weise in verzweifelten Lebenslagen Hoffnung aufrecht erhielten, indem sie trotz schwerer Krankheit weltberühmte Forscher wurden oder Wälder aussäten, wo andere nur unfruchtbaren Wüstensand erkennen konnten. Alles das macht die Lektüre griffig und süffig, führt jedoch an einigen Stellen auch bedenklich nah an seichtes Gelände. Einige Einschätzungen des Autors hätte man gern von soliden Studien unterfüttert gelesen. Auch einem souverän schreibenden Essayisten ist es eben nicht freigestellt zu entscheiden, ob die hohen Burnoutraten in unserer Gesellschaft mit mangelnder Gelassenheit zu tun haben, wie der Autor nahelegt, oder mit sehr realen verschlechterten Arbeitsbedingungen etwa in der Gesundheits- und Dienstleistungbranche. An anderen Stellen entgeht der Autor der Versuchung der allzu flotten Feder und sichert seine Interpretationen wissenschaftlich solide ab, was dem Text nichts von seiner guten Lesbarkeit nimmt – im Gegenteil.

Ratschläge als Höhepunkt

Ein Highlight des Buches sind die vielen konkreten und psychologisch gut recherchierten, tragfähigen Ratschläge, die es anbietet, etwa im Schlusskapitel ein "Erste-Hilfe-Programm für Fälle akuter Hoffnungslosigkeit". Erholung, Bewegung, Horizonterweiterung, lebendige Freundschaften statt Smartphone-Gestarre und die Akzeptanz unvermeidlicher Transformationen im Leben – man hat es schon einmal gehört, aber es macht Freude, auf so intelligente Weise daran erinnert zu werden.

Ulrich Schnabel: Zuversicht – Die Kraft der inneren Freiheit und warum sie heute wichtiger ist denn je
Blessing Verlag, München 2018
256 Seiten, 22 Euro.

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