Krieg um die Ukraine

Leben in ständiger Anspannung

24:21 Minuten
Ein Ukrainer beobachtet durch ein Fernrohr die Frontlinie zu Russland in der Nähe von Pesky, Donetsk am 14. Dezember 2021.
Kommen die Russen? Ein Ukrainer beobachtet die Frontlinie in der Nähe von Pesky in Donezk. © AFP / Anatolii Stepanov
Von Thomas Franke · 22.12.2021
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Truppenaufmarsch an der russisch-ukrainischen Grenze, die NATO in erhöhter Einsatzbereitschaft: Zwischen Russland und der Ukraine wächst die Kriegsgefahr. Wie erleben die Menschen in der Ostukraine die Situation?
Sjewjerodonezk ist eine sogenannte Monostadt, gebaut in den 50er-Jahren um ein Chemiewerk herum. Der Krieg ist nur wenige Kilometer entfernt. Offiziell leben dort etwa 100.000 Menschen. In Sjewjerodonezk haben viele Flüchtlinge aus Luhansk eine Bleibe gefunden. Eine von ihnen ist Iryna. Iryna ist nicht ihr richtiger Name, sie hat Angst, dass ihre Eltern, die noch in Luhansk leben, Ärger bekommen, wenn sie ein Interview gibt. Iryna sorgt sich, bereitet sich auf einen möglichen Vormarsch russischer Truppen nach Sjewjerodonezk vor.
„Ich schaue im Internet nach, was in einen Notfallkoffer gehört: vor allen Dingen alle nötigen Papiere, dann warme Kleidung zum Wechseln, Medikamente und unverderbliche Lebensmittel wie Cracker, Wasser, Konserven für mindestens eine Woche. 2014 hatten wir so etwas schon mal, mit dem Unterschied, dass ich mir damals ganz sicher war, dass so etwas niemals passieren kann. Aber dann wurde es doch ernst und ich musste Luhansk verlassen.“
Ihre Tochter war damals noch ein Kind. Jetzt ist sie eine Teenagerin.
„2014 hat sie auch schon alles begriffen. Sie weiß, was passieren kann. Aber ihr Optimismus stützt mich. Sie sagt: Mama, man muss im Jetzt leben, es wird schon alles gut, du machst dir umsonst solche Sorgen.“

„Die Regierung will keine Panik schüren“

Es bleibe den Leuten selbst überlassen, sich vorzubereiten, klagt Iryna.
„Man könnte doch Zivilschutz- oder Erste-Hilfe-Kurse organisieren. Den Kindern erzählen, wo sie bei einem Angriff Schutz finden. "Wahrscheinlich will die Regierung keine Panik schüren. Mir scheint aber, wenn man gewarnt ist und genau weiß, wohin man in so einem Fall laufen muss, was man tun und mitnehmen muss, dann ist man ruhiger. Aber bisher sehe ich nichts dergleichen.“
Auch Marina Tereschenko ist 2014 aus dem besetzten Luhansk auf die ukrainisch kontrollierte Seite geflohen. Auch sie lebt in Sjewjerodonezk.
„Im Radio bringen sie immer mal wieder Nachrichten über einen möglicherweise bevorstehenden Einmarsch. Aber nur sehr selten. Die lokalen Medien, gedruckte Zeitungen oder Onlineportale berichten fast gar nicht darüber. Die privaten Fernsehsender auch nicht. Da geht es eher um die Eröffnung von Schwimmbädern, um neue Wohnungen für Binnenvertriebene oder irgendwelche Erfolgsgeschichten. Aber nicht um einen Einmarsch Russlands.“
Marina Tereschenko ist Journalistin, arbeitet für Svoi City, ein Online-Portal, das für und über Binnenvertriebene berichtet.
„Hier in Sjewjerodonezk gab es eine Phase, so von 2018 bis 2020, da sind die Leute zur Arbeit nach Europa gefahren, weil Russland ja der Feind ist. Jetzt aber sagen viele: Scheiß drauf, ich fahre nach Russland, die werden schon nicht angreifen. Ich denke, die Leute haben den Krieg satt.“

"Russland wird sich nicht aufhalten lassen"

