Ulrich Beck: Soziologie hat sich von der Gesellschaft entfernt

Ulrich Beck, Soziologe © uni-muenchen.de
Moderation: Holger Hettinger · 07.12.2005
Die Soziologie in Deutschland hat sich von der gesellschaftlichen Diskussion weitgehend abgekoppelt. Deshalb erlebe diese Geisteswissenschaft einen Bedeutungsverlust, sagte der Soziologe Ulrich Beck im Deutschlandradio Kultur. Die Gesellschaft befinde sich in einem rasanten Wandel, doch in den Debatten der Soziologen sei das nicht zu erkennen.
Beck führte das vor allem darauf zurück, dass sich viele Wissenschaftler wegen einer angeblich höheren Professionalität in Spezialdisziplinen zurückzögen. Jüngere Soziologen sollten ihre Verliebtheit in Details aber ablegen und einen neuen Ausflug in die Wirklichkeit wagen, forderte Beck.

Lesen Sie hier Auszüge aus dem Interview mit Ulrich Beck.

Holger Hettinger: Die deutsche Soziologie ist in einem beklagenswerten Zustand - das ist der Befund des Münchner Soziologen Ulrich Beck, einem der führenden Vertreter seiner Disziplin. Einst war das Fach eine neugierige und engagierte Wirklichkeitswissenschaft - doch davon ist nichts geblieben, schreibt Ulrich Beck in der "Süddeutschen Zeitung". Wie es zu diesem Niedergang kommen konnte, aber auch, welche Wege aus der Krise führen können - das ist nun unser Thema mit Ulrich Beck. Schönen guten Tag!

Ulrich Beck: Guten Tag.

Hettinger: Herr Prof. Beck, woran erkennen Sie den von Ihnen beobachteten Bedeutungsverlust der Soziologie?

Beck: Wenn man sich fragt, womit Soziologen sich herumschlagen und beschäftigen, dann muss man feststellen, dass davon wenig in die öffentliche Diskussion eindringt. Auf der einen Seite gibt es eine hoch spezialisierte Soziologie in Deutschland, auf der anderen Seite eine öffentliche Debatte, die um gesellschaftliche Probleme kreist, aber merkwürdigerweise liegt dazwischen eine Kluft, die kaum noch überwunden wird.

Hettinger: Wie kommt es, dass sich die Soziologie so von den gesellschaftlichen Fragen verabschiedet hat?

Beck: Die Soziologie hat ihre eigenen Meriten in Deutschland, sie ist detailverliebt, sie macht sehr interessante, spezialisierte Untersuchungen. Sie ist auf der anderen Seite, wenn man sie von außen betrachtet, auch hoch theoretisch. (…) Aber in dieser Konstellation hat sich die S. ein wenig von der Wirklichkeit verabschiedet, die Neugierde dafür, wie diese Gesellschaft, in welch rasantem Wandel diese Gesellschaft sich eigentlich befindet, ist ohne weiteres nicht erkennbar und ich glaube, dass das eigentlich das Zentrum des beklagenswerten Zustandes ist.

(…) Woran liegt das? Einerseits daran, dass sich die S. sehr stark akademisiert hat. Denn für die S. gehört dazu, dass man auch ein Sensorium hat für die Fragen und Probleme, die die Menschen und die Gesellschaft bedrücken und für die die Soziologie eigentlich eine wichtige Informationsquelle sein könnte. (…)

Hettinger: Der französische Philosoph Luc Ferry hat in der Polemik "la pensée soixante-huite", das 68er-Denken, deutlich gemacht, dass die Soziologie besseres zu tun hat, als gesellschaftliche Phänomene aufzuspüren und zu erklären. Nicht Erklärung, sondern Veränderung der Gesellschaft ist das Ziel. Kann es sein, dass sich die Soziologie mit diesem fast schon utopischen Ziel schlicht verhoben hat?

Beck: Ja, das ist sicherlich richtig. Die 70er Jahre hatten eine Politisierung der S. aufgrund der Studentenproteste zur Folge. Daraufhin gab es berechtigterweise eine größere Bescheidenheit in der Soziologie. (…) Man hat sich dann völlig in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückgezogen und beobachtet die Diskussion, die die Öffentlichkeit betreibt, mit relativer Distanz, obwohl man vieles eigentlich besser wissen könnte aus der Forschung und auch in der Lage wäre, sich an den öffentlichen Debatten beteiligen könnte.

Hettinger: Lässt sich der Bedeutungsverlust der Soziologie auch damit erklären, dass die Zeit der großen Gesellschaftsentwürfe vorüber zu sein scheint?

Beck: Ja, da ist sicherlich was dran, aber: Es gab in der Gesellschaftsentwicklung immer wieder die Vorstellung, dass wir in einer Umbruchphase leben, in der auch die Soziologie und die Gesellschaft selbst neuer Kategorien für ihre Beschreibung bedarf. Ich glaube, wir sind wiederum in so einer Phase, wo wir sicherlich sehr spezialisiert als Soziologen arbeiten müssen, wo wir uns aber fragen müssen: sind unsere Kategorien von Gesellschaft, also von Klasse, von nationaler Gesellschaft, von Wohlfahrtsstaat noch angemessen, um die Spannungen, Irritationen und Turbulenzen der modernen Gesellschaft, in der wir leben, zu erfassen. (…)

Hettinger: Welche Rolle spielt die zunehmende Globalisierung bei dieser Debatte?

Beck: Für Individuen gibt es neue Handlungsspielräume, wir sind nicht nur Opfer… Richtig ist, dass die Soziologie eines anderen Blicks bedarf, man kann Deutschland nicht mehr nur in Konzentration auf Deutschland erfassen, sondern man muss sehen, dass wir in Konkurrenzbeziehungen über Arbeitsplätze, drohender Terrorismus, dass Risiken wie Klimakatastrophen und ähnliches mehr rein schlagen in unseren Alltag und dass dafür die Soziologie auch eines anderen Bezugsrahmens bedarf und auch eines anderen Sensoriums (…). Das vermisse ich in der öffentlichen Diskussion (…)

Hettinger: Wie kann denn die Soziologie wieder herausfinden aus ihrer - wie Sie es formulieren - selbstverschuldeten Unwirklichkeit?

Beck: (…) Jetzt brauchen wir sozusagen einen neuen Ausflug in die Realität, mit der wir es zu tun haben, wo in der Tat ja der Alltag von Risiken mitbestimmt wird, die wir nicht nur in Deutschland verorten können, wo plötzlich Konkurrenzbeziehungen zu anderen Ländern am Arbeitsmarkt existieren. Das bedarf eines neuen Ausflugs in die Wirklichkeit, neue Möglichkeiten, auch Forschungen zu machen, die nicht nur auf Deutschland konzentriert sind und das könnte auch wiederum eine neue Gründerphase der S. beinhalten, die jetzt stärker auf die innere Vielfalt, auf die Transnationalität der Kausalitäten und Verflechtungen achtet, die wir ja in Deutschland schon längst erleben.