Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature

Sonntag, 21.10.2018
 
Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature

Interview | Beitrag vom 09.10.2018

Übersetzungssoftware"Nächste große Welle wird das übersetzte Internet sein"

Wolfgang Blau im Gespräch mit Axel Rahmlow

Beitrag hören Podcast abonnieren
Tablet-PCs mit Texten in verschiedenen Sprachen: Könnten die alle maschinell übersetzt werden, wäre das ein großer Gewinn für die digitale Wirtschaft. (Imago / Ikon Images)
Tablet-PCs mit Texten in verschiedenen Sprachen: Könnten die alle maschinell übersetzt werden, wäre das ein großer Gewinn für die digitale Wirtschaft. (Imago / Ikon Images)

Wir nutzen die Suchmaschine Google und amerikanische Social-Media-Dienste. Dieser Zug sei für die Europäer abgefahren, sagt Wolfgang Blau, Präsident des Verlags Condé Nast International. Doch die EU könne punkten, wenn sie in globale Übersetzungstechnik investiere.

In der EU gibt es offizielle 24 Sprachen. In Brüssel kann man beobachten, was passiert, wenn jeder offizielle Text in weitere 23 Sprachen übersetzt werden muss. Das ist auch ein Problem für die digitale Wirtschaft, sagt Wolfgang Blau, Präsident des Verlages Condé Nast International, in dem auch die Zeitschrift Vogue erscheint.

In einem Interview hat Wolfgang Blau die Europäische Union aufgefordert, eine Milliarde Euro in die Entwicklung von "Maschinellen Übersetzungen" zu investieren. Blau sagt, es gebe einen fragmentierten Sprachraum in Europa, das sei ein "Flaschenhals" für die digitale Wirtschaft.

"Wenn Sie zum Beispiel eine E-Commerce-Webseite in Deutschland starten, dann haben sie das Glück, dass die deutsche Sprache von immerhin 18 Prozent der EU-Bevölkerung gesprochen wird", sagt Wolfgang Blau. "Das heißt aber, dass sie mit ihrer E-Commerce-Webseite maximal 18 Prozent der EU-Bürger erreichen. Das sind immerhin 510 Millionen. Eigentlich könnten wir mit diesem digitalen Binnenmarkt, von dem die EU träumt, ein wirkliches Gegengewicht schaffen zur stärkeren Marktmacht der amerikanischen Plattformen. Aber das scheitert am Ende dann eben doch an diesem fragmentierten Sprachraum."

"Qualität ist nicht sehr gut"

Wolfang Blau schlägt deshalb "Maschinelle Übersetzungen" vor. Bereits jetzt gibt es Software, die dabei hilft, Texte von einer Sprache in die andere Sprache zu übersetzen, sagt Blau. Die bekannteste sei Google Translate, die heute schon täglich mehr Texte übersetze als alle menschlichen Übersetzerinnen und Übersetzer auf der Welt zusammen:

"Die Qualität dieser Übersetzungen ist aber immer noch nicht sehr gut, vor allem bei sogenannte Idiomen oder Sprachbildern kann es dann sehr schnell zu Missverständnissen kommen."

Der Journalist Wolfgang Blau (picture alliance/dpa/Foto: Svea Pietschmann)Wolfgang Blau: eine Milliarde Euro für ein Flaggschiffprojekt (picture alliance/dpa/Foto: Svea Pietschmann)

So gibt es bereits Forschungsverbände zwischen verschiedenen Universitäten, sagt Blau, wie das "Human Language Project", die sich auch um Fördermittel bewerben:

"Und mein Vorschlag an die Europäische Union ist es, Maschinelle Übersetzungen oder Software-gestützte Übersetzungen zu einem ihrer sogenannten Flaggschiffprojekte zu machen und eine Milliarde Euro bereitzustellen über zehn Jahre. Weil ich glaube, dass das Problem der Suche gelöst ist. Natürlich wäre es schön, man hätte auch ein europäisches Google. Natürlich wäre es schön, es gäbe auch ein Facebook oder ein Social Media Netzwerk in dieser Größe, das aus Europa kommt. Aber diese beiden Züge sind abgefahren. Nach dem mobilen Internet und dem sozialen Internet wird die nächste große Welle das übersetzte Internet sein. Wir können jetzt alle Inhalte finden, aber wir können sie nicht lesen."

Telefongespräche live übersetzen

"Maschinelle Übersetzungen" soll aber nicht nur die Übersetzung von Texten bedeuten, erläutert Wolfgang Blau, sondern mit dieser technischen Lösung solle jede Sprachspur beispielsweise bei Podcasts oder auch bei Filmen isoliert in der jeweiligen Sprache hörbar sein. Oder auch Telefongespräche sollen mit diesen technischen Neuerungen live übersetzt werden können.

"Wenn ich mich jetzt mit Ingenieuren von Vogue China treffe, benutze ich jetzt auch schon Übersetzungs-Apps, in die spreche ich meinen englischen oder deutschen Satz hinein und meine chinesische Kollegin hört diesen Satz dann kurz danach auf Chinesisch gesprochen, und dann macht sie es umgekehrt. Das funktioniert erstaunlich gut. Ich nehme oft noch Übersetzerinnen mit in diese Gespräche. Die aber sagen: Nein, das war schon richtig."

Förderung einer europäischen Öffentlichkeit

Wolfgang Blau hat bei seiner Forderung nicht nur die Förderung eines digitalen Wirtschaftsmarktes im Sinn. Damit könne auch eine größere europäische Öffentlichkeit gefördert werden:

"Wenn Sie jede Zeitung, jede News-Webseite Europas in ihrer eigenen Sprache lesen könnten, würde sich ihre Wahrnehmung von Europa dramatisch verändern. Ich sehe es an einem konkreten Beispiel jetzt, dass die Wahrnehmung der EU in Asien, in den USA sehr stark von britischen Zeitungen geprägt wird. Eben weil diese in Englisch publizieren. Dass das kontinentale Europa selbst aber eigentlich keine Stimme hat weltweit, weil es sich natürlich keine europäische News-Organisation leisten kann außerhalb Irlands, um ihre Inhalte ins Englische zu übersetzen."

Wolfang Blau gibt aber zu bedenken, dass "Maschinelle Übersetzungen" zu "furchtbaren Urheberrechtskonflikten" führen werde. Dennoch wirbt er für seine Forderung, denn wenn die Europäische Union nicht voranschreite, würden es andere tun wie chinesische Unternehmen.

(jde)

Mehr zum Thema:

Digitalisierung - "Wir müssen das Internet neu überdenken"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 25.10.2016)

Interview

BinnenschifffahrtDem Rhein geht das Wasser aus
Zwei Schiffe fahren bei Niedrigwasser über den Rhein, zu sehen sind auch Sandbänke, die aus dem Wasser ragen. (dpa / Rolf Vennenbernd)

Transportschiffe auf dem Rhein müssen ihre Ladungen inzwischen verringern. Die Binnenschifffahrt sei durch den Wassermangel noch nicht gefährdet, sagt Silke Rademacher von der Bundesanstalt für Gewässerkunde, aber: "Wir brauchen lang anhaltenden Regen."Mehr

Schmerz und SpracheWenn schon Worte weh tun
Kopfschmerzen sind schon bei jungen Menschen verbreitet. (dpa/picture alliance/Frank Rumpenhorst)

Im Umgang mit Patienten ist schon beim Gespräch über Schmerzen Vorsicht angebracht, sagt die Psychologin Maria Richter. Sie hat das Verhältnis zwischen Schmerz und Sprache untersucht und gibt Empfehlungen für Ärzte und Angehörige. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur