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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.11.2007

Übersiedlung in die neue Heimat

Aliza Olmert: "Ein Stück vom Meer", Aufbau Verlag, 370 Seiten

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Ehud und Aliza Olmert (AP Archiv)
Ehud und Aliza Olmert (AP Archiv)

Aliza Olmert, die Frau des israelischen Ministerpräsidenten, legt mit "Ein Stück vom Meer" ihr literarisches Debüt vor. Darin erlebt die fünfjährige Alusia den Neuanfang ihrer Familie in Israel nach dem Krieg. Das Leben in der neuen Heimat fällt allen Familienmitgliedern schwer.

"Ich muss fröhlich sein, ich muss glücklich sein". Die kleine Alusia überredet sich selbst zum Fröhlichsein, damit ihre Eltern nicht auch noch ihre Probleme aushalten müssen. Alusia ist 1949 mit ihren Eltern nach Israel gekommen, da war sie fünf Jahre alt. Ihre Mutter Anuschka und ihr Vater Olek haben den Holocaust überlebt und die Nachkriegszeit als "displaced persons" in Deutschland überstanden.

Sie wollen neu anfangen, besonders Olek träumt: Israel wird wie eine große jüdische Familie sein, wir werden endlich fraglos dazu gehören. Und ich werde das Geschäft meines Lebens machen! Olek bringt frühere Wehrmachtsbestände aus Deutschland mit, eine große Ladung Schnallen, denn er meint, auch die junge israelische Armee muss irgendwie die Hosen festmachen, und sei es mit den deutschen Schnallen.

Die israelischen Einwanderungsbehörden quartieren die kleine Familie in Manschija ein, einem ärmlichen Viertel von Tel Aviv. Ihre Wohnung ist ein früherer arabischer Festsaal, was besser klingt als es ist. Sie blicken auf eine zerstörte Moschee, durch den Festsaal huschen abends die Ratten. Alusia wird von einer gebissen und geht fast an Typhus zugrunde.

Währenddessen versucht sich der Vater, ein gelernter Agronom, als Schnallen-Verkäufer. Mit der Zeit lernt er jeden einschlägigen Händler kennen und jeden Pförtner des Verteidigungsministeriums, ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Wie ein kafkascher Held belagert Olek die Schaltstellen seines erträumten Schnallen-Handels, aber er bleibt immer draußen.

Seine Frau Anuschka versinkt in dieser Zeit immer tiefer in der Depression. Sie hatte schon Deutschland nur auf Oleks Drängen hin verlassen. Sie ist erschöpft von dem Furchtbaren, das sie gesehen hat, sie wollte nicht noch einmal von vorne anfangen. Nur ihrem Mann und ihrer Tochter zuliebe ist sie mitgegangen nach Israel, einem Land, das ihr wie eine unkultivierte Wüste vorkommt. "Eure hysterische Freude über dieses neue Land kann ich nicht teilen", sagt sie ihrem Mann. Anuschka gräbt sich ein in der Trauer um ihre tote Familie, von der nicht einer überlebt hat. Sie weigert sich anzukommen, Hebräisch zu lernen, sie bleibt beim Polnischen, auch wenn sie das noch mehr isoliert.

Dieser traurigen Mutter und dem hektischen, zusehends verzweifelten Vater versucht die kleine Tochter beizustehen. Sie erzählt diese ganze Geschichte mit der Hellsichtigkeit eines zu früh in die Verantwortung getriebenen Kindes. Aliza Olmert hat einen sehr klaren, überzeugenden Ton gefunden für diesen Bericht, der auf den Erfahrungen ihrer eigenen Familie beruht. Wie ihre junge Heldin wurde Aliza Olmert kurz nach dem Krieg in Deutschland geboren, auch sie ist mit ihrer Familie in das gerade gegründete Land Israel gekommen. Sogar die bizarre Geschichte mit den Schnallen hat sich in ähnlicher Weise zugetragen.

In Israel ist Aliza Olmert als sehr vielseitige bildende Künstlerin bekannt, sie hat außerdem Drehbücher und Theaterstücke geschrieben. Noch bekannter wurde sie, als ihr Mann Ehud Olmert im April 2006 zum israelischen Ministerpräsidenten gewählt wurde.

"Ein Stück vom Meer" ist der erste Roman von Aliza Olmert, sie hat ihm ein vorsichtig optimistisches Ende gegeben. Olek gibt seinen Schnallentraum auf und kehrt in seinen alten Beruf zurück. Seine Frau Anuschka bleibt sich treu, sie schafft sich ein kleines Polen in der neuen Heimat, mit einer polnischen Bibliothek und einem Freundeskreis, der ausschließlich aus anderen polnischen Juden besteht. Alusia schließlich kann in der Schule das Schnallentrauma der Familie positiv bearbeiten, für das Schultheater bastelt sie Panzerhemden aus den deutschen Wehrmachtsschnallen. Diese Rüstungen bleiben am Ende leer auf der Bühne zurück. Was die Familie aber nicht abstreifen kann, das ist der ungemein schwere Anfang in Israel.

Rezensiert von Frank Meyer

Aliza Olmert: Ein Stück vom Meer
Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler und Eldad Stobezki
Aufbau Verlag 2007
370 Seiten, 19,95 Euro.

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