Meron Mendel über Botschafter Melnyk

"Er hat der ukrainischen Sache einen Bärendienst erwiesen"

08:45 Minuten
Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland, blickt vor dem Wappen der Ukraine im Botschaftsgebäude am Rande eines Gesprächs mit Journalisten in die Kamera des Fotografen.
Mit seinen verharmlosenden Äußerungen über den Nationalisten Stepan Bandera zieht Andrij Melnyk international Kritik auf sich. © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
Meron Mendel im Gespräch mit Sigrid Brinkmann · 02.07.2022
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Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk verharmlose die Geschichte, wenn er bestreitet, dass der ukrainische Nationalistenführer Stepan Bandera mitverantwortlich für die Ermordung von 800.000 Juden war, kritisiert der Historiker Meron Mendel.
Andrij Melnyk, der Botschafter der UKraine in Deutschland, dürfte wohl den meisten für seine undiplomatischen Tweets bekannt sein. Mit harschen Worten beschimpft er regelmäßig deutsche Politiker und Intellektuelle. Ungewöhnlich für einen Botschafter. Doch sein Land, die Ukraine, befindet sich im Krieg. Es wurde von Russland überfallen – unter anderem mit der Begründung, das dortige Regime entnazifizieren zu wollen. 
Nun hat der Botschafter in einem Interview mit Tilo Jung bestritten, dass der ukrainische Nationalistenführer Stepan Bandera als Kollaborateur der Nazis mitverantwortlich für Pogrome und die Ermordung von 800.000 Juden in der Ukraine war. "Ich bezweifle, dass er Befehle gegeben hat, Juden zu töten. Es gibt keine Beweise."

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Verharmlosende Äußerungen

Während das ukrainische Außenministerin sich schnell von Melnyks Äußerungen distanziert – „seine Privatmeinung“ – und Polen dagegen protestiert hat, bleiben seine Äußerungen in Deutschland bisher folgenlos – anders als bei der Documenta 15.
Zwischen beiden Fällen bestehe ein großer Unterschied, sagt Meron Mendel. Er leitet die Bildungsstätte Anne Frank und hilft der Documenta-Leitung derzeit, die komplette Ausstellung nach antisemitischen Inhalten zu durchsuchen.
„Auf der Documenta hatten wir eine direkte Form von Antisemitismus im Banner von Taring Padi. Die Äußerungen von Herrn Melnyk sind tatsächlich sehr problematisch. Sie sind aber an sich noch kein offener Antisemitismus, sondern erstmal als Geschichtsverharmlosung zu betrachten.“

Die problematische Seite des ukrainischen Nationalismus

Stepan Bandera habe tatsächlich aktiv den ukrainischen Untergrund angeführt, der später für die Ermordung von Juden und Polen verantwortlich war. „Von daher ist von Melnyk ein kritischer Blick auf die Person von Bandera zu erwarten. Das direkt als Antisemitismus zu bezeichnen, finde ich ein bisschen gewagt.“

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Im Netz heißt es bereits, Melnyk spiele ungewollt den russischen Propagandisten in die Hände, die behaupten, die Ukraine sei ein Land von Faschisten. „Sicherlich hat Herr Melnyk der ukrainischen Sache einen Bärendienst erwiesen", sagt Mendel. "Das ist besonders tragisch in einer Zeit, in der die Ukraine jede Unterstützung braucht."

Unterstützung der Ukraine ist grundsätzlich

"Gleichzeitig erleben wir, dass sehr viele Kräfte, die die ganze Zeit dagegen streben, die Ukraine zu unterstützen, diesen Fall nutzen, um zu sagen: Jetzt dürfen erst recht keine Waffen an die Ukraine geliefert werden. Das ist auch falsch. Die Unterstützung der Ukraine ist unabhängig von der Person des ukrainischen Botschafters, sie ist grundsätzlich, weil die Ukraine gerade einen Angriffskrieg durch Russland erfährt und weil die Ukraine praktisch für die ganze Europäische Union steht.“
Von daher appelliert Mendel an alle, „diese Trennung zu schaffen“ – und er hofft, dass diese unglücklichen Äußerungen von Herrn Melnyk nicht dazu führen werden, dass die Unterstützung für die Ukraine in dieser Zeit schwächer wird.

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