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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.03.2010

Überschätzt

Gorkis "Kinder der Sonne" am Hamburger Thalia-Theater

Von Ulrich Fischer

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Roter Vorhang (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Roter Vorhang (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Maxim Gorki hat seine "Kinder der Sonne" 1905 vollendet - viele Kritiker haben den Vierakter als Wetterleuchten der Oktoberrevolution interpretiert.

Im Mittelpunkt steht Pawel Fjodorowitsch Protassow, ein Chemiker. Er möchte herausfinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dabei hat er keinen Blick für den Alltag. Seine Frau fühlt sich vernachlässigt und gibt fast dem Werben eines Freundes nach.

Das großbürgerliche Haus ist bereits verkauft, ein gerissener Finanzmann lauert darauf, Protassow den Rest seines ererbten Vermögens abzuluchsen. Überdies herrscht in der Stadt die Cholera, unwissende Bewohner verdächtigen die Ärzte, sie hätten die Menschen krank gemacht, um daran zu verdienen.

Unwissenheit und Misstrauen kennzeichnen das Verhältnis der großen Masse zu den wenigen Gebildeten. Am Ende wird Protassows Haus gar überfallen. In schroffem Gegensatz dazu steht der idealistische Aufschwung des Forschers, der mitreißend von den Möglichkeiten der Menschheit schwärmt – wir seien "Kinder der Sonne", die Zukunft leuchte hell.

Luk Perceval hat Gorkis Meisterwerk bearbeitet, in Hamburg bleibt nur noch ein Schatten. Perceval verändert den Dialog – er rückt Gorkis präzise Sprache an unsere Umgangssprache heran, sodass sie das Zupackende verliert. Die Figurenfülle wird vermindert wie der Umfang – ein Drittel des Textes fällt dem Rotstift zum Opfer. Darunter auch Gorkis Schlüsselszene, in der Erniedrigte und Beleidigte die Villa überfallen, weil sie den Chemiker verdächtigen, er habe die Seuche verursacht.

In Hamburg spielt das Stück nicht 1905 im vorrevolutionären Russland, sondern in Hamburg heute. Gorki schilderte das Wirrwarr des gesellschaftlichen Chaos im Zarenreich, um klar zu machen, dass man endlich mal zupacken müsse, vor allem die Intelligenz, um die schlimmsten Missstände, wie zum Beispiel die Cholera, zu beseitigen. In Hamburg fehlt Gorkis optimistische Geschichtsphilosophie, sie wird ersetzt von Percevals neoliberaler Skepsis: nie ändert sich irgendwas, vor allem nicht zum Besseren.

Um dieser Überzeugung der Wiederkehr des Immergleichen Ausdruck zu verleihen, hätte Perceval aber gerade nicht "Die Kinder der Sonne" wählen sollen – denn die Cholera ist ein Beispiel dafür, dass es in der Wirklichkeit gibt, was Perceval auf der Bühne leugnet: gesellschaftlichen Fortschritt.

Wir sind der Seuche zum Beispiel in Deutschland Herr geworden, weil das Trinkwasser sauberer geworden ist, das Abwasser geklärt wird, weil die Hygiene verbessert wurde – und die Cholera als Krankheit erforscht und wissenschaftlich bekämpft werden konnte (Danke, Robert Koch!). Gorki hatte ganz recht mit seinem Donnerwetter und seiner Hoffnung, die Menschheit möge endlich erkennen, sie seien Kinder der Sonne. Perceval muss schwer eingreifen und eine wichtige Szene streichen, um seinem modischen Pessimismus zur Anschauung zu verhelfen.

Ästhetisch ist das ein Jammer – Gorkis plastisches Meisterwerk wird zum Comicstrip, Gorkis dreidimensionale Gestalten in Hamburg zweidimensional – die Schauspieler - unter ihnen namhafte Mimen wie Oda Thormeyer, Josef Ostendorf und Jens Harzer - dürfen nicht zeigen, was sie können, weil der Regisseur, einer der Regietheaterkönige, tyrannisch sein Szepter schwingt und sie in ein Korsett einschnürt, das ihnen den kreativen Atem raubt.

Wie ist es nur möglich, dass sich Luk Perceval so lange als Regisseur an namhaften Bühnen hält? Sein Mangel an Talent ist schwer übersehbar und seine Einschätzung, er könne Gorki verbessern oder ihm auch nur das Wasser reichen, streift das Komische. Selbstkritik gehört wohl nicht zu Percevals herausragenden Tugenden.

Einmal mehr bestätigte sich in den "Kindern der Sonne", was sich spätestens seit dem Desaster mit "Molière" (in Salzburg 2007) herausgestellt hatte: Perceval wird überschätzt.

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