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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.03.2018

"Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch" am Schauspielhaus HamburgGaga in zweiter Potenz

Von Heide Soltau

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Szene aus "Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch" von Christoph Marthaler nach Alfred Jarry. Das Bild zeigt eine Frau im Kostüm, die seitwärts auf einem Hocker liegt. (imago / Hauke Hass)
Szene aus "Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch" von Christoph Marthaler nach Alfred Jarry. (imago / Hauke Hass)

Der Schriftsteller Alfred Jarry war mit seinen absurden Texten ein Vorläufer des Dadaismus. Er erfand die sogenannte Pataphysik – die Wissenschaft von den imaginären Lösungen. Für Regisseur Christoph Marthaler ist das ein gefundenes Fressen. Doch diesmal mangelt es ihm an Suggestivkraft.

Der Samstag endete blutig mit Mord. "Schlafende Männer" von Martin Crimp ist eine verschärfte Variante des Dramas "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1962). Inszeniert hatte die Uraufführung die britische Regisseurin Katie Mitchell.

Am Sonntag waren die Männer nach einem kurzen Auftritt "außer Reichweite", weggeblasen von einem "starken Sonnenwind" und ihrer Entmagnetisierung. So hatten die Frauen die Bühne für sich, sieben famose Schauspielerinnen, die das Publikum mit ihren Gesängen verzauberten, aber auch etwas ratlos zurückließen.

Ein ideales Feld für Marthaler

"Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch" - der Stoff ist ein typischer Marthaler. Es orientiert sich an Alfred Jarry. Der französische Schriftsteller (1873 bis 1907) war ein fantasievoller Sprachkünstler, er gilt als Vorläufer der Surrealisten, Dadaisten und des absurden Theaters und war berühmt für seine Provokationen. Immer feste drauf. Da kannte er kein Pardon.

Jarry schrieb nicht nur Theaterstücke ("König Ubu") und Prosa, er entwickelte auch die sogenannte "'Pataphysik", die Wissenschaft von den imaginären Lösungen. Ein "absurdistisches", sprachspielerisches Konzept, für das sich in der Vergangenheit zahlreiche Künstler begeistert haben, darunter Marcel Duchamp, Max Ernst, Eugène Ionesco, Boris Vian, Gertrude Stein, Louis Malle, Dario Fo und die Marx Brother.

Die 'Pataphysik sei Gaga in zweiter Potenz, hat ein Anhänger einmal geschrieben. Für Christoph Marthaler und seine Bühnenbildnerin Anna Viebrock also ein ideales Feld, um es weiter zu beackern.

Die Bühne im Schauspielhaus ist ein heruntergekommener Raum mit abgerissenen Tapeten und - wie so oft, wenn Marthaler und Viebrock am Werk sind - Türen und Treppen, die ins Nirgendwo führen. Dazu ein Garderobentresen, der sich quer über die ganz Breite zieht, links eine Tafel mit der Ankündigung "Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch, Saal 2", davor die Garderobiere (Rosemary Hardy), strickend, bis die ersten Besucher erscheinen. Dann lässt sie ihr Wollknäuel verschwinden und nimmt Mäntel und Hüte in Empfang.

Eine herrliche Szene, denn es gibt nichts zum Aufhängen. Sie reckt sich ins Leere, die Mäntel fallen auf den Boden.

Als alle Besucher im Saal verschwunden sind, ertönt plötzlich eine digitale Stimme: Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch muss "leider vollständig eliminiert werden". Ein Sonnenwind habe das irdische Magnetfeld durcheinandergebracht, so die Erklärung.

Dank eines Notstromsystems könne das Licht in diesem Raum zwar für hundert Minuten stabil gehalten werden, aber die angesetzte Jahrestagung einer Gruppe internationaler Geistes- und Naturwissenschaftler müsse ausfallen.

