Propaganda im Ukraine-Krieg

Wie man trotzdem mündig bleibt

11:59 Minuten
Die ukrainische Stadt Kiew nach einem russischen Luftschlag. Die Straßenflucht ist völlig zerstört, im Vordergrund ein ausgebranntes Auto.
Schwer, hier nicht den Schrecken des Krieges zu sehen: die ukrainische Stadt Kiew nach einem russischen Luftschlag. © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Daniel Ceng Shou-Yi
Bernhard Pörksen im Gespräch mit Britta Bürger · 25.03.2022
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Das erste Opfer eines jeden Krieges ist bekanntlich die Wahrheit. Eine unabhängige Prüfung von Informationen wie zu Friedenszeiten ist kaum möglich. Wie man dennoch mündig bleibt, erklärt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.
Elf Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer haben Verwandtschaft in Russland. Viele dort glauben Putins Propaganda – wie der Vater von Misha Katsurin. Schwer auszuhalten für den Sohn, der in der Ukraine lebt. Katsurin wurde aktiv: „Papa, pover!“ – „Papa, glaub mir!“, heißt seine Homepage, auf der er Betroffenen Tipps gibt, wie sie mit russischen Freunden und Verwandten das Gespräch suchen können. Warum ein Vater dem russischen Staatsfernsehen mehr glaubt als seinem Sohn, beschäftigt nicht nur Thomas Franke , sondern auch den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.
Misha Katsurins Ansatz sei deswegen so gelungen, weil er zuerst eine Basis für das Gespräch schaffe, eine Wertschätzung seinem Vater gegenüber, und dann im zweiten Schritt berührende und verständliche Geschichten erzähle, so Pörksen. „Und man merkt in den Gesprächen mit seinem Vater, die er ja auch dokumentiert hat, wie dieses Propagandabild auf einmal Risse bekommen hat.“

Autorität des Botschafters

Das Interessante und Lehrreiche an Katsurins Experiment sei, so Pörksen, „dass man sieht, wie wichtig die Autorität des Botschafters ist. Er ist ja in besonderer Weise glaubwürdig“ – als Sohn und als jemand, der die Chat-Protokolle der Mutter, der Ex-Frau seines Vaters, nun mitschicken könne. „Und diese Botschafterautorität lässt sich überhaupt nicht überschätzen.“
Nicht nur Profijournalisten stehen momentan vor der Herausforderung, Nachrichten zu prüfen, also herauszufinden, was davon Propaganda und was Tatsache ist. Auch der US-amerikanische Student Justin Peden versucht, Lügen über den Krieg aufzudecken. Seine Recherchen in Social-Media-Kanälen sind gerade eine wichtige Quelle für Kriegsberichterstatter und für alle, die versuchen, dieses Kriegsgeschehen richtig einzuordnen. Doch wie kann man solchen "Wühlern im Netz" wie Peden trauen? Woher weiß man, ob die glaubwürdig sind?
„Das ist schwer zu sagen", antwortet Pörken. "Ich glaube, es ist alternativlos, so etwas wie ein Grundvertrauen denen entgegenzubringen, die man schon seit Längerem beobachtet, von deren Seriosität man weiß, von deren Unvoreingenommenheit man überzeugt ist, denn die Möglichkeit der privaten, persönlichen Authentizitätskontrolle geht ja gegen null. So etwas wie eine Art Metavertrauen oder Vertrauen in die Seriosität des Informanten scheint mir wichtig. Die basiert auf der Kenntnis der Person, auf der Kenntnis des Mediums und entsteht aus der Auseinandersetzung mit dem Kontext. Wie wollte man anders sonst einschätzungsfähig sein?“

Regeln des Journalismus auch im Netz beachten

Es gebe aber bereits "eine praktisch erprobte Kommunikationsethik für die aktuell laufende Medienrevolution", nämlich die Maximen des ideal gedachten Journalismus, so Pörksen. Diese müssten zu einem Element der Allgemeinbildung werden, fordert der Medienwissenschaftler:

Prüfe deine Quellen; habe überhaupt mehrere Quellen; sei in der Lage, Quellen richtig einzuschätzen; mach ein Ereignis nicht größer, als es ist; orientiere dich an Relevanz und Proportionalität; sei skeptisch auch im Umgang mit eigenen Urteilen und Vorurteilen; höre immer auch die andere Seite, solange sie nicht selbst eine Propagandainstanz ist. 

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler

Zudem sollte dem klassischen "Gatekeeping", also der journalistischen Auswahl, Gewichtung und Verifizierung von Informationen, eine Art "Gatereporting" zur Seite gestellt werden, also eine Art Beipackzettel, das heißt: ein Bericht, der darlegt, was man warum ausgewählt und wie gewichtet hat. „Das könnte aus meiner Sicht auf lange Sicht ein Beitrag des Journalismus zur Medienmündigkeit in der Breite der Gesellschaft sein", sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.
(ckr)

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