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Tonart | Beitrag vom 16.05.2019

Ulrich Rademacher über Musikschulen"Wir haben einen unglaublichen Lehrermangel"

Moderation: Carsten Beyer

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Ein Teenager spielt Querflöte. (imago)
"Wir möchten gern, dass Musikschulen Lieblingsorte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind", sagt Ulrich Rademacher, Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Musikschulen. (imago)

Für allgemeinbildende Schulen werden zu wenig Musikpädagogen ausgebildet, kritisiert Ulrich Rademacher vom Verband deutscher Musikschulen. Der Fokus werde zu sehr auf Lehrer und Lehrerinnen mit sogenannten MINT-Fächern gelegt.

Carsten Beyer: "Musik teilen – Menschen gewinnen" das ist das Motto des Musikschulkongresses in diesem Jahr. Der findet zum 25. Mal statt, wird organisiert vom Verband deutscher Musikschulen und trifft sich an diesem Wochenende in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz. Vorher ist der Bundesvorsitzende des Verbandes zu uns ins Studio gekommen, Professor Ulrich Rademacher, um ein bisschen über die Themen bei diesem Kongress zu reden.

Bisher hieß es ja immer: Musik verbindet, jetzt "Musik teilen – Menschen gewinnen". Ist das so eine Anspielung auf den Jargon der sozialen Netzwerke oder wie ist das zu verstehen?

Rademacher: Ja, das spielt sicher mit, das Share. Aber "Musik teilen – Menschen gewinnen" hat mehrere Dimensionen und hat meine Fantasie ungemein angeregt. Wenn wir unsere Musik teilen, wir Musikschulen, dann gewinnen wir damit Menschen, die sich zugehörig fühlen. Wir teilen nicht unsere Musik, sondern damit auch unsere Heimat, unsere Zugehörigkeit, unsere Fantasie, unsere Emotionen, aber die Menschen, mit denen wir die Musik geteilt haben, die gewinnen auch. Also Menschen gewinnen, ist nicht nur das, was wir tun, sondern was denen geschenkt wird, die wir gewonnen haben.

Beyer: Trotzdem ist ja das Musizieren doch immer noch eine elementar analoge Tätigkeit, also am Üben, an der täglichen Praxis führt bis heute kein Weg vorbei. Wie sieht das mit der Digitalisierung dann konkret aus, also wie verändert das die digitale Zeitalter die Arbeit der Musikschulen?

Rademacher: Ja, das digitale Zeitalter ist ja für uns was ganz Fantastisches, was uns helfen kann auch beim Teilen. Wir können zum Beispiel das Unterrichten teilen, indem wir Apps benutzen, indem wir den Kindern und Jugendlichen oder unseren Schülerinnen und Schülern etwas mit nach Hause geben, wo sie auch die Woche mit überbrücken können. Wir glauben nicht, dass eine App eine Musikstunde, eine Klavierstunde, eine Geigenstunde ersetzen kann mit einem persönlichen Gegenüber, der Interesse und Wärme und was auch immer noch ausstrahlt.

Beyer: Empathie.

Rademacher: Ja, aber man kann einfach die Woche überbrücken und kann auch näher dran sein am Schüler, der vielleicht an irgendetwas tüftelt, was er mit einer App besser kann. Aber wir können auch auf dem Land zum Beispiel – wir haben einen unglaublichen Lehrermangel auf dem Land –, wir können auch Orte erreichen mit Digitalisierung, in die sich nur selten ein Musikpädagoge hin verirrt.

"Apps sind eine wunderbare Ergänzung"

Beyer: Sie haben jetzt schon die App angesprochen, es gibt auch einen Workshop auf dem Kongress zur perfekten Musik-App. Wie sähe die denn Ihrer Meinung nach aus?

Rademacher: Im Zusammenhang mit Musikschule auf jeden Fall eine App, die ein persönliches Lehrer-Schüler-Verhältnis ergänzt und interessant macht und beständig macht und das Interesse und auch den Spieltrieb der Kinder und Jugendlichen bedient.

Beyer: Es gibt ja auch schon relativ viele Tutorials, zum Beispiel bei YouTube, wo man sich Sachen angucken kann, die zum Teil sogar kostenlos sind. Ist das nicht auch ein bisschen eine Bedrohung für die Musikschulen?

Rademacher: Das glaube ich nicht. Die Leute kommen mit ihren Apps und fragen dann natürlich einen persönlichen Lehrer oder eine Lehrerin, wie gehe ich mit dem Ergebnis um. Sie sind stolz, wenn sie was mit der App gelernt haben, und ich weiß noch, auch meine Kinder, die jetzt irgendwo studieren oder gerade mit ihrem Beruf anfangen und wieder in ihr altes Instrument einsteigen wollen, die bedienen sich der Apps und sind super glücklich, dass sie wieder anknüpfen können. Ich bin davon überzeugt, dass es keine Bedrohung ist, im Gegenteil, es ist eine wunderbare Ergänzung.

