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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2015

"Ukrainische Filmtage" in BerlinHoffnung auf visuelle Verständigung

Von Jochen Stöckmann

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Der ukrainische Regisseur Oleg Sentsov (l.) wurde auf der Krim unter dem Terrorismusvorwurf inhaftiert. Hier ist er in einem Käfig während einer Verhandlung über die Verlängerung seiner Haft in Moskaus Amtsgericht Lefortovo zu sehen. (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev )
Der ukrainische Regisseur Oleg Sentsov (l.) wurde auf der Krim unter dem Terrorismusvorwurf inhaftiert. Hier ist er in einem Käfig während einer Verhandlung über die Verlängerung seiner Haft in Moskaus Amtsgericht Lefortovo zu sehen. (picture alliance / dpa / Mikhail Pochuyev )

Im Kino Babylon in Berlin finden derzeit die ersten "Ukrainischen Filmtage" statt. Eröffnet wurden sie im Beisein des Botschafters mit einem Solidaritätsakt für den im Gefängnis sitzenden Filmemacher Oleg Sentsov, der öffentlich die Annexion der Krim kritisiert hatte.

Nein, über sich und seine aktuellen Projekte möchte Sergej Losnitza zur Eröffnung der ersten "Ukrainischen Filmtage" in Berlin nicht reden. Dabei hat der studierte Kybernetiker mit seinen Montagefilmen aus Archivmaterial und Interviews einige Themen der jüngsten ukrainischen Geschichte – vor allem aus der Sowjet-Ära – unter die Lupe genommen. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Bilder, sondern für starke Worte – gegen das Regime Putins.

Sergej Losnitza:"Das erste Verbrechen geschah, als die Krim annektiert wurde. Das Zweite Verbrechen, als die Menschen quasi als Geiseln festgenommen wurden. Das dritte Verbrechen, als diese Menschen ihrer Staatsangehörigkeit beraubt worden sind."

Üblicherweise sind Filmtage kein Tribunal, aber diesmal geht es weniger um Kino als um einen Filmemacher: Oleg Sentsov. Er hatte sich öffentlich gegen die Annexion der Krim ausgesprochen, wurde im Mai 2014 auf offener Straße vom russischen Geheimdienst festgenommen.

Andrij Melnyk: "Ein ukrainischer Staatsbürger, Oleg Sentsov, er sitzt in der Untersuchungshaft, über ein Jahr, ohne mit einem ukrainischen Konsul ein einziges Mal gesprochen zu haben. Das verletzt alle Normen und Verträge."

Das Schweigen des Diktators

Nicht nur der Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, auch Amnesty International und vor allem die Film-Community haben auf die Menschenrechtsverletzung reagiert. Bei vielen internationalen Festivals blieb ein Stuhl während der Jury-Sitzungen leer, um an Oleg Sentsov zu erinnern. In Cannes wurde zu Beginn jeder Vorstellung sein Porträt gezeigt. Und die European Film Academy versuchte es auf dem Wege der Diplomatie. Direktorin Marion Döring:

"Auch an Herrn Putin haben wir geschrieben und diese Briefe waren unterschrieben von 20 der größten Filmemacher Europas. Und an den Kulturminister, den russischen. Und die Antwort war, dass er damit nichts zu tun hat, er ist nicht zuständig. Und von Herrn Putin haben wir natürlich gar keine Antwort bekommen."

Das Schweigen des Diktators, es gehört wohl zum Waffenarsenal in dieser neuen Art des Kalten Krieges. Verunsicherung, Destabilisierung, Desinformation sind wesentliche Faktoren in diesem Konflikt. Und für Philipp Ilienko, Direktor der Ukrainischen Filmagentur steht fest, dass Sentsov als Geisel genommen wurde in einem – so wörtlich – "unerklärten Krieg":

"It is clear for us, that Oleg now is the hostage in this undeclared war between Russia and the Ukraine."

Die Lageeinschätzung ist nicht übertrieben. Denn mit der Verschleppung des Filmemachers nötigt Russland nicht nur dem Nachbarland seine Agenda auf, zwingt Kulturschaffende und Kulturpolitiker in Europa zu reagieren. So sieht sich Kirsten Niehuus als Geschäftsführerin der Filmförderung Berlin-Brandenburg zu der Erklärung veranlasst:

"Dass wir Oleg Sentsov auf dem Filmfestival in Odessa kennengelernt haben, dass wir da seinen Vorgängerfilm 'Gamer' gesehen haben. Und dass die Förderentscheidung für seinen zweiten Film 'Rhino' völlig unbeeinflusst war – das war eine Zeit, wo diese politische Entwicklung überhaupt noch nicht absehbar war. Also eine Qualitätsentscheidung und das war jetzt keine solidarische Entscheidung oder so – das war damals noch gar nicht erforderlich."

Auch das Programm der "Ukrainischen Filmtage" ist durch den "Fall Sentsov" geprägt. Askold Kurov zeigt eine erste, noch provisorische Fassung seiner Dokumentation "Release Oleg Sentsov". Und Moderatorin Simone Baumann kündigt einen weiteren Solidaritätsfilm an:

"Er ist übrigens auch nicht der einzige ukrainische politische Gefangene in Russland. Es gibt dann ja auch die Pilotin Nadja Sawtschenko. Und da haben wir einen Film hier, den Anna Palenchuk produziert hat – der heißt 'Unsere Nadja'."

Dokumentarfilm "Maidan" steht auf dem Programm

Ob es sich dabei nicht doch um einen national getrübten Binnenblick handelt, das wird das viertägige Festival zeigen, das muss – und darf hierzulande – jeder Zuschauer für sich entscheiden. Wieland Speck, Leiter der Sektion Panorama der Berlinale:

"Natürlich sind wir sehr gespannt auf die ukrainischen Filme, die wir hier vielleicht entdecken können. Wir haben unsere Augen weit auf – und wir versuchen natürlich auch, Filme zu finden mit dem Blick auf die Gesellschaft, aus der sie kommen."

Das wären dann wohl eher Dokumentarfilme. Etwa "Maidan" von Sergei Losnitzka – der aber angesichts der Bedrohung – der russischen "Verbrechen" – nicht über seine Filme sprechen, sondern für politische Aktionen werben möchte. Ganz anders sein Kollege Myroslav Slaboshpytski, dessen Spielfilm "Tribe" den Einbruch von Gewalt und Verbrechen in die Welt einer Gehörlosenschule zum Thema hat. Es gehe um Hass und Liebe, dafür braucht es weder Untertitel noch Synchronisation, sagt der Regisseur im Trailer – und setzt auf das große Privileg des Mediums Film, die grenzüberschreitende visuelle Verständigung. Was denn auch Botschafter Andrij Melnyk für die Feststellung nutzt:

"Dass wir heute trotz diesem traurigen Anlass den Film 'Tribe' genießen können, der nicht einfach ist, aber der Mut gibt, zu glauben: Wir sind an der Seite der Wahrheit. Und die Wahrheit ist an unserer Seite. Und das heißt, dass wir auch gewinnen werden."

Das allerdings bleibt die Frage: Regisseur Slaboshpytski hat sich bereits dagegen verwahrt, in seinem Film Allegorien zu sehen etwa für die "grünen Männchen", die ebenfalls aus dem Nichts in die scheinbar harmonische Gemeinschaft auf der Krim eingebrochen sind. Andererseits hängt im Klassenzimmer eine Landkarte – und da ist die Ukraine eindeutig ein Teil Europas.

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