Schweinezucht in der Krise

"Bessere CO2-Bilanz als Avocados"

08:35 Minuten
Mastschweine schnuppern zwischen Eisenstangen auf dem Dennerhof in der Vulkaneifel hindurch.
Die Zahl der Schweinezuchtbetriebe deutlich zu reduzieren, sei auch keine Lösung. Dann werde einfach mehr Fleisch aus anderen Ländern importiert, sagen Agarökomen und Landwirte. (Symbolbild) © picture alliance / dpa / Harald Tittel
04.04.2022
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Die Futtermittelpreise haben sich verdoppelt, denn die Ukraine fällt als Lieferant weg. Deutsche Schweinezüchter fürchten um ihre Existenz. Und wehren sich zugleich gegen den Ruf, Klimaschädlinge zu sein. Ein Besuch in einem Zuchtbetrieb in Sachsen-Anhalt.
Das Rittergut Stresow, dicht an der A2, östlich von Magdeburg. Der Name klingt nach Burg oder Schloss, ist allerdings nur ein Überbleibsel aus uralter Zeit. Tatsächlich wirkt das 16 Hektar große Gelände wenig feudal. Eher spätsozialistisch.
Graue Flachbauten, von denen der Putz abblättert. VEG Tierproduktion Stresow steht in verblichenen Buchstaben vor einem Verwaltungsgebäude. Schon zu DDR-Zeiten wurden auf dem „Volkseigenen Gut“ Schweine gehalten.

"Massentierhalter" mag er nicht genannt werden

Die Solarpaneele auf den Dächern und die Biogasanlage erinnern an die heutige Zeit, an Klimaschutz und Energiewende. Landwirt Hans-Georg Meyer ist hier der Chef. Der 66-Jährige hält auf dem Gelände 26.000 Schweine. Von der Aufzucht bis zur Mast.
Das Etikett Massentierhalter will er nicht für sich gelten lassen. Lieber spricht er von "Klasse-Tierhalter".
Meyer kommt gebürtig aus Niedersachsen. Hat vor gut zehn Jahren den Schweinebetrieb in Stresow übernommen. Es ist der letzte Agrarbetrieb in Sachsen-Anhalt, der von der Treuhand privatisiert wurde.
Der Landwirt, der immer einen Spruch parat hat, erklärt dann auch, dass die Gebäude zwar von außen sanierungsbedürftig seien. Die Stallanlagen selbst habe er aber für eine Million Euro im letzten Jahr modernisieren lassen.
„In der Anlage selbst ist das tipptop. Innen fix und außen nix.“ Dafür reichen seine Rücklagen nämlich nicht mehr. Denn schon vor dem Ukraine-Krieg waren die Zeiten für Schweineproduzenten schlecht.

Corona brachte rückläufigen Fleischkonsum

Die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass weniger Fleisch gegessen wird. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Und die Tierseuche afrikanische Schweinepest in Europa sorgt dafür, dass der Export nach China abgenommen hat. Deutsche Schweineohren und -pfoten lassen sich jetzt schlechter in Asien vermarkten.
Und nun der Krieg in der Ukraine, der Kornkammer Europas. Landwirt Meyer bezieht sein Tierfutter zwar nicht aus der Ukraine. Dennoch betreffen ihn die Engpässe doch, wie er betont.
„Wenn Warenströme aus der Ukraine nicht in die EU kommen, dann fehlt es an anderer Stelle. Und von denen ich wiederum Ware beziehe, die können nicht liefern, weil die Ware nicht da ist. Also, ganz einfach. Es hängt alles miteinander zusammen. Das trifft mich schon indirekt.“

Futtermittelpreise haben sich verdoppelt

Denn die Preise für Futtermittel, auch für das, das nicht aus der Ukraine stammt, haben sich seit Kriegsausbruch verdoppelt. Deswegen kauft Hans-Georg Meyer ausnahmsweise Soja als Futtermittel. Weil es zurzeit günstiger ist als Rapsschrot. Soja zuzukaufen ist eigentlich gegen Meyers Philosophie.
„Aber im Augenblick bin ich in diesem Spannungsfeld gefangen. Und muss sehen, dass ich da irgendwie vernünftig durchkomme, so gut es eben geht.“
Der Landwirt gibt jetzt pro Schlachtschwein 60 Euro mehr für Futtermittel aus. Bei 60.000 Schweinen, die pro Jahr in seinen Ställen gemästet werden, eine hohe Summe. Etwa 40 Euro des Preisanstiegs pro Schwein kann er an den Markt weitergeben.

Preissteigerungen für Wurst und Fleisch

Der Markt ist in diesem Fall: die vier großen Schlachtbetriebe in Deutschland. Tönnies zum Beispiel. Die Schlachtbetriebe verkaufen das Fleisch wiederum an die vier großen Ketten im Lebensmitteleinzelhandel wie etwa Aldi. Der Discounter hat für Anfang der Woche bereits deutliche Preissteigerungen unter anderem für Fleisch und Wurst angekündigt.

Wenn wir diesen Mehraufwand nicht bei den Verbrauchern oder im Markt wiederbekommen, dann bedeutet das am Ende auch das Aus für den Betrieb.

Hans-Georg Meyer, Schweinezüchter in Sachsen-Anhalt

Der Schweinebauer Meyer in Sachsen-Anhalt hat eigenen Angaben nach die letzten zwei Jahre rote Zahlen geschrieben. Insgesamt ist in Deutschland die Zahl der schweinehaltenden Betriebe in den letzten Jahren zurückgegangen.