Sie macht sich keine Illusionen: Im Zweifelsfall werde Russland nichts aufhalten. Angst habe sie trotzdem nicht:
„Seit ich 2014 Luhansk verlassen musste, fürchte ich nichts mehr. Was damals noch furchteinflößend war, ist es jetzt nicht mehr.“
Ältere Frauen mit Einkaufstaschen gehen auf einer Dorfstraße an zwei Soldaten in Tarnanzügen vorbei, ohne diesen Beachtung zu schenken.
In der Ostukraine ist der Konflikt so sehr Bestandteil des Lebens geworden, dass die Menschen sich an die Situation gewöhnt haben und sich viele nicht für den drohenden Krieg interessieren. © imago images / ZUMA Wire / Andriy Andriyenko
Diese Sicht sei weit verbreitet, sagt der Soziologe Denys Kobzin. Immer mehr Menschen im Osten der Ukraine hätten sich an den Krieg gewöhnt. Kobzin lebt in Charkiw, arbeitet dort am Institut für Sozialforschung. Die Stadt mit rund eineinhalb Millionen Einwohnern ist nur eine gute halbe Stunde mit dem Auto von der Grenze nach Russland entfernt.
„Als Soziologe kann ich sagen, dass der Krieg immer noch das Thema Nummer eins ist. Aber es wächst die Zahl der Leute, deren Interesse an ihm sinkt. Das variiert von Region zu Region. Im Gebiet Donezk zum Beispiel habe ich mich gewundert: Dort haben bis zu 30 Prozent der Menschen aufgehört, sich überhaupt für den Konflikt zu interessieren. Nach sieben Jahren wissen alle, wer gut, wer schlecht ist, die Information wiederholt sich, es gibt nichts Neues mehr. Außerdem wächst eine junge Generation heran, für die der Krieg bereits ein natürlicher Bestandteil ihres Lebens ist. Sie sind mit ihm großgeworden, sie haben sich an ihn gewöhnt. Und ich glaube, mit der Zeit wird die Zahl dieser Menschen noch steigen.“

Aktuelle Kriegsgefahr wird als hoch eingeschätzt

Das Internationale Institut für Soziologie in Kiew hat kürzlich untersucht, wie die Menschen die aktuelle Kriegsgefahr einschätzen. Ein Ergebnis war: Immer mehr Ukrainer würden Russland als Feind sehen und seien bereit, gegen Russland zu kämpfen – nicht nur im Westen der Ukraine, sondern auch im Osten.
Das alles beziehe sich auf die Menschen, die auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet leben, betont der Soziologe Denys Kobzin. Und er fährt fort:
„Der Studie zufolge ist, bezogen auf das ganze Land, jeder zweite Ukrainer bereit, Widerstand gegen die Besatzung durch Russland zu leisten. Im Osten sind die Zahlen niedriger. Im Osten sind 37,2 Prozent bereit, bewaffneten Widerstand zu leisten. Dazu kommen noch diejenigen, die bereit sind, zivilen Widerstand zu leisten, an Protesten teilzunehmen und dergleichen: Im Osten sind das 25,6 Prozent.“

In der Westukraine ist die Kriegsangst größer

Weitaus schwieriger sei es, herauszubekommen, wie viele Menschen an einen weitergehenden Angriff Russlands auf die Ukraine glaubten, sagt er. Kobzin spricht von drei Gruppen.
„Die erste Gruppe sind Leute, die jede Information, jede Expertenäußerung aufsaugen und untereinander diskutieren. Sie haben wirklich Angst, dass das passiert. Zu der Gruppe gehöre auch ich.“
Diese Gruppe schätzt er auf circa ein Drittel der Bevölkerung im Osten der Ukraine. Im Landesdurchschnitt sei sie größer, mehr als 50 Prozent hätten Angst davor.
„Die zweite Gruppe sind Menschen, die seit 2013/2014 ihr normales Leben weiterleben. An ihnen sind der Maidan, die Ereignisse auf der Krim und im Donbas vorbeigegangen. Sie meinen, Politik interessiere sie nicht – solange sie nicht selbst betroffen sind.“
Das seien etwa 20 Prozent im Osten der Ukraine. Fast ebenso groß sei die dritte Gruppe.
„Das sind diejenigen, die große Sympathien für Russland hegen, einige von ihnen sogar für Putin. Selbst wenn sie anerkennen, dass Russland Krieg führt, finden sie trotzdem, dass die Ukraine daran schuld ist, denn sie sind überzeugt, dass Russland niemals sein Brudervolk überfallen würde.“