Beyer: Herr Rademacher, wenn wir mal auf die Situation der Musikschulen oder der musikalischen Bildung allgemein schauen, auch an den allgemeinbildenden Schulen, das ist ja doch alles andere als zufriedenstellend. Sind denn die Musikschulen heute noch immer so ein bisschen der Notnagel für die Misere an den allgemeinbildenden Schulen?

Rademacher: Die Misere an den allgemeinbildenden Schulen, wenn ich das so stehen lassen würde, hätte ich heute Abend alle Schulmusiker Deutschlands am Telefon, die sich beschweren. Wir haben eigentlich einen unglaublichen Lehrermangel. Das Problem ist, dass der Unterricht nicht stattfindet, dass Musikpädagogen für allgemeinbildende Schulen zu wenig ausgebildet werden, dass immer die MINT-Fächer im Zweifel, wenn es um die Anstellung eines Lehrers oder einer Lehrerin geht, immer noch den Vorrang haben, und dass zu wenig eingesehen wird, dass der ganze Mensch mehr ist als nur das Utilitaristische – Mathe, Sprachen, Naturwissenschaften.

"Es gibt sehr kompetente private Musikpädagogen"

Beyer: Ich kann ja mal aus der Situation meiner eigenen Kinder erzählen, die sind neun und zehn Jahre alt, und da kommen so private Musikschulen an die Schule, um die anzuwerben, kostet aber sehr viel Geld, und letztlich lernen die da nur, an so einem Keyboard zu spielen. Da hab ich dann auch gesagt, na ja, also das kann’s ja nun auch nicht sein.

Rademacher: Kann es auch nicht. Das liegt aber nicht daran, dass die privat sind, sondern dass die vielleicht das falsche Konzept haben. Es gibt sehr kompetente und sehr charismatische private Musikpädagogen, die eine wunderbare Arbeit machen, die natürlich teurer sein muss als die der öffentlichen Musikschulen. Das ist ja der Sinn der öffentlichen Unterstützung, das zu finanzieren, was man privat nicht machen kann, also Sozialermäßigungen zu ermöglichen, Ensembleunterricht kostenlos zusätzlich anzubieten, und alles das Schöne, was um die Musik herum und mit der Musik passieren kann.

Beyer: Es gibt jetzt bei dem Kongress am Wochenende eine Arbeitsgruppe, die heißt "Musikalische Bildungswege gemeinsam gehen – Eine (Musik)Schule für alle". Geht es da um Demokratisierung der musikalischen Bildung oder was ist damit gemeint?

Rademacher: Demokratisierung der musikalischen Bildung vielleicht – wir möchten gern, dass Musikschulen Lieblingsorte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind und für Menschen aller Bevölkerungsschichten, und zwar jetzt nicht sozial, sondern auch kulturell und begabte Menschen mit Behinderung und alle. Und dafür, dass die auch ihr Lernen dort selbst gestalten, also dass es nicht nur Unterricht von oben herab vom allwissenden Lehrer zum nichts könnenden Schüler stattfindet, sondern dass man auch miteinander lernt, dass man in die Musikschule kommt, um zu üben, um eben Musik zu teilen, um miteinander zu komponieren, an Klängen zu tüfteln oder mal den Lehrer beim Üben zu beobachten, dass auch der große Alleskönner selber sich bemühen muss. Das sind alles Dinge, die passieren an einem Ort Musikschule, wenn er denn so ausgestattet ist.

"Viele Möglichkeiten, gegen Missbrauch anzugehen"

Beyer: Kommen wir noch zu einem letzten Thema, Herr Rademacher, ein durchaus heikles Thema, das auch eine Rolle spielt bei diesem Kongress, nämlich Kinderschutz und Präventionsarbeit in der kulturellen Bildung – da gab es ja eine Menge Missbrauchsfälle an Musikhochschulen und an Orchestern. Wie ist das an den Musikschulen, da gibt es ja auch eine große, auch körperliche Nähe zwangsläufig zwischen Lehrenden und Jugendlichen im Instrumentalunterricht. Gab es dort auch schon so was – Übergriffe?

Rademacher: Wir sind Gott sei Dank nicht durch öffentlich diskutierte Fälle gezwungen worden, uns dem Thema zu nähern, aber wir wissen, dass überall, wo einerseits Machtstrukturen da sind und wo große persönliche Nähe da ist und wo Emotionen im Spiel sind, die Gefahr sehr groß ist, dass da auch Missbrauch entsteht. Es gibt viele Möglichkeiten, dagegen anzugehen, indem man Musikschulen transparent und offen und mit Fenstern baut. Ich war gerade noch im Mozarteum in Salzburg, wo wirklich eine wunderbare gläserne Wand ist, wo die Musikprofessoren, Stars, die aus aller Welt da einfliegen und unterrichten, wo man die beim Unterrichten beobachten kann. Es gibt Situationen, die schützen, und es muss ganz klar sein, dass es Compliance-Wege gibt, wo ein Kollegium sich beobachtet und wo jede Schülerin, jeder Schüler weiß, es kann sich an jeden in der Schule wenden und das Problem wird erkannt und behoben und diskutiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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