(Matthias Horn)Probenfoto aus Christoph Marthalers "Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. (Matthias Horn)

Geplant waren Diskussionen "über die Bedeutungsverschiebung von Lust, Liebe und Geschlechterdifferenz in Zeiten elektromagnetisch gesteuerter Kommunikationsprozesse". Doch diese Debatten hätten sich nun erübrigt, weil die männlichen Teilnehmer der Jahrestagung durch Entmagnetisierung "außer Reichweite" geraten seien. Und noch etwas, informiert die digitale Stimme: Eine Gottheit wurde aus dem Äther zur Erde geschleudert, die das "Paralleluniversum der Pataphysik" repräsentiert.

Alfred Jarrys Zeitmaschine

Nach diesem grandiosen Beginn verschwindet der Garderobentresen in der Versenkung und gibt den Blick frei auf einen gefliesten, mit Barhockern möblierten Raum, hinten eine Teeküche und ein Podest, auf dem die pataphysische Gottheit am Klavier thront (Clemens Sienknecht). Auf dem Boden mehrere Paar Herrenschuhe, vielleicht die Überreste der verschwundenen Männer. Ein schräges Spektakel nimmt nun seinen Lauf.

Eine Frau zitiert aus A Play Called Not and Now von Gertrude Stein, Musikerinnen schreiten mit ihren Instrumenten über die Bühne, eine Weißgekleidete im engen Kostüm (Sasha Sau) erzählt aufgeregt von eine Schnecke, die am Boden liegt: "Wieso liegt die denn eigentlich da? Genau da? Da da da?", stottert sie nach einem Gedicht von Nora Gomringer.

Dann wieder stellen sich alle sieben in eine Reihe und singen entrückt mit geschlossenen Augen, während sie ihre Finger nervös bewegen. Oder sie kauern in abenteuerlichen Posen auf den Barhockern. Ab und zu erscheint eine von ihnen mit einer Pipette (Bettina Stucky), gibt einige Tropfen auf die Herrenschuhe und schleckt die Pipette danach ab. Dann beschimpft sie einen Schuh und redet von einem Brief, den sie nicht schreiben wird.

Im Hintergrund erhebt die pataphysische Gottheit ihre Stimme und hält einen wissenschaftlichen Vortrag über den Bau einer Zeitmaschine. Währenddessen trägt ein Mann ein Fahrrad die Treppe herunter, baut es auf und beginnt zu treten.

Nicht zufällig baut Marthaler diese Szene in den Abend ein. Alfred Jarry war ein passionierter Radler, der meistens Radrennfahrer-Klamotten getragen haben soll. "Der pataphysische Geist ist der Nagel im Reifen", spricht die Gottheit.

Niemand im Publikum lacht, es herrscht andächtige Stille. Aus Respekt, weil Marthaler in Hamburg seine Fans hat? Oder weil sich der Witz nicht erschließt? Erst als der Fahrradmann (Marc Bodnar) wie aufgezogen hin und her stolziert und sich die Frauen dann seiner bedienen und mit ihm herumtanzen, schmunzeln einige. 

Schöne Momente, viel Flaute

"Ich werde etwas mit Sprache machen", meldet sich die pataphysische Gottheit später noch einmal zu Wort und rezitiert das hinreißend komische, sprach- und lautspielerische Gedicht gleichen Titels von Nora Gomringer. Das lässt sich nicht toppen. Die Antwort übernimmt die Cellistin Isabel Geweiler mit einer Suite von Bach.

Es gibt schöne Momente, aber der Abend hat zu viele Längen. Nicht die üblichen Marthaler-Längen, die aus Verschwendung entstehen, weil er gern einige Umdrehungen zu viel in die Szenen einbaut und sich nicht trennen mag von seinen Ideen. Diesmal scheinen ihm die Ideen ausgegangen zu sein.

Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch mangelt es an spielerischem Übermut, an Suggestivkraft. Und was wollte er eigentlich erzählen?

Die Schuhe der Männer "außer Reichweite" spielen eine magische Rolle, aus ihnen ziehen die sieben Schauspierlinnen zahlreiche Texte hervor. Es sieht so aus, als sei Christoph Marthaler mit Alfred Jarry und seiner Pataphysik nicht fertig geworden.

Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch
Regie: Christoph Marthaler
Inszenierung am Schauspielhaus Hamburg

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