Zwischen den Gruppen wird nicht diskutiert

Die Mär vom Brudervolk und von der Zusammengehörigkeit ist ein fester Bestandteil der Propaganda, die die russischen Staatssender und andere von Russland kontrollierte Medien auch in der Ukraine verbreiten. Die Ukraine sei in der Hand fremder, faschistischer Kräfte und müsse deshalb befreit und heimgeholt werden. Eine Diskussion zwischen den Gruppen gebe es schon lange nicht mehr, sagt der Soziologe Kobzin.
„Die Leute haben so eine Strategie entwickelt: Frag nicht, rede nicht drüber. Alle wissen längst, wer auf wessen Seite steht, wer sich wo informiert, wer pro-sowjetisch ist, wer pro-russisch, wer pro-ukrainisch. Und wenn das Gespräch doch mal darauf kommt, versuchen alle ringsherum, das zu ignorieren oder zu ersticken. Meine älteren Verwandten zum Beispiel sind natürlich pro-sowjetisch, sie sehen Russland als einen großen Freund, mit dem man sich am besten vereinen sollte. Wir diskutieren das nicht, weil alle wissen, ich und sie auch, dass so ein Gespräch zu nichts führt.“

Putin kann den Truppenaufmarsch finanzieren, weil der Westen seit Jahrzehnten Öl und Gas kauft und damit auch eine gewisse Mitschuld an der Modernisierung der russischen Armee in den letzten Jahren und Jahrzehnten trägt.
Sabine Adler, Deutschlandradio-Reporterin. Das gesamte Gespräch mit ihr können Sie am Ende dieser Weltzeit hören.

Repräsentative Umfragen unter den Menschen in den besetzten Gebieten sind derzeit nicht möglich. Informationen von dort gibt es allenfalls über private Kontakte. Marina Tereschenko, die Journalistin aus Sjewjerodonezk, erzählt von Freunden, die erst geflohen, später aber nach Luhansk zurückgekehrt sind, weil sie nicht Fuß fassen konnten oder weil sie Familie im besetzten Teil hatten.
Marina Tereschenko kann nicht mehr zurück, selbst wenn sie es wollte. 2014, als in Kiew und im Rest des Landes Millionen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gefordert haben, war sie in einer demokratischen Jugendorganisation in Luhansk aktiv, hat dort pro-europäische Proteste mitorganisiert. Sie hält aber Kontakt zu ihren Freunden.
„Bisher ist bei ihnen alles ruhig. Es ziehen sogar Leute aus den abgewirtschafteten Regionen Russlands dorthin, denn in der Ukraine, auch im besetzten Teil, wächst Obst. Da haben sie etwas für die Kinder. Und Wohnraum ist billig. Luhansk ist noch nicht wieder so wie vor dem Krieg, aber es wächst wieder.“
Verifizieren lässt sich auch diese Information nicht.

In Slowjansk reden wenige über Russlands mögliche Invasion

Ortswechsel. Slowjansk, etwa 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Hier lebt die Immobilienmaklerin Olga Altunina. Als ich mich vor drei Jahren das erste Mal mit ihr traf, zeigte sie mir die Kriegsspuren in der Stadt: das zerschossene Krankenhaus von Slowjansk, Anfänge des Wiederaufbaus. Sie erzählte, wie anfangs die Autoreifen auf dem von schweren Panzern durchfurchten Asphalt heulten.
Blick auf vom Krieg zerstörte Häuser in Slowjansk in der Ostukraine.
Im ostukrainischen Slowjansk hat der Krieg deutliche Spuren hinterlassen. © imago images / Ukrinform / Volodymyr Tarasov
Slowjansk war einer der ersten Orte, an dem die von Russland unterstützten Truppen 2014 die Macht übernahmen. Viele Bewohner, gerade ältere, begrüßten damals die Besatzer. Andere flohen. Nach drei Monaten übernahm die ukrainische Armee wieder die Kontrolle. Auch in Slowjansk reden Ende 2021 nur wenige über eine weitere Invasion Russlands, sagt Altunina.
„Als die Kämpfer 2014 wieder aus Slowjansk abzogen, ist ein kleiner Teil der Bevölkerung mit ihnen nach Donezk gegangen. Sie haben uns mehrfach Grüße geschickt, in dem Sinn: Wir kommen bald zurück, wir werden stärker, wir haben unsere Reihen aufgefüllt, Slowjansk gehört bald zur Volksrepublik Donezk. Das ist seit 2014 unser Zustand. Der Mensch kann aber nicht lange in einer solchen Anspannung leben, deshalb gewöhnt er sich irgendwann daran. Das ist so wie bei den Leuten, die an der Konfliktlinie wohnen, dort, wo geschossen wird, wo Gebäude zerbombt werden und Menschen sterben. Mit den Jahren haben sie gelernt, die Geschosse zu unterscheiden, wissen, bei welchen sie sich auf den Boden werfen müssen, bei welchen sie wie reagieren müssen. Die Menschen gewöhnen sich daran. Und ähnlich ist es in Slowjansk.“
Viel größere Sorgen bereite ihr die Wirtschaft. Der Immobilienmarkt zum Beispiel.
„Es kauft praktisch niemand etwas. Aber es steht sehr viel zum Verkauf. Und das bedeutet, dass die Leute darüber nachdenken, wegzuziehen.“