Zukauf aus anderen Ländern

Für die CO2-Reduktion – das sei ein im Grunde logischer Vorgang, sagt Alfons Balmann, Direktor am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien. Doch ob dem Klima insgesamt wirklich geholfen ist, wenn in Deutschland weniger Fleisch produziert wird, sei keine ausgemachte Sache, sagt der Agrarökonom aus Halle.
„Es kann eben durchaus sein, dass wir in einer Situation landen, wo viel zu viele sehr gute landwirtschaftliche Betriebe aus der Schweineproduktion aussteigen werden. Und wir möglicherweise beim Konsum in der Zukunft gar nicht so große Veränderungen haben. Die Folge ist, dass wir Schweinefleisch aus anderen Teilen der Welt importieren. Das ist bei einigen Edelstücken wie Schweinefilet bereits heute der Fall.“
In Ostdeutschland dominieren große Agrarbetriebe die Produktion. Für Reiko Wöllert, Biolandwirt aus Thüringen, ist die Schweineproduktion in Stresow da ein typisches Beispiel: mit Kapital aus dem Westen, Massenproduktion und Abhängigkeit von den Weltmärkten.

Landwirtschaft muss sich verändern

Wöllert ist auch Chef der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland. Er fordert, die Landwirtschaft müsse sich verändern. Speziell in Ostdeutschland.

Und damit diese Struktur vielfältiger wird, damit sie resilienter wird und nicht so krisenanfällig, brauchen wir unbedingt auch eine Ergänzung im kleinen und mittleren Bereich. Von daher geht es schon darum, die Anzahl der Tiere zu reduzieren. Aber, das muss über einen Umbau der Tierhaltung passieren.

Reiko Wöllert, Biolandwirt in Thüringen

Ein Auslaufgehege für seine 26.000 Schweine? Dafür, sagt Landwirt Hans-Georg Meyer, habe er in dieser Krisenzeit kein Geld. Auf der anderen Seite wehrt er sich gegen den Vorwurf, seine Art zu wirtschaften heize das Klima an.

Bessere Bilanz als Avocados

Er betont, sein Schweinefleisch habe eine bessere CO2-Bilanz als Avocados, die aus Lateinamerika nach Deutschland importiert werden. Und in Stresow sei man schon nah dran an der Kreislaufwirtschaft: Denn neben der Schweineproduktion baut Hans-Georg Meyer auf 1.000 Hektar Ackerland Zuckerrüben, Mais und Getreide an.
Der Schweinezüchter Hans-Georg Meyer aus Stresow in Sachsen-Anhalt steht vor den Gebäuden seines Schweinezuchtbetriebs.
Der Krieg in der Ukraine verteuerte die Futtermittelpreise. Davor setzte Corona den Schweinezüchtern zu. Landwirt Hans-Georg Meyer bezieht das Futter zwar nicht aus der Ukraine, dennoch wird es auch für ihn finanziell schwierig.© Deutschlandradio / Niklas Ottersbach
Einen Teil davon verfüttert er an seine Schweine. Deren Exkremente landen in der Biogasanlage, woraus ein Partner-Unternehmen dann Biomethan produziert.
„Unter anderem, damit die Wohnungen auch warm bleiben, wenn Putin nicht mehr liefert", sagt er.
Die Reststoffe kommen als Dünger auf den Acker. Auf mineralischen Dünger, der mit Erdgas produziert wird, russischem Erdgas, ist der Schweinebauer aus Stresow nicht angewiesen. Die Wärme für seine Schweineställe kommt aus der Biogasanlage, die Hälfte seines Strombedarfs von den Fotovoltaik-Anlagen auf den Dächern.

Kann Schweinemast klimaneutral sein?

Deshalb fürchtet Schweinebauer Meyer an dieser Stelle nicht Folgen des Kriegs in der Ukraine, aber er sieht sich auch nicht als Klimasünder. Mehr noch, er betont, sein Betrieb sei klimaneutral.
„Und die Produktion, so wie wir sie hier machen, ganzheitlich gesehen, mit dem anhängenden Ackerbau, kommt zu dem Ergebnis: Wir produzieren unsere Schweine betriebsbilanziert klimaneutral. Und ich bin fest davon überzeugt, für einen Teil der deutschen Schweinehalter wird das ähnlich sein.“
So ganz überprüfen lässt sich Meyers Rechnung nicht. Denn auch wenn seine Zuckerrüben tonnenweise CO2 binden, wird mit der Verwertung dieser Pflanzen als Zucker oder Sirup dieses CO2 wieder freigesetzt, erläutern die Forscher vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung.

Es braucht einen Diskurs

Schweinebauer Meyer sagt, er wolle nur klarstellen, dass auch die konventionelle Landwirtschaft Beiträge zum Klimaschutz leisten könne. Wichtig sei der Diskurs, die Darlegung gewisser Positionen. Denn oft würden Themen wie dieses "einfach nur sehr plakativ von einer Seite gesehen. Und nicht von beiden Seiten oder von mehreren Seiten beleuchtet.“
CO2-Tarife für Lebensmittel, beispielsweise, würden ihn freuen. Nach dem Motto: Je schlechter die Klimabilanz, desto teurer das Produkt. Landwirt Meyer glaubt, dass sein Schweinefleisch da gar nicht so schlecht abschneiden würde.
Er will sich weiterentwickeln, denkt noch nicht ans Aufhören. Aber wichtig sei, dass er die kriegsbedingten Preissteigerungen in der Schweinezucht an den Markt weitergeben kann: „Denn sonst geht es nicht!“

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