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Buchkritik | Beitrag vom 28.09.2019

Ulrich Alexander Boschwitz: "Menschen neben dem Leben"Berliner Halbexistenzen auf der Verliererstraße

Von Fabian Wolff

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Das Buchcover des Romans "Menschen neben dem Leben" vor einem grafischen Hintergrund  (Verlag Klett-Cotta)
Nach der spektakulären Wiederentdeckung von "Der Reisende" ist nun auch das Debüt von Ulrich Alexander Boschwitz auf Deutsch erschienen. (Verlag Klett-Cotta)

In "Menschen neben dem Leben" porträtiert Ulrich Alexander Boschwitz die Verlierer im Berlin der Weltwirtschaftskrise. Der Debütroman des erst kürzlich entdeckten Schriftstellers erscheint nun über 80 Jahre nach seinem Entstehen erstmals auf Deutsch.

Ein vergessener Schriftsteller war Ulrich Alexander Boschwitz nie, sondern ein völlig unbekannter: Kaum eine Fußnote in der Geschichte der Exilliteratur, bis 2018, fast 70 Jahre nach Veröffentlichung der englischen Fassung, sein Roman "Der Reisende" im deutschen Original erschien. Diese Geschichte eines deutschen Juden, der in den 1930er Jahren von Exil zu Exil getrieben wird, war eine Erinnerung an die Jahre zwischen beginnender Verfolgung und Vernichtung, als Züge zwar Flucht und Vertreibung bedeuteten, aber noch nicht den Tod.

Bettler, Arbeitslose, Kriegsblinde

Boschwitz' eigenes Leben endete 1942, als ein deutsches U-Boot das Schiff torpedierte, das ihn von Australien nach England bringen sollte. Jetzt hat Herausgeber Peter Graf das abermals noch nie auf Deutsch erschienene Debüt von Boschwitz ausgegraben. "Menschen neben dem Leben" durchmisst anderes Terrain und zeigt ein paar Tage im Leben Berliner Halbexistenzen während der Weltwirtschaftskrise: Bettler, Arbeitslose, Kriegsblinde, die durch die Straßen ziehen und deren Wege sich schließlich in der Vorstadtschänke "Fröhlicher Waidmann" brutal kreuzen.

Von einer "Milieustudie" lässt sich schwerlich sprechen: Boschwitz schrieb es nicht nur im schwedischen Exil, zum Zeitpunkt der Handlung war er keine 16. Der Sohn einer jüdisch-protestantischen Familie vom Hohenzollerndamm wird die Welt der Spelunken und Nachtasyle wohl kaum aus näherer Anschauung gekannt haben. Sondern aus den Groschenheften, die auch einige seiner Figuren gerne lesen, und den Großstadt-Romanen, die seinem Buch als Vorbild leuchten, am hellsten natürlich "Berlin Alexanderplatz".

Von der modernen Welt überfordert

Doch Boschwitz entwirft kein babylonisch aufgeladenes Sittengemälde über das Sodom Berlin, auch keine revolutionär erhitzte Armutsballade. Jeder gefährliche Weimar-Glamour fehlt. Die Figuren wollen einfach ein paar Mark, um sich eine Berliner Weiße mit Schuss zu kaufen, oder ein Brötchen in einem Automatenrestaurant, das bei Boschwitz zu einem unaufdringlichen Symbol für Schnelllebigkeit und Seelenlosigkeit wird: "Für zehn Pfennig gab es sogar Kaviarbrötchen. Zwar war es kein richtiger Störkaviar, eher Lachsrogen, und das Brötchen war klein, aber die Kaviar- oder auch nicht Kaviarbrötchen sahen so appetitlich aus, dass jeder sie einmal versuchen wollte."

Die moderne Welt überfordert sie, ihr Alltag ist trist und eintönig, trotzdem fühlen sie sich wie Roulettekugeln. Überforderung bestimmt auch den Erzählfluss: Der Roman ist eindeutig von einem 22-jährigen Schriftsteller geschrieben, der sich streckt und ausprobiert, sich teils zu sehr an den großen Vorbildern orientiert und zwischen Tonfällen schwankt, formtreu im Aufbau und doch irgendwie schief. Trotzdem ist Boschwitz stets nah an seinen Figuren, über die er nicht urteilt und sich nur selten erhebt. Sie sind oft überraschend niederträchtig, ohne unsympathisch zu sein. Schwer zu sagen, ob das schon der eigene Boschwitz-Tonfall ist.

Wie hätte sein Schreiben sich noch entwickelt?

Weitere Veröffentlichungen werden wohl nicht folgen, stellt Graf in seinem Nachwort bedauernd fest: Ein Manuskript wurde Boschwitz auf einer Schiffspassage gestohlen, ein anderes ging mit ihm unter. Wie hätte sein Schreiben sich noch entwickelt – und wie das seiner Generation, die vertrieben, gebrochen und schließlich ermordet wurde? Wäre Boschwitz einer ihrer großen Söhne geworden – oder wieder nur eine Fußnote? Eins ist klar: Er war ein guter Erzähler, und "Menschen neben dem Leben" ist, rau und unfertig, wie es sein mag, ein gutes Buch.

Ulrich Alexander Boschwitz: Menschen neben dem Leben
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019
303 Seiten, 20 Euro

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