„Alles ist auf Pause gestellt“

Altunina wirkt frustriert. Sie ist nach der Befreiung Slowjansks 2014 bewusst dortgeblieben, hat begonnen, sich politisch zu engagieren. Sie wollte die Region entwickeln, die Abwanderung stoppen, sprühte vor Energie. Sie wurde in den Stadtrat von Slowjansk gewählt und war schockiert. Denn dort blockierten sich prorussische und demokratische Kräfte so, dass überhaupt keine Beschlüsse gefasst wurden. Zuletzt reichte es nicht mal für einen Haushalt. In der Folge wurden Gehälter für Ärzte und Lehrerinnen nicht gezahlt, sogar die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser wurde eingeschränkt. All das verstärkt die Hoffnungslosigkeit in dem Ort nicht weit von der Front und destabilisiert die Region auch ohne einen erneuten Einmarsch russischer Truppen. Im Mai 2021 setzte Präsident Selenskij einen Stadtkommandanten in Slowjansk ein, um die politische Blockade zu beenden. Der Stadtrat wurde aufgelöst, auch andere demokratische Instrumente der Teilhabe wie Bürgerpetitionen oder Bürgerhaushalte wurden auf Eis gelegt, erzählt Olga Altunina.
„Es gibt jetzt keine Politik, es gibt keine Möglichkeit, auf die Entwicklung der Stadt Einfluss zu nehmen. Alles ist auf Pause gestellt. Und ich denke darüber nach, gleichfalls die Stadt zu verlassen.“
Wie immer sind es gerade die qualifizierten Menschen, die die Orte nahe der Front verlassen. Auch Freunde von Marina Tereschenko aus Sjewjerodonezk. Sie selbst sei nur noch aus privaten Gründen dort.
„Immer mehr Bekannte von mir sind inzwischen in Kiew oder sogar im Ausland. Sie laden mich zum Beispiel nach Dänemark ein. Meine beste Freundin lebt jetzt in Florida, sie sagt auch dauernd, ich solle nachkommen, ich könnte dort arbeiten. Wenn ich könnte, würde ich, ehrlich gesagt, auch weggehen.“

Die Bedrohung wird bleiben

Der Soziologe Denys Kobzin will in Charkiw bleiben, weil dort seine Eltern und Schwiegereltern sind. Aber:
„Viele meiner Bekannten sind in den letzten sieben Jahren fortgegangen. Viele haben sich eine Wohnung in einer anderen Stadt gekauft, um dort im Notfall unterzukommen. Wir denken auch darüber nach. Es ist klar, dass wir ein ruhiges Leben, wie wir es vor 2014 hatten, hier nie wieder führen können. Wir werden immer mit der Bedrohung leben müssen. Deshalb ist es gut, einen Ort zu haben, wohin man zumindest während der Kämpfe ausweichen kann.“
Und Iryna aus Sjewjerodonezk hofft erstmal auf die Feiertage:
„Bald ist Silvester, da wird es ein bisschen ruhiger. Die Vorfreude auf den Festtag und die Möglichkeit, auf etwas Besseres zu hoffen – das tut gut und macht froh.